Süddeutsche Zeitung

Tierschutz:Das Leid der Ferkel geht weiter

  • Noch immer werden in Deutschland viele Ferkel ohne Betäubung kastriert.
  • Damit soll künftig Schluss sein - aber statt Ärzten will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner den Landwirten das Betäuben der Tiere erlauben.
  • Der Widerstand gegen diesen Vorstoß ist enorm, denn die Bauern sind dafür nicht ausgebildet - und es gäbe eine andere, viel einfachere Lösung.

Von Oda Lambrecht, Hamburg

Am Ende geht es wohl vor allem um den Verkauf von Schweinefleisch und darum, keinen einzigen Kunden zu verschrecken: Weil das Fleisch von unkastrierten Ebern in wenigen Fällen beim Erhitzen einen unangenehmen Geruch entwickeln kann, werden in Deutschland pro Jahr rund 20 Millionen männlichen Ferkeln die Hoden abgeschnitten.

Die starke Lobby der Tierhalter hat dafür gesorgt, dass Landwirte den schmerzhaften Eingriff immer noch ohne Betäubung vornehmen dürfen. Doch ab 2021 ist damit Schluss. Einige Tierschutzprogramme verlangen die Betäubung bereits heute und gleichen auch die Mehrkosten aus. So lassen manche Betriebe ihre Ferkel bereits vor dem offiziellen Verbot nur unter Narkose kastrieren.

Dass dieser Eingriff keine Lappalie ist, wird bei einem Besuch auf einem Hof mit etwa 800 Ferkeln bei Osnabrück in Niedersachsen deutlich. Hier ist Tierärztin Inge Böhne für die Kastration der Tiere zuständig. Die 61-Jährige nimmt eines der drei Tage alten Ferkel und legt es auf den Rücken in eine kleine Plastikwanne. Die zappelnden Hinterbeine klemmt sie mit einem Bügel fest. Gleichzeitig drückt sie die winzige Schnauze in eine Atemmaske. Während Narkosegas einströmt, erschlaffen langsam die Beine des Tiers. Zwanzig Minuten zuvor hat sie dem Tier bereits ein Schmerzmittel verabreicht, damit es, wie sie sagt, nach dem Aufwachen nicht unter Wundschmerzen leidet. Nachdem sie noch einmal überprüft hat, dass das Ferkel keine Reflexe mehr zeigt, durchtrennt sie mit gezielten Schnitten die Samenstränge. Dann legt sie das Ferkel wieder in die Stallbucht unter eine Wärmelampe.

Solche Narkosen dürfen bislang nur Tierärzte vornehmen. Doch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will das ändern und hat eine entsprechende Verordnung auf den Weg gebracht. Demnach sollen deutsche Landwirte die Narkose mit dem gerade erst zugelassenen Mittel Isofluran selbst übernehmen dürfen, wenn sie zuvor einen Schnellkurs mit sechs Stunden Theorie plus Praxisteil absolviert haben.

Berufsverbände der Veterinäre protestieren heftig

Die Tierärztin hält ein solches Vorgehen für unverantwortlich. Es gehöre eine Menge tiermedizinischer Sachverstand dazu, um etwa beurteilen zu können, ob ein Tier überhaupt belastbar und narkosefähig sei, betont sie und hebt ein weiteres Ferkel in die Höhe: "Dieses Tier werde ich jetzt nicht kastrieren." Das Ferkel sei zu klein, habe Durchfall und sei für die Narkose auf keinen Fall geeignet. Wenn diese nicht mit dem nötigen Sachverstand vorgenommen werde, sei das ganze Verfahren nur Augenwischerei, sagt sie.

Die Berufsverbände der Veterinäre protestieren gegen das Vorhaben der Landwirtschaftsministerin. Der Bundesverband Praktizierender Tierärzte weist in einer Stellungnahme darauf hin, dass es bei der Narkose zu Zwischenfällen kommen könne. Hier sei umfangreiches Fachwissen nötig. Ähnlich äußert sich der Veterinärwissenschaftler Karl-Heinz Waldmann. Er ist Klinikdirektor an der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Vorsitzender des Ausschusses Schwein der Bundestierärztekammer (BTK). Die Kammer spricht sich entschieden dagegen aus, dass Nicht-Tierärzte die Narkose mit dem Mittel Isofluran durchführen dürfen. Dabei handele es sich um einen anspruchsvollen Vorgang, den die Studierenden in mehreren Semestern erlernen müssten, so Waldmann.

Brauchen Landwirte für die Narkose einen Tierarzt?

Das Bundeslandwirtschaftsministerium dagegen hält eine Narkose durch Landwirte für vertretbar. Es seien stark standardisierte, relativ einfache Vorgänge, erklärt Staatssekretär Hermann Onko Aeikens und weist darauf hin, dass Tierärzte nicht mehrere Jahre Anästhesie studieren, sondern sich mit vielen Dingen beschäftigen.

Auch der Deutsche Bauernverband weist die Einwände der Tierärzte zurück. Landwirte würden jeden Tag mit Tieren arbeiten und bräuchten für eine Narkose keinen Tierarzt, wenn sie geschult seien, betont dessen Generalsekretär Bernhard Krüsken. Für die Landwirte geht es dabei vor allem um die Kosten. Ein Tierarzt muss bezahlt werden. Die Schweinehalter stünden unter Druck, argumentiert Krüsken. Außerdem gebe es gar nicht genügend Tierärzte, um die Millionen Ferkel zu behandeln, die jedes Jahr in deutschen Ställen heranwachsen.

Eine Spritze für Eber könnte den Eingriff überflüssig machen

Einen Mangel an Fachärzten bestätigt auch der Veterinärwissenschaftler Waldmann, sollten in Zukunft tatsächlich alle Ferkel unter Narkose kastriert werden. Doch er bringt noch eine andere Lösung ins Spiel, die den Tieren die Qual der Kastration ersparen würde: Warum nicht das Fleisch unkastrierter Eber verkaufen? Das Problem dabei ist offenbar, dass Schlachtunternehmen Eberfleisch nicht gern annehmen, weil es mitunter unangenehm riecht. Vermeiden ließe sich das jedoch durch eine Impfung. Für den Tierschutz sei die sogenannte Immunokastration die optimale Alternative, heißt es beim Friedrich-Loeffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Die Eber wären dann auch ruhiger und weniger aggressiv.

Warum aber findet diese schonende Lösung bislang keine Beachtung? Der Bauernverband macht dafür Fleischindustrie und Lebensmittelhandel verantwortlich, weil sie Eber und geimpfte Tiere nur zögerlich abnähmen - offenbar aus Angst, die Verbraucher könnten das Fleisch ablehnen. Auch das Agrarministerium weist auf Ressentiments von Handel und Verarbeitern gegenüber der Ebermast hin. Das Loeffler-Institut fordert hingegen, Händler sollten zur Abnahme von Fleisch behandelter Eber verpflichtet werden. Der Impfstoff sei unbedenklich, es handele sich auch nicht um Hormonfleisch.

Mehrere Schlachtunternehmen erklärten, sie würden solche Tiere durchaus annehmen. Beim Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels hieß es, im gesamten Handel würden alle Verfahren akzeptiert, die gesetzlich erlaubt seien. In Bezug auf die einzelnen Methoden würden die Unternehmen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Die Realität in den Ställen ist jedoch eine andere. Und das obwohl sich Bauern, Handel und Fleischindustrie bereits 2010 auf EU-Ebene einigten, ab 2012 kein Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren und ab 2018 komplett auf die chirurgische Kastration zu verzichten. Heute, im Jahr 2019, scheint die gesamte Branche davon noch weit entfernt zu sein.

Für Inge Böhne ist das alles schwer nachvollziehbar. Ein paar Minuten nach dem Eingriff schaut die Tierärztin nach den kastrierten Ferkeln. Mit blutigem Hinterteil und wackelig auf den Beinen taumeln sie zu den Zitzen der Mutter. Böhne wünscht sich unversehrte Tiere und damit ein schnelles Ende der Ferkelkastration.

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Quelle:
SZ vom 29.03.2019/vit
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