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Kapitalismus:China im Zweikampf der Systeme

Illustration: Lisa Bucher

Ist China kommunistisch oder kapitalistisch? Das Land hat sein ganz eigenes Wirtschaftsregime entwickelt - und das kommt über Firmenübernahmen auch in Deutschland an.

Nirgendwo auf der Erde leben mehr Dollarmilliardäre als in China, die Mehrheit von ihnen übrigens im versmogten Peking - der neuen Welthauptstadt der Reichen. In kaum einem Land ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß. Wer Geld hat, kann sich die Krankenversorgung und die Ausbildung für die Kinder leisten, ein Auto und eine Wohnung kaufen. Wehe dem, der kein Geld hat in dieser Volksrepublik.

Ist das jetzt ein kapitalistisches oder ein kommunistisches Wirtschaftssystem? Fragt man chinesische Diplomaten, beteuern die, dass China längst eine Marktwirtschaft sei und deshalb auch den entsprechenden Status von der EU verliehen bekommen müsse. Fairer Wettbewerb, ein Rechtsstaat, in dem ein geschlossener Vertrag gilt, all das gibt es aber nicht. In China ist vieles anders als in Europa - aus guten Gründen, sagen Pekings Höflinge.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich in China eine Form des Kapitalismus herausgebildet, die einzigartig und voller Widersprüche ist. Es geht um Profit, es gibt Börsen und Banken, und dennoch kontrollieren die Kommunistische Partei und ihr Apparat, was im Land vor sich geht. Die großen Konzerne sind noch immer in Staatshand, gelenkt von Funktionären einer Kaderorganisation. Es ist ein Kapitalismus leninistischen Typs.

Jahrelang waren die Rollen in der Weltwirtschaft klar verteilt

Die Chefs der wichtigsten Banken stehen allesamt im Rang von Vizeministern. Sie entscheiden - notfalls per Dekret -, wer Kredite bekommt und wofür. Für Auslandsakquisitionen steht derzeit sehr viel Geld bereit.

Jahrelang waren die Rollen in der Weltwirtschaft klar verteilt. In China wird gefertigt, in den Industrienationen entwickelt, erdacht und getüftelt. Vor allem für deutsche Unternehmen schien das eine fast perfekte Symbiose zu sein. Maschinen gegen Turnschuhe. Doch das ändert sich. Aus Partnern werden Wettbewerber.

Das chinesische Wachstumsmodell ist an seine Grenzen gestoßen. Der Export legt nicht mehr zu, und die Binnennachfrage reicht noch nicht aus, um die Wirtschaftsleistung Jahr für Jahr um sechs oder sieben Prozent zu steigern. Die Notlösung: staatliche Investitionen. Neue U-Bahnen, ein Hochgeschwindigkeitszugnetz und sehr viele Wolkenkratzer.

China hat einen Masterplan für Innovation und technischen Fortschritt

Als 2008 die Olympischen Spiele in Peking stattfanden, lag die Gesamtverschuldung der Volksrepublik, also die gewährten Kredite für Unternehmen, private Haushalte und den Staat, bei etwa 145 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Inzwischen dürften es nach Schätzungen von Analysten mehr als 250 Prozent sein. Da sich die chinesische Wirtschaftskraft in den vergangenen acht Jahren aber mehr als verdoppelt hat, muss sich die Schuldenlast in absoluten Zahlen vervierfacht haben. Und das Geldausgeben hält an. Lange geht das nicht mehr gut. Chinas Wirtschaft muss deshalb innovativer werden.

Wer das chinesische Dilemma verstehen möchte, kann sich einmal sein Smartphone genauer ansehen, zum Beispiel das iPhone von Apple. Jedes einzelne Gerät wird in der Volksrepublik gefertigt. Doch technisch steckt nichts aus China in dem Telefon. Designt wurde es in Kalifornien, auch die Software schreiben Programmierer im Silicon Valley. Das Display und den Speicher baut Samsung in Südkorea. Der Empfänger und die Mikrofone kommen aus Deutschland von Infineon. Andere Komponenten haben Firmen aus Italien, Frankreich und Japan entwickelt. In China werden die iPhones lediglich zusammengesetzt. Bei einem Verkaufspreis von 600 Dollar entfallen genau 6,54 Dollar auf die Produktion. Und selbst die wird von einem ausländischen Unternehmen koordiniert: von Foxconn aus Taiwan.

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