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Protektionismus:Die Abschottung der Welt hat schon vor Trump begonnen

Ein Schiff fährt durch den Panamakanal, ein Symbol für den internationalen Welthandel

(Foto: AP)
  • Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat die Angst geschürt, dass der Protektionismus in der Welt zurückkehrt.
  • Diesen Trend gab es allerdings schon vorher. Den Wendepunkt brachte die Finanzkrise.

Die Hoffnung ist futsch. Vor wenigen Wochen nahm Cecilia Malmström ihren gesamten verbliebenen Optimismus zusammen und erklärte, was ihr sowieso kaum noch jemand abnahm. "Die Union setzt alles daran, ein ehrgeiziges TTIP-Abkommen zu erzielen", sagte die Handelskommissarin der Europäischen Union Mitte Januar in Brüssel, als ignorierte sie die Zeichen der Zeit. Während ein drohender Handelskrieg die Diskussionen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos beherrschte, stellte Malmström ein gemeinsames Positionspapier mit der scheidenden US-Regierung vor, das die Fortschritte bei den Verhandlungen aufzeigen sollte. Eine Grabrede auf ein Abkommen mit den USA, das es nicht mehr geben wird.

Es blieb ein schwaches Aufbäumen der Befürworter offener Weltmärkte, die längst nicht mehr so offen sind, wie manche noch glauben mögen. Denn der Protektionismus kommt nicht gerade zurück: Er ist längst schon wieder da.

Der Wendepunkt ist bald zehn Jahre her. In der globalen Finanzkrise kam die Weltwirtschaft zunächst zum Erliegen, es folgte eine Gegenbewegung, die Wirtschaft wuchs langsam wieder. Aber etwas hatte sich verändert. Der Warenaustausch zwischen Kontinenten und Ländern nahm nicht mehr annähernd so stark zu wie vor der Krise. Seit 2012 ist der Welthandel nur um etwa drei Prozent pro Jahr gewachsen, weniger als halb so schnell wie in den drei Jahrzehnten zuvor. "Der Rückgang des realen Handelswachstums geschah auf breiter Basis", schreiben Experten des Internationalen Währungsfonds in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick.

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Kaum ein Land blieb davon ausgenommen. Das Londoner Centre for Economic Policy Research ging sogar noch weiter. Das weltweite Exportvolumen habe schon Anfang 2015 ein Plateau erreicht, schreiben die Ökonomen Simon Evenett und Johannes Fritz: "Damit wächst das Standardmaß für den Welthandel nicht langsamer - es wächst überhaupt nicht." Als Wachstumstreiber fällt der Welthandel also ohnehin erst einmal aus.

Das dürfte auf absehbare Zeit so bleiben. Denn mit dem verlangsamten Wachstum des Welthandels ging ein Paradigmenwechsel der Politik einher. "Wir beobachten seit Jahren einen Sittenverfall im Welthandel. Man verlässt allmählich Standards, auf die man sich mal geeinigt hatte", sagt Gabriel Felbermayr, Experte für Außenwirtschaft am Münchener Ifo-Institut. "Das führte zu einem schleichenden, impliziten Wiederaufstieg des Protektionismus." Und zwar nicht erst, seit "America first" zum wirtschaftspolitischen Leitspruch der US-Regierung geworden ist.

Letzteres verstärkt nämlich einen Trend, den es bereits gab. Seit der Finanzkrise ist es unter den größten Volkswirtschaften wieder beliebt geworden, zuerst auf die eigene Wirtschaft zu blicken. Einzelne, für sich vielleicht unverdächtige Maßnahmen wie die deutsche Abwrackprämie oder Sondersteuern auf Agrareinfuhren in den USA addieren sich zu einem Gesamtbild, in dem nationale Industriepolitik wieder en vogue ist. Und so steigt die Zahl der weltweit verhängten Handelsschranken seit Jahren an.