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Digitalisierung:Deutsche Bahn will den Zugverkehr weitgehend automatisieren

Jahresrückblick 2015 - Bewegende Bilder

Güterbahnhof in Köln. Die Bundesregierung prüft, ob die Bahntrassen in Deutschland digitalisiert werden sollen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)
  • Mehrere Monate lang hat die Bundesregierung von Experten prüfen lassen, ob sich ein Großteil der Bahntrassen digitalisieren lassen würde. Am Mittwoch sollen die Ergebnisse vorgestellt werden.
  • Sollten die Berater zu einem positiven Ergebnis kommen, könnte es eine der größten Modernisierungen der Bahngeschichte werden: Personen- und Güterzüge könnten dann weitgehend automatisch über die Gleise rollen.
  • Dadurch erhofft sich der Konzern bis zu 20 Prozent mehr Kapazität für Züge, ohne neue Gleise verlegen zu müssen. Die Investitionen für das Projekt wären aber ernorm.

Nach Aufbruch sieht in diesen Tagen ziemlich wenig aus bei der Deutschen Bahn. Vergangene Woche erst faltete der Vorstand sein Management per Brandbrief zusammen. Rekordverdächtig viele Verspätungen, sinkende Gewinne, steigende Schulden: Die Bahn-Spitze bescheinigte dem eigenen Konzern einen desolaten Zustand. Die Mitarbeiter gingen nach der Attacke auf die Barrikaden. Der Konzernbetriebsrat sprach von einer "Bankrotterklärung des Vorstands". Die Bahn demoliere gerade selbst ihr Image in der Öffentlichkeit, klagte der Bahnbeauftragte der Regierung, Enak Ferlemann, am Wochenende.

Einen schlechteren Zeitpunkt hätte die Bahn kaum wählen können. Denn ausgerechnet in dieser Woche geht es um die Zukunft des Schienenverkehrs in Deutschland. Über Monate hat die Bundesregierung von Experten prüfen lassen, ob sich ein Großteil der 40 000 Kilometer Trassen in einem der größten Modernisierungspläne der Bahngeschichte digitalisieren lässt. Am Mittwoch sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. Kommen die Berater zu einem positiven Ergebnis, dürfte das Jahrhundertprojekt Realität werden und das Bahnfahren in Deutschland verändern: Personen- und Güterzüge könnten dann weitgehend automatisch über die Gleise rollen.

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In der Bahnzentrale am Potsdamer Platz in Berlin hoffen die Konzernstrategen so auf die Rettung aus einem Dilemma. Denn die Passagierzahl wächst rasant und damit auch der Bedarf für mehr Züge und einen dichteren Takt. Angesichts von 40 000 Personen- und 5000 Güterzügen täglich aber stößt das Netz bereits an Grenzen - vor allem auf den besonders stark befahrenen Trassen wie dem Rheintal. Weil Behörden der Technik mehr zutrauen als dem Menschen, könnte die Bahn digital überwacht und gesteuert enger getaktet fahren. Das digitale Zugsteuerungssystem ETCS soll Lokführern im Cockpit Arbeit abnehmen und viele der 160 000 Signale überflüssig machen.

"Ein digitales Netz bedeutet, bis zu 20 Prozent mehr Kapazität für Züge auf dem gleichen Schienennetz zu haben - ohne dass wir neue Gleise verlegen", sagt der zuständige Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla der Süddeutschen Zeitung. "Das wäre ein Entwicklungsschub, wie wir ihn lange nicht erlebt haben." Ziel sei es, "nicht nur deutlich mehr Passagiere zu transportieren, sondern auch wieder mehr Güter von den vollen Autobahnen auf die Schiene zu bekommen". Das größte Problem: die hohen Kosten. Zu denen schweigt die Bahn eisern. Doch nach Angaben aus Regierungskreisen kommt die bisher vertrauliche Machbarkeitsstudie der Unternehmensberater von McKinsey bei der gesamten Umstellung des Netzes und der Fahrzeuge binnen 15 bis 20 Jahren auf 28 Milliarden Euro.

Zu viele Rabatte

Angesichts sinkender Gewinne bei der Bahn fordert der Bund eine Überprüfung des Rabattsystems. Die Bilanz zeige, "dass sich mit diesem Preismodell die Kosten nicht decken lassen", sagte der Bahnbeauftragte der Regierung, Enak Ferlemann, der Welt. Der Vorstand müsse überlegen, ob er das Preissystem so fortführen könne. Womöglich profitierten von Sparpreisen und Sonderrabatten nur wenige, während die Mehrheit dafür einen höheren Normalpreis zahlen müsse. Er sei "überrascht", wie viele Rabatte es gebe. afp

Immerhin fast 40 000 Kilometer Gleis müssten umgerüstet werden, Zehntausende Weichen, Tausende Stellwerke und viele Züge. Denn bislang ist das European Train Control System nur auf wenigen Strecken wie der Neubautrasse Berlin - München im Einsatz.

Die hochverschuldete Bahn könnte diese Last nicht alleine tragen. Der Bund als Eigentümer müsste einspringen. Das Votum der Gutachter fällt den Regierungskreisen zufolge dennoch positiv aus. Den Kosten stehen Einsparungen gegenüber: Der Unterhalt für das Netz würde günstiger. Die Bahn bräuchte weniger Personal für dessen Betrieb. Die Technik könnte den grenzüberschreitenden Verkehr in Europa endlich vereinfachen. Das ETCS soll langfristig mehr als 20 verschiedene Zugbeeinflussungssysteme in Europa ablösen.

Und die Alternativen wären noch teurer: Um die gleichen Effekte für mehr Züge im Netz zu erreichen, müsste es wenigstens auf den überlasteten Strecken ausgebaut werden. Mehr Gleise aber, urteilen die Gutachter, kämen fast doppelt so teuer wie die Digitalisierung. Die Bahn hofft, dass die Koalitionäre dem Staatskonzern in einem ersten Schritt Pilotprojekte finanzieren. Die könnten zeigen, was möglich ist. Gerade verhandelt der Konzern mit der Bundesregierung über einen neuen Finanzrahmen für die Aktiengesellschaft, die dem Bund zu hundert Prozent gehört. Bis 2025 müssten für den Start in die digitale Ära insgesamt 1,7 Milliarden Euro zusätzlich fließen.

Der Bahn schwebt vor, die drei besonders belasteten Strecken Dortmund - Hannover, Köln - Frankfurt und die wichtige internationale Ost-West-Güterstrecke zwischen Magdeburg und der polnischen Grenze umzurüsten. Allein auf der Güterstrecke könnten den Plänen zufolge 80 Prozent mehr Züge fahren. Zu den ersten Ausbautrassen soll daneben der internationale Nord-Süd-Korridor von Hamburg und Rostock nach München und Österreich gehören. Die Strecke von Rotterdam nach Basel wird bereits als europäisches Ausbauprojekt geplant. Als Demonstrations-Knotenpunkt einer Metropole soll Stuttgart mit dem ETCS ausgerüstet werden. Auch in Hamburg wird es Teststrecken geben.

Nach Angaben aus Regierungskreisen befürwortet die Union das Projekt. Die SPD fordert eine stärkere Steuerung der Bahn. "Kein Verkehrsunternehmen in Deutschland hat bessere Voraussetzungen, ein digital vernetzter Mobilitätsdienstleister zu werden. Sie müssen aber auch genutzt werden", sagt Fraktionsvize Sören Bartol. Er erwarte von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, dass er sich als Vertreter des Eigentümers um die Bahn kümmere, sagt Bartol. "Das ist er den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern schuldig. Angesichts der Probleme, die es offenbar in dem Unternehmen gibt, kann er sich nicht einfach wegducken." Doch auch der Druck auf die Bahn wächst, die internen Streitereien zu lösen. "Wir haben alle Versuche, das Unternehmen zu zerschlagen, abgewehrt", sagt der SPD-Vize. "Dann erwarte ich aber auch, dass die einzelnen Sparten der Deutschen Bahn ordentlich zusammenarbeiten."

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