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Proteste in Spanien:"Sie pinkeln auf uns und sagen, es regnet"

Hunderte Kilometer sind sie zu Fuß gelaufen, um in Madrid gegen die Regierung ihres Landes zu protestieren. Die Einsparungen von 65 Milliarden wollen die Demonstranten nicht mehr akzeptieren. Denn ausgerechnet bei den Ärmsten soll weiter gekürzt werden.

Einige sind zu Fuß gekommen. Hunderte Kilometer haben sie zurückgelegt, um zu protestieren. Gegen die Sparpolitik ihres Landes, gegen ihre Arbeitslosigkeit, gegen die Finanzkrise. Aus Andalusien, dem nördlichen Katalonien und anderen Regionen waren Spanier zu einem Sternmarsch nach Madrid aufgebrochen. Dort haben sie sich nun zusammengeschlossen um ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen.

Spanien steckt seit dem Platzen einer Immobilienblase im Jahr 2008 in der Krise. Bei den jungen Leuten unter 25 Jahren hat jeder Zweite keine Arbeit.

(Foto: AP)

Die überwiegend jugendlichen Demonstranten hielten Plakate hoch, pfiffen und riefen Protestslogans, während sie durch die Straßen der Hauptstadt marschierten. Zum Klang von Trommeln und Trompeten ging es vom Prado-Museum friedlich zur Kundgebung auf dem zentralen Platz Puerta del Sol.

"Ich bin sehr enttäuscht und wütend", sagt die 25-jährige Alba Sánchez, die mit dem Bus aus Katalonien nach Madrid kam. "Diese ganzen Kürzungen seitens der Regierung, die uns hasst, dürfen wir nicht hinnehmen." "Sie pinkeln auf uns und sagen, es regnet", war auf einem Transparent zu lesen, "Ich kann nicht den Gürtel enger schnallen und zur gleichen Zeit die Hose runterlassen" auf einem anderen.

Fast jeder Vierte Spanier ohne Arbeit

Fast jeder Vierte Spanier ist mittlerweile ohne Arbeit. Vor zwei Wochen hatte die Regierung von Mariano Rajoy ein Paket verabschiedet, das neue Einsparungen in Höhe von 65 Milliarden Euro vorsieht. Spanien hat seine Euro-Partner um bis zu 100 Milliarden Euro gebeten, um die strauchelnden Banken zu stützen und muss im Gegenzug weitreichende Reformen umsetzen. Die Maßnahmen sehen unter anderem die Erhöhung der Mehrwertsteuer und Kürzungen beim Arbeitslosengeld vor. Für neu arbeitslos Gewordene soll es nach sechs Monaten nur noch die Hälfte des Grundgehalts geben.

"Das ist der Todesstoß: Sie kürzen bei denen, die keine Arbeit haben und erhöhen die Mehrwertsteuer für die, die arbeiten", sagt Rafel Ledo. Er war von der nördlichen Region Asturien aus 500 Kilometer zu Fuß nach Madrid unterwegs.

Am Freitag hatten die Euro-Finanzminister Hilfskredite für Spaniens angeschlagene Banken beschlossen. Zuvor hatte auch der Bundestag dem zugestimmt. Nach dem offiziellen Beschluss der Eurogruppe stürzte die Börse in Madrid um 5,8 Prozent ab, wobei besonders Bankenaktien nachgaben. Die Behörden von Valencia kündigten zudem an, dass sie Finanzhilfe von der Zentralregierung in Madrid benötigen - aus einem Sonderfonds in Höhe von 18 Milliarden Euro für strukturschwache und überschuldete Regionen.

Regionen sind von Pleite bedroht

Auch die autonome Region Murcia im Südosten hat in Madrid Finanzhilfe beantragt. Murcias Regierungschef Ramón Luis Valcárcel kündigte an, dass er für seine Region Hilfen im Umfang von 200 bis 300 Millionen Euro erbeten wolle. Er hoffe, dass das Geld im September bereitgestellt werde. Nach Medienberichten erwägen weitere vier der insgesamt 17 Regionen Spaniens, Hilfe aus dem vor kurzem gegründeten staatlichen Rettungsfonds FLA zu beantragen.

Die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen stiegen unterdessen über die Marke von sieben Prozent. Ein solcher Wert gilt über einen längeren Zeitraum als nicht tragbar. Investoren befürchten offenbar, dass auch der spanische Staat trotz der Unterstützung für seine Banken selbst zum Kandidaten für Hilfe aus dem Euro-Stabilitätsfonds wird.

Spanien steckt seit dem Platzen einer Immobilienblase im Jahr 2008 in der Krise. Bei den jungen Leuten unter 25 Jahren hat jeder Zweite keine Arbeit. Zuletzt hatten am Donnerstag landesweit hunderttausende Menschen gegen die Austeritätspolitik der Regierung protestiert. Die Proteste endeten in der Nacht zum Freitag in Madrid mit Gewalt und Festnahmen. Die Polizei setzte Gummigeschosse und Schlagstöcke gegen kleinere Gruppen von Demonstranten ein.

© Süddeutsche.de/dpa/dapd/Reuters/rela/olkl

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