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Fachkräftemangel:Der öffentliche Dienst, Industrie und Handel bezahlen ihre Azubis besser

Die Interessensvertreter der Handwerker müssen durch kluge Werbung das Image ihrer Branche ändern. Mithilfe der Kampagne "Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht. Von nebenan." bemüht sich der zentrale Branchenverband, seine Bedeutung deutlich zu machen. Auf Werbeplakaten stehen Slogans wie "Ich bin nicht nur Handwerker. Ich bin der Motor, der Deutschland antreibt". Ein netter Versuch, den Jobs das Miefige zu nehmen. Allerdings bleibt das hinter moderner Arbeitnehmerwerbung zurück. Die Plakate erklären nicht, was man als Motor der Wirtschaft den ganzen Tag macht.

Stattdessen wäre es wichtig, dem Einzelnen konkret zu vermitteln, was ihn erwartet. Das Handwerk kann von der Deutschen Bahn lernen. Die hat auch mit Fachkräftemangel zu kämpfen, schafft es aber jedes Jahr, Tausende Neulinge zu gewinnen. In einem Ranking des Marktforschers Trendence, der die Wunscharbeitgeber von Schülern ermittelt, ist die Bahn zuletzt aufgestiegen. Das liegt auch an der gelungenen Personalwerbung. "Du willst Weichen stellen - für unsere Züge und Deine Zukunft", lautet der Slogan für die Ausbildung zum Fahrdienstleiter. In Stellenausschreibungen direkte Ansprache mit dem tatsächlichen Arbeitsinhalt zu verbinden, das stünde auch dem Handwerk gut an. Tischler könnten zum Beispiel mit dem Foto einer schönen Küche werben und dem Slogan: "Den neuen Familientreffpunkt gestalten? Du machst das!"

Für das Studium ziehen junge Leute wie selbstverständlich um, Studentenstädte sind beliebte Wohnorte. Viele Handwerksbetriebe sitzen in kleineren Städten oder auf dem Land. Auch manche junge Menschen leben dort lieber als in der hektischen Großstadt, andere benötigen einen Anreiz: mehr Geld. Um als Arbeitgeber attraktiv zu werden, brauchen Auszubildende im Handwerk ein Mindestgehalt von 1000 Euro. Bisher bekommen Lehrlinge oft beschämend wenig, sogar in Bereichen, die extrem gefragt sind. Elektroniker verdienen zu Beginn der Lehre im Durchschnitt etwa 750 Euro, nach vier Jahren sind es nur etwa 900 Euro. Für etliche andere Gewerke ist die Vergütung noch schlechter. Es verwundert deshalb nicht, dass das Handwerk Bewerber an Konkurrenten verliert: Azubis im öffentlichen Dienst, in der Industrie und im Handel verdienen mehr. Höhere Gehälter sind keine Belastung für das Handwerk, sondern eine notwendige Investition in die Zukunft.

Hinzu kommt: Monatskarten für Bus und Bahn sind für Auszubildende oft teurer als für Studenten, die günstig mit dem Semesterticket unterwegs sind. Dabei ist mangelnde Mobilität ein häufiger Grund, warum Schüler und Betriebe nicht zueinanderfinden. Wenn Jugendliche auch zwei Orte weiter eine Ausbildung machen sollen, geht das nur mit vernünftigem öffentlichen Personennahverkehr - und nicht mit Bussen, die alle paar Stunden fahren. Die Träger des lokalen ÖPNV müssen Azubis subventionieren, das ist gut angelegte Regionalförderung. Außerdem müssen die Gebühren für die Meisterschule - immerhin bis zu 10 000 Euro - abgeschafft werden. Solche Kosten müssen Bachelor-Studenten auch nicht tragen.

Das Handwerk muss bei der Digitalisierung von der Industrie lernen

Wer nach der Schule Handwerker wird, wird ein halbes Jahrhundert in dem Beruf arbeiten. In dieser Zeit wird die Arbeitswelt sich wandeln und noch digitaler werden, und deshalb muss sich auch das Handwerk wandeln. Noch sind Handwerker zu sehr Dienstleister, die gerufen werden, um beispielsweise eine Wand zu streichen; manche Tätigkeiten kann in Zukunft aber auch ein Roboter übernehmen. Der Handwerker der Zukunft muss also den Berufen der Hochleistungsindustrie ähnlicher werden. Er ist als industrialisierter Dienstleister unersetzbar in der modernen Gesellschaft. Der Schreiner kann mit dem 3-D-Drucker das Modell für den neuen Kleiderschrank entwickeln, der perfekt in die Schlafzimmerecke passt, statt nur Holzplatten zusammenzubauen. Auch wenn Letzteres bislang kundig geschieht: Der Handwerker, der nicht zusätzliche Dienste anbietet, wird es künftig schwerer haben.

Das Jobprofil der Handwerker muss geweitet werden. Sie sollten fähig sein, sich beständig weiterzuentwickeln. Mehr als 60 Prozent schätzen die Digitalkompetenz ihres Betriebs als mittel bis niedrig ein, ergab eine Befragung der Handwerkskammer München und der Technischen Universität München. Das ist alarmierend. Junge Leute müssen unabhängig vom künftigen Beruf Bescheid wissen, wie sie Daten in der Cloud speichern, welche sozialen Medien für Kundenkontakte nutzbar sind und wann es sinnvoll ist, eine Datenbrille aufzusetzen. Sie können diese Impulse in Unternehmen bringen und verhindern, dass diese technisch abgehängt werden.

Aber das reicht nicht, zusätzliche IT-Kenntnisse sind notwendig. Handwerker sollten wenigstens Kleinigkeiten programmieren können, um mitentwickeln zu können, wie ihre Angebote in die smarte Realität passen. Da überhaupt nicht absehbar ist, wie die Welt 2040 funktionieren wird, reicht eine einmalige Vorbereitung in der Lehre nicht aus. Die örtlichen Handwerkskammern müssen den aktuellen und zukünftigen Arbeitern mit Fortbildungen lebenslanges Lernen ermöglichen, praxisnah und zukunftsgetrieben. Etliche Angebote sind bereits am Markt. Aber Kurse in Word und Powerpoint werden das Handwerk nicht retten.

Das wird alles nicht leicht. Aber Deutschland hat gute Voraussetzungen, um es hinzubekommen. Das duale Ausbildungssystem verbindet schon oft und gut Theorie und Praxis, zudem wird die starke Wirtschaft dafür sorgen, dass qualifizierte Handwerker immer gefragt sind.

Am Ende aber müssen sich die jungen Leute immer noch selbst dafür entscheiden, Handwerker zu werden. Im Sinne des oben erwähnten, fiktiven Werbeslogans gilt: Du machst das!

© SZ vom 26.05.2018/been
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