Investitionen:Norwegischer Staatsfonds zieht sich komplett aus Russland zurück

Lesezeit: 3 min

Investitionen: Das Geld zum Wohle künftiger Generationen in Russland investieren? Für Norwegens staatlichen Pensionsfonds kommt das nicht länger infrage.

Das Geld zum Wohle künftiger Generationen in Russland investieren? Für Norwegens staatlichen Pensionsfonds kommt das nicht länger infrage.

(Foto: Ana del Castillo/Imago Images)

Der staatliche Pensionsfonds will nicht länger in Russland investieren. Für Anleger ist die Situation schwierig: Aktien zu verkaufen ist derzeit entweder unmöglich - oder ein extrem hohes Risiko.

Von Harald Freiberger

Es ist der nächste bedeutende Schritt zum Schaden der russischen Wirtschaft: Norwegens staatlicher Pensionsfonds zieht alle seine Investitionen aus dem Land ab, das einen Krieg gegen die Ukraine führt. "So wie sich die Situation entwickelt hat, glauben wir, dass es notwendig ist, dass sich der Pensionsfonds aus Russland zurückzieht", sagte Norwegens Finanzminister Trygve Slagsvold Vedum am Sonntagabend. Nach Medienberichten hatte der Pensionsfonds Ende 2021 rund 2,5 Milliarden Euro in Russland investiert.

Der Fonds legt einen Teil von Norwegens Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft zum Wohl künftiger Generationen an; das Geld liegt überwiegend in Aktien und Anleihen, breit gestreut in Wertpapiere aus 73 Ländern und 9123 Unternehmen auf der ganzen Welt. Derzeit ist der Pensionsfonds etwa 1,16 Billionen Euro schwer. Ende 2020 wies er aus, dass er in 46 russische Aktien investiert war, die größten Einzelpositionen waren die Sberbank und die Energieunternehmen Gazprom und Lukoil.

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Der Rückzug eines der größten Fonds der Welt aus Russland hat eine starke symbolische Bedeutung: Er zeigt erstmals, dass das Land nach der Aggression von großen internationalen Anlegern als nicht mehr investierbar betrachtet wird.

"Das Thema ist für die nächste Dekade durch", sagt Ali Masarwah vom Fondsdienstleister Envestor. "Nach dem Zivilisationsbruch werden Investoren Aktien aus dem Land nicht einmal mehr mit der Kneifzange anfassen." Die internationalen Sanktionen seien so drastisch, dass sie der russischen Wirtschaft massiv schaden würden. Schon nach der Eroberung der Krim im Jahr 2014 hätten sich die internationalen Investitionen in Russland etwa halbiert, und damals seien die Sanktionen im Vergleich leicht ausgefallen. Nun sei Russland faktisch vom internationalen Waren- und Geldverkehr abgeklemmt.

Der Schritt von Norwegens Regierung wirft die Frage auf, wie andere internationale Investoren es jetzt mit russischen Anlagen halten. Auch große deutsche Fondsgesellschaften wie DWS (Deutsche Bank), AIG (Allianz), Deka (Sparkassen) oder Union Investment (Volks- und Raiffeisenbanken) haben spezielle Osteuropa- und Russland-Aktienfonds aufgelegt, in die deutsche Anleger mit hohen Millionenbeträgen eingestiegen sind. Die Deka teilte mit, ihre Anlagen in russische Aktien seien "sehr gering", ebenso wie in russische Staatsanleihen. "Russische Wertpapiere spielen in unseren Fonds über alle Produkte hinweg betrachtet nur eine untergeordnete Rolle", heißt es bei Union Investment.

Russland verbietet Ausländern, an der Moskauer Börse russische Aktien zu verkaufen

Generell ist die Situation schwierig. Es stellt sich die Frage, wie ausländische Investoren russische Aktien, die zum Teil um 90 Prozent und mehr eingebrochen sind, überhaupt loswerden können. Die Deutsche Börse hat den Handel mit solchen Papieren ausgesetzt. Russland verbietet Ausländern, an der Moskauer Börse russische Aktien zu verkaufen, nur Einheimische dürfen dort handeln. "Ich kann mich nicht erinnern, dass es so eine Situation schon einmal gegeben hat", sagt Fondsexperte Masarwah. Dem Vernehmen nach können professionelle Investoren an der Londoner Börse noch russische Aktien handeln. Die Handelshäuser müssen das Risiko dabei in ihre eigenen Bücher nehmen, das lassen sie sich bezahlen: Die Spreads, also der Unterschied zwischen Kauf- und Verkaufskurs, von dem die Handelshäuser leben, sind extrem hoch, 50 Prozent sind keine Seltenheit.

In einer solchen Lage Aktien zu verkaufen, ist für Anleger damit entweder unmöglich oder ein extrem hohes Risiko. Masarwah geht davon aus, dass die großen Fondshäuser erst einmal abwarten. "Wahrscheinlich werden sie das Vermögen von Anlegern, das in Osteuropa-Fonds liegt, einfrieren", sagt er. Als Sachwalter der Interessen der Anleger müssten sie die Lage vorsichtig abwägen, und ein Verkauf russischer Aktien sei kaum möglich. Der Experte geht davon aus, dass sich auch Norwegen nicht schnell von seinen Investitionen in Russland trennen können wird. Es handele sich bisher nur um die Ankündigung, bis der Pensionsfonds alle russischen Anlagen verkauft habe, könnten Monate vergehen.

Und was bedeutet die Situation für deutsche Privatanleger, die in Fonds mit russischen Aktien investiert haben? "Sie werden vorerst wohl nicht an ihr Geld herankommen", sagt Masarwah.

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