Tierschutz:Brauchen Landwirte für die Narkose einen Tierarzt?

Das Bundeslandwirtschaftsministerium dagegen hält eine Narkose durch Landwirte für vertretbar. Es seien stark standardisierte, relativ einfache Vorgänge, erklärt Staatssekretär Hermann Onko Aeikens und weist darauf hin, dass Tierärzte nicht mehrere Jahre Anästhesie studieren, sondern sich mit vielen Dingen beschäftigen.

Auch der Deutsche Bauernverband weist die Einwände der Tierärzte zurück. Landwirte würden jeden Tag mit Tieren arbeiten und bräuchten für eine Narkose keinen Tierarzt, wenn sie geschult seien, betont dessen Generalsekretär Bernhard Krüsken. Für die Landwirte geht es dabei vor allem um die Kosten. Ein Tierarzt muss bezahlt werden. Die Schweinehalter stünden unter Druck, argumentiert Krüsken. Außerdem gebe es gar nicht genügend Tierärzte, um die Millionen Ferkel zu behandeln, die jedes Jahr in deutschen Ställen heranwachsen.

Eine Spritze für Eber könnte den Eingriff überflüssig machen

Einen Mangel an Fachärzten bestätigt auch der Veterinärwissenschaftler Waldmann, sollten in Zukunft tatsächlich alle Ferkel unter Narkose kastriert werden. Doch er bringt noch eine andere Lösung ins Spiel, die den Tieren die Qual der Kastration ersparen würde: Warum nicht das Fleisch unkastrierter Eber verkaufen? Das Problem dabei ist offenbar, dass Schlachtunternehmen Eberfleisch nicht gern annehmen, weil es mitunter unangenehm riecht. Vermeiden ließe sich das jedoch durch eine Impfung. Für den Tierschutz sei die sogenannte Immunokastration die optimale Alternative, heißt es beim Friedrich-Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Die Eber wären dann auch ruhiger und weniger aggressiv.

Warum aber findet diese schonende Lösung bislang keine Beachtung? Der Bauernverband macht dafür Fleischindustrie und Lebensmittelhandel verantwortlich, weil sie Eber und geimpfte Tiere nur zögerlich abnähmen - offenbar aus Angst, die Verbraucher könnten das Fleisch ablehnen. Auch das Agrarministerium weist auf Ressentiments von Handel und Verarbeitern gegenüber der Ebermast hin. Das Loeffler-Institut fordert hingegen, Händler sollten zur Abnahme von Fleisch behandelter Eber verpflichtet werden. Der Impfstoff sei unbedenklich, es handele sich auch nicht um Hormonfleisch.

Mehrere Schlachtunternehmen erklärten, sie würden solche Tiere durchaus annehmen. Beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels hieß es, im gesamten Handel würden alle Verfahren akzeptiert, die gesetzlich erlaubt seien. In Bezug auf die einzelnen Methoden würden die Unternehmen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Die Realität in den Ställen ist jedoch eine andere. Und das obwohl sich Bauern, Handel und Fleischindustrie bereits 2010 auf EU-Ebene einigten, ab 2012 kein Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren und ab 2018 komplett auf die chirurgische Kastration zu verzichten. Heute, im Jahr 2019, scheint die gesamte Branche davon noch weit entfernt zu sein.

Für Inge Böhne ist das alles schwer nachvollziehbar. Ein paar Minuten nach dem Eingriff schaut die Tierärztin nach den kastrierten Ferkeln. Mit blutigem Hinterteil und wackelig auf den Beinen taumeln sie zu den Zitzen der Mutter. Böhne wünscht sich unversehrte Tiere und damit ein schnelles Ende der Ferkelkastration.

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