Silvio Berlusconi Mit dem Politiker stürzt der Unternehmer

Bald ist das italienische Silvio-Jahrzehnt vorbei - und das nicht nur in der Politik. Denn in den vergangenen Jahren profitierte der Unternehmer Berlusconi stets vom Premier Berlusconi. Nun gefährdet sein angekündigter Abgang das Firmenimperium. Es gibt bereits erste böse Vorzeichen.

Von Thomas Fromm

Wenn Silvio Berlusconi montags Hof hält und zum Mittagessen in seine Villa Arcore bei Mailand bittet, ist Erscheinen Pflicht. Hier, weit weg von den römischen Machtspielen, kann sich der Milliardär im Kreise seiner engsten Vertrauten entspannen.

Nicht nur dem Politiker Silvio Berlusconi, sondern auch dem Unternehmer Silvio Berlusconi droht eine düstere Zukunft.

(Foto: Reuters)

So auch Anfang der Woche. Alle waren da: Tochter Marina, der Berlusconi die milliardenschwere Familienholding Fininvest anvertraut hat. Sohn Pier Silvio, vom Vater schon vor Jahren bei der konzerneigenen Privatsenderkette Mediaset installiert, Berlusconis Jugendfreund, langjähriger Wegbegleiter und Mediaset-Manager Fedele Confalonieri, dazu Advokat Niccolo Ghedini. Es ist die wöchentliche Gelegenheit, Familiendinge zu regeln und sich mit seinen Statthaltern aus den Mailänder Konzern-Etagen auszutauschen.

Diesmal aber ist es ein historisches Treffen. Denn es herrscht Berlusconi-Dämmerung in Italien, und während draußen der Bindfadenregen in die norditalienische Po-Ebene fällt, geht es in der Villa Arcore um alles. Um die Zukunft des Politikers Berlusconi - und um die Zukunft seines weiten Konzernreiches. Später heißt es, Marina habe ihren Vater angefleht, noch durchzuhalten. Jetzt ja nicht aufgeben. Wer in diesen Zeiten gegen ihn sei, handle verantwortungslos, soll sie ihren Freunden gesagt haben.

Der Entourage des 75-jährigen Konzernpaten geht es längst nicht mehr um Politik. Es geht um die Frage: Was, wenn nach dem Untergang des Politikers Berlusconi dessen Firmenreich zerfällt? Es gibt erste böse Vorzeichen. In den ersten neun Monaten ist der Gewinn von Berlusconis Privatsendergruppe um über 13 Prozent auf 166 Millionen Euro eingebrochen; seit Jahresanfang hat die Mediaset-Aktie fast 50 Prozent verloren - allein am Mittwoch, dem Tag nach den Rücktrittserklärungen, stürzte der Titel noch einmal über zehn Prozent in die Tiefe.

Kein Zweifel: Die Anleger lassen die Firmen des Multi-Milliardärs fallen. Zum ersten Mal. Die Skepsis ist groß. Wenn es stimmt, dass der Unternehmer Berlusconi seit Jahren vor allem vom Ministerpräsidenten Berlusconi profitiert hat, dass das doppelte Leben des Italieners ein einziger Interessenkonflikt war - was bedeutet es dann, wenn der Politiker jetzt abdankt? Wenn der Unternehmer Probleme mit der Justiz hatte - Meineid, Bestechung, Bilanzfälschung, Steuerhinterziehung - wusste der Politiker oft eine Lösung. Wie ein im Juni 2003 verabschiedetes Immunitätsgesetz. Aber was soll nun werden, wo er keine Gesetze mehr fertigen kann?

Es war vor genau 18 Jahren, als der aufstrebende Unternehmer und frühere Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen den engen Vertrauten Marcello Dell'Utri in seine Mailänder Villa bat und ihn fragte, ob er ihm nicht beim Aufbau einer neuen Volkspartei behilflich sein könnte. Später sagten viele, Berlusconi sei nicht in die Politik gegangen - er habe sich notgedrungen dorthin geflüchtet

Die Familienholding Fininvest: hoch verschuldet. Die privaten Fernsehsender Italiens: noch ganz am Anfang. Dazu machten schon kurze Zeit später erste Theorien zu angeblichen Mafia-Verbindungen des einstigen Bauunternehmers die Runde. Eine Politikerkarriere ergab also durchaus Sinn. Als eine Art Selbsthilfe.

"Früher oder später lande ich bei Silvio"

Das Imperium wuchs und wurde immer größer und mächtiger. Die TV-Gruppe Mediaset, die Direktbank Mediolanum, der Fußballclub AC Milan, der Großverlag Mondadori, Videoshops, Kaufhäuser, Werbeagenturen, das Mailänder Boulevard-Theater Manzoni. "Egal was ich in meiner Freizeit mache - früher oder später lande ich bei Silvio", sagen Mailänder.

Lange Zeit gelang es dem Cavaliere, seine Quasi-Monopolstellung auf dem italienischen Fernsehmarkt auszuspielen - und auszubauen. Wo sollten sie auch sonst hingehen, die Anzeigenchefs von Fiat, Telecom Italia oder vom Energieriesen Enel, um ihre TV-Spots zu schalten? Damit könnte es bald vorbei sein. Sollte es Berlusconi misslingen, einen Vertrauten zum neuen Premier zu küren, dürfte die kommende Regierung das Mediensystem neu ordnen und Obergrenzen für den Anteil am TV-Werbemarkt verordnen. Und das in einer Zeit, in der Mediaset Boden gegen die Konkurrenten Sky und La7 verliert.

Ende 2000, der Unternehmer war mächtig und Italien stand an der Schwelle zu einem Berlusconi-Jahrzehnt, waren die Unternehmen und Beteiligungen über elf Milliarden Euro wert. Heute sind es knapp über zwei Milliarden. "Die Macht verschleißt nur den, der sie nicht hat", sagte einst Italiens Polit-Altmeister Giulio Andreotti. Das gilt nicht nur für Ex-Ministerpräsidenten, sondern auch für Großunternehmer.

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