Rentenversicherung:Ein glaubwürdiges Rentenpaket verlangt den Bürgern ab, sich der Demografie zu stellen

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Dem Vertrauen in die Rentenversicherung und der Solidität ihrer Finanzierung wird durch solche Schimären ein Bärendienst erwiesen. In einer Welt des demografischen Wandels, in der die Zahl der Renteneintritte demnächst rapide steigen wird, muss sich auch die Rentenversicherung anpassen. Etwas anderes zu behaupten, ist schlicht unglaubwürdig.

Wenn mehr Menschen Renten ausgezahlt bekommen möchten, gleichzeitig aber weniger Beitragszahler vorhanden sind, kann man nicht Beitragssatz und Rentenniveau gleichermaßen festhalten. Das wäre so, als würde man in einer Welt, in der Fußgänger die Straße kreuzen und Hügel der Straße Kurven abverlangen, im Auto das Bremspedal und das Lenkrad fixieren. Eine dynamische Welt verlangt uns ab, zu reagieren, auf die Bremse zu treten oder Kurven zu fahren, auch wenn zumindest einige lieber schneller geradeaus fahren wollen. Genauso müssen sich Beitragssatz und Rentenniveau der Rentenversicherung eines alternden Landes, das Deutschland nun mal ist, dynamisch auf den demografischen Wandel einstellen können.

Das Versprechen der doppelten Haltelinie wird noch unglaubwürdiger, wenn man bedenkt, dass die Menschen von Generation zu Generation gesünder sind und länger leben. Die durchschnittliche Lebenserwartung erhöht sich seit langer Zeit alle zehn Jahre um etwa zweieinhalb Jahre. Heute Vierzigjährige werden also über zehn Jahre länger leben als bei derzeitiger Lebenserwartung.

Und ewig tobt der Rente-Streit

Rentenreformen gibt es, seit es ein Rentensystem gibt. Und ebenso regelmäßig wird darüber gestritten - über das System an sich und darüber, wie es an gesellschaftliche Veränderungen angepasst werden sollte. Derzeit stehen vor allem die geplanten "Haltelinien" unter Beschuss, die Union und SPD festzurren wollen: Dem Koalitionsvertrag nach sollen die Beiträge bis 2025 nicht über 20 Prozent steigen und das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent sinken.

Die Regierung hält dieses Projekt für einen fairen Ausgleich zwischen Beitragszahlern und Rentnern. Kritiker, wie der Ökonom Axel Börsch-Supan, halten es dagegen für einen unbezahlbaren Irrweg. Denn blieben die Haltelinien auch nach 2025 bestehen, würde das in den nächsten Dekaden gigantische Kosten mit sich bringen. Eigentlich, das war das Ergebnis vorangegangener Rentenreformen, dürfte das Rentenniveau mittelfristig auf 43 Prozent sinken. Auf diese Weise sollte der demografischen Entwicklung Rechnung getragen werden.

Die FDP sieht sich durch die aktuellen Berechnungen der Rentenexperten in ihrer Meinung bestätigt. Für unbezahlbar und unverantwortlich hält Johannes Vogel, rentenpolitischer Sprecher der Liberalen im Bundestag, die geplanten Haltelinien. Das Bundessozialministerium betonte dagegen, seriöse Berechnungen seien noch nicht möglich, solange die Einzelheiten der Reform nicht feststünden. Sozialminister Hubertus Heil (SPD) verwies auf die geplante Rentenkommission, die bald eingesetzt werden soll und sich mit der Zukunft des Rentensystems nach 2025 befassen wird.

Kritik kam auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach sprach von "abstrusen Thesen und Berechnungen" und betonte, bei der Rente gehe es um politische Entscheidungen - nicht um ein mathematisches Problem.

Zehn Jahre mehr! Kann man dann, wie so oft gefordert, auch noch das Rentenalter unangetastet auf einem Wert belassen, den Bismarck vor weit über 100 Jahren festgelegt hat?

Auch hier können Vertrauen und Solidität nur erreicht werden, wenn man die zutiefst erfreulichen Realitäten eines längeren Lebens zur Kenntnis nimmt und das Rentenalter dem Lebensalter ein wenig anpasst. Das muss nicht eins zu eins sein. Es reicht schon, einigermaßen die Proportionen zwischen Lebensarbeitszeit und Rentenbezugszeit zu erhalten. Dazu gehören natürlich Ausnahmen für Erwerbsgeminderte, deren physisch oder psychisch anstrengender Beruf eine Weiterarbeit unzumutbar macht.

Nimmt man das alles zusammen, wird daraus ein glaubwürdiges Rentenpaket, das zwar den Bürgern abverlangt, sich auf die Realitäten des demografischen Wandels einzustellen, das dafür aber solide finanziert ist und, weil es keine Illusionen schürt, das Vertrauen in die Rentenversicherung erhält. Die doppelte Haltelinie, zumal in Kombination mit dem Versprechen, das Rentenalter nicht anzutasten, ist dazu ungeeignet.

Ein solches Paket müsste das Rentenalter wie geschildert milde anpassen und müsste den Beitragssatz und den steuerfinanzierten Bundeszuschuss im gleichen Maße anheben, wie die Anpassung der Renten an das Lohnwachstum verlangsamt wird. Alle sogenannten Stellschrauben müssen in Aktion gesetzt werden; nichts darf festgeschrieben werden.

Schafft das nicht Altersarmut? Nein, denn als Resultat eines solchen Pakets könnten die Rentenzahlbeträge auch langfristig um etwa zweieinhalb Prozent im Jahr steigen. Exorbitante Steuererhöhungen könnten vermieden werden. Auch die graduelle Erhöhung des Renteneintrittsalters wäre verkraftbar, denn die Rentenbezugszeit könnte in gut zehn Jahren um ein Jahr länger werden, wenn die Lebenserwartung in dieser Zeitspanne um drei Jahre steigt. Ein solches Paket lässt sich glaubwürdig versprechen - im Gegensatz zu einer doppelten Haltelinie. Und nur glaubwürdige Versprechen schaffen Vertrauen in unsere Rentenversicherung.

Professor Dr. Axel Börsch-Supan ist Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München.

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