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Gesundheitswesen:Pflege darf eine Familie nicht in die Armut führen

Plädoyer für mehr Schmerzexperten in der Pflege

Wer heute in einem Pflegeheim lebt, zahlt dafür im Schnitt fast 2000 Euro im Monat aus eigener Tasche.

(Foto: dpa)

Das wahre Kostenrisiko im deutschen Gesundheitswesen ist die Unterscheidung zwischen Kranken und Pflegebedürftigen. Es wird Zeit für eine grundlegende Reform.

In Deutschland krankenversichert zu sein ist, global gesehen, ein Segen. Während in anderen Regionen der Welt ein Krankenhausaufenthalt oder ein Arztbesuch eine Familie in finanzielle Schwierigkeiten stürzen kann, gibt es hier Gesundheit für jeden - egal, wie teuer die Behandlung oder das Medikament auch sein mögen, die Versicherung zahlt. Eine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge um einen Bruchteil des Einkommens - genau genommen um 0,2 Prozentpunkte, wie Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekündigt hat - ist deshalb kaum der Rede wert. Und doch sollte dieses Signal nachdenklich stimmen. Denn die großen Probleme der Zukunft hat Spahn bislang noch gar nicht angepackt. Es wird die Pflege der älter werdenden Bevölkerung sein, die für diese Gesellschaft richtig teuer wird. Für sie muss die Politik jetzt eine nachhaltige Lösung finden.

Seit seinem Amtsantritt im März vergangenen Jahres hat Jens Spahn eine Palette neuer Gesetze und Vorschläge aufgeboten. Er veränderte die Regeln für Ärzte, damit Patienten schneller einen Termin bekommen, und auch die Regeln für Krankenhäuser, damit sie mehr Krankenpfleger einstellen können. Er widmete sich Notaufnahmen und Apotheken, Psychotherapeuten und Hebammen. Vielen der Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, versprach er mehr Geld. Vor allem Pflegekräfte und Helfer in Altenheimen und Kliniken sollen nach seinem Willen mehr verdienen. Gemeinsam mit SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil setzt sich Spahn für höhere Löhne in der Pflege ein. Für die deutschen Patienten ist das alles sinnvoll. Doch die Kosten für das besser bezahlte medizinische Personal werden sie treffen, spätestens im Alter.

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Allein durch Spahns Terminservicegesetz und das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz erwarten die Krankenkassen im nächsten Jahr rund fünf Milliarden Euro Mehrkosten, Änderungen bei den Klinikabrechnungen werden eine weitere Milliarde brauchen. Den Preis der anderen Reformen hat der Spitzenverband der Krankenkassen noch gar nicht erhoben, aber klar ist, dass er hoch sein wird. Der Chef der Techniker-Krankenkasse rechnete kürzlich mit 10 bis 15 Milliarden Euro Mehrkosten pro Jahr, die durch die Reformen der vergangenen Jahre entstehen - und deshalb perspektivisch mit steigenden Beiträgen.

Hinzu kommt, dass sich neben den Ausgaben auch die Einnahmen der Krankenversicherung bald ändern könnte. In den vergangenen Jahren haben die Kassen schließlich von der guten Wirtschaftslage in Deutschland profitiert. Auch die Zuwanderung von jungen, gesunden gesetzlich Versicherten machte sich positiv in den Bilanzen bemerkbar. Wenn die Konjunktur aber nachgibt, wird das auch im Gesundheitswesen zu spüren sein. Trotz dieser trüben Aussichten auf weitere Beitragssteigerungen könnte man jedoch sagen, dass die Krankenversorgung in Deutschland weiterhin bezahlbar bleibt - auch für Menschen mit niedrigem Einkommen. Jedenfalls solange, wie ein Patient nicht zu einem Pflegefall wird. Denn dann ändert sich die Lage drastisch.

Wenn Rente und Ersparnisse nicht reichen, bleibt nur der Gang zum Sozialamt

Wer heute in einem Pflegeheim lebt, zahlt dafür im Schnitt fast 2000 Euro im Monat aus eigener Tasche. Sollten Heil und Spahn allen Pflegekräften höhere Löhne verschaffen, werden die Heimkosten weiter steigen. Wenn Rente und Ersparnisse nicht ausreichen, bleibt den Betroffenen deshalb nur der Gang zum Sozialamt. Auch für Angehörige kann ein Pflegefall zu einem großen, finanziellen Problem werden. Oft sind es nämlich die Töchter, Schwiegertöchter und Ehefrauen, die im Beruf kürzer treten, um einen Menschen zu pflegen. Ihr Armutsrisiko steigt, weil dieses Gesundheitssystem Pflegefälle nicht ausreichend versorgen kann.

Die Pflegekasse funktioniert anders als die Krankenversicherung, sie übernimmt immer nur einen Teil der Kosten. Spahn hat bereits angekündigt, dieses System zu verändern. Während die SPD eine Bürgerversicherung fordert, die für alle Pflegekosten aufkommt, war die Union bislang alles andere als begeistert von einer Abschaffung der Privatvorsorge. Wie auch immer ein Kompromiss aussehen könnte: Es wird höchste Zeit für eine grundlegende Reform. Die Unterscheidung zwischen Kranken und Pflegebedürftigen ist das wahre Kostenrisiko im deutschen Gesundheitswesen. Denn Pflege darf eine Familie nicht in die Armut führen.

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