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Altenpflege:"Ich wusste ja nicht, worauf ich mich da einlasse"

Eigenanteile für Pflegeheimbewohner in NRW weiter am höchsten

Zum Händehalten bleibt Altenpflegern im Alltag wenig Zeit. Der Druck ist hoch, der Ton mitunter rüde.

(Foto: dpa)

Nach zwei Jahren an einer Altenpflegeschule gibt Marion Boyke entnervt auf. Dabei war sie sogar Jahrgangsbeste im Saarland. Etwa 30 Prozent der Berufsanfänger in der Pflege geht das so. Was läuft schief?

In wenigen Wochen tritt das neue Pflegeberufegesetz in Kraft, das die Ausbildung für künftige Pflegekräfte grundlegend reformieren und attraktiver machen soll. Das ist auch nötig, denn im Moment brechen Branchenschätzungen zufolge etwa 30 Prozent der Berufsschüler vorzeitig ab, obwohl sie in den Heimen und Kliniken dringend benötigt würden. Wir haben mit Marion Boyke, 43, gesprochen, die nach zwei Jahren an einer Altenpflegeschule im Saarland entnervt aufgab.

SZ: Frau Boyke, Sie haben sich vor zwei Jahren, mit Anfang 40, entschlossen, eine Ausbildung als Altenpflegerin zu beginnen. Warum?

Marion Boyke: Ich habe zuvor Flüchtlinge betreut, aber hatte keine abgeschlossene Ausbildung. Eigentlich wollte ich Kindererzieherin werden. Aber nachdem es da kein Ausbildungsgehalt gibt, habe ich mich für die Altenpflege entschieden. Ich wusste ja nicht, worauf ich mich da einlasse.

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Was waren Ihre ersten Erfahrungen im Pflegealltag?

Ich erinnere mich noch gut, dass ich in der zweiten Woche meines ersten Praktikums mit einem alten Mann am Morgen die Zähne putzte. Da stürmte eine Hilfspflegerin ins Zimmer und sagte mir, dass ich zu langsam bin. Ich war vor allem mit Hilfstätigkeiten beschäftigt: Küche putzen, Wäsche einsortieren, Matratzen und Rollstühle reinigen. Natürlich wurde ich auch in der Morgenpflege gebraucht, schließlich waren wir nur zu zweit, selten zu dritt, und für fast 30 Bewohner zuständig. Ich habe bei meinen Vorgesetzten gefragt, ob ich auch etwas umsetzen könnte, was ich im theoretischen Block gelernt hatte, etwa Blutdruck messen oder Medikamente dosieren. Das wurde zwar bejaht, aber in der Praxis hat sich niemand Zeit genommen, mich da anzuleiten.

Laut Gesetz muss doch jede Einrichtung, die ausbildet, eine Praxisanleiterin abstellen?

Ja, das hat man uns in der Schule auch erzählt. Aber in den Einrichtungen, die ich während meiner Ausbildung besucht habe, war das nur einmal der Fall. Ansonsten war die dafür eingeteilte Pflegekraft so in den Dienstplan eingespannt, dass sie sich nicht groß um mich kümmern konnte. Das hat mich geärgert, und deswegen habe ich mich beschwert: Ich bin hier als Auszubildende, nicht als Hilfskraft. Ich will etwas lernen. Und ich will pflegen, nicht nur putzen.

Wie kam das in der Einrichtung an?

Nicht gut. Wenn man zu viel kritisiert, ist man schnell als Nestbeschmutzer abgestempelt. Der Ton war ja insgesamt sehr ruppig. Die Urinflasche nannten meine Kolleginnen Pissflasche, die Inkontinenzeinlage war für sie eine verschissene Windel. Ich fand den Umgang mit den Bewohnern, aber auch untereinander, respektlos und unfreundlich. Einmal hatte ich Probleme mit einer Bewohnerin, die ich waschen sollte. Sie wollte sich aber partout nicht von mir anfassen lassen. Also fragte ich eine Hilfspflegerin, was ich tun soll. Sie sagte nur: Da kannst Du mal sehen, was hier alles zu tun ist. Oft wurde auch gar nicht mit den Auszubildenden gesprochen: Ich durfte zum Beispiel nie bei der Schichtübergabe dabei sein. Die findet jeden Morgen statt, und man erfährt von den Kollegen der Nachtschicht, wie es den Bewohnern geht, ob es irgendwelche Vorfälle gab. Ich wurde noch nicht einmal darüber informiert, als sich Bewohner mit hochansteckenden MRSA-Keimen infiziert hatten.

Viele Berufseinsteiger klagen auch über die knappe Zeit im Alltag und die Schichtdienste. Wie kamen Sie damit zurecht?

Ich fand es gewöhnungsbedürftig. Als normaler Arbeitnehmer arbeitet man etwa 20 Tage pro Monat, in der Pflege sind es 24 oder 25. Als Schüler ist man oft der Lückenfüller am Wochenende, damit die Kollegen, die sonst immer durcharbeiten, endlich mal zwei Wochenenden im Monat freibekommen. Selbst wenn wir die ganze Woche Schule hatten, mussten manche von uns noch am Samstag und Sonntag zum Dienst in die Einrichtung. Ich war bei der Abschlussprüfung zum ersten Lehrjahr Jahrgangsbeste des Saarlands - trotzdem wollte mich meine Einrichtung erst nicht zur feierlichen Zeugnisübergabe gehen lassen. Weil ich an dem Tag im Dienstplan stand.

Hat sich Ihr wiederholter Protest auch negativ in Ihren Praktikumszeugnissen niedergeschlagen?

Natürlich. Zwei Einrichtungen haben mir sogar gekündigt. Die Zeugnisse waren unter aller Sau, mir wurde vorgehalten, dass ich den Ansprüchen der Geschäftsführung nicht genügt habe - eine Unverschämtheit. Aber es war nicht überall so. Nach meinem zweiten ambulanten Praktikum bestätigten mir die Kollegen und die Leitung, dass sie höchst erfreut und zufrieden mit meiner Arbeit waren.

Sie haben Ihre Ausbildung vor einigen Wochen abgebrochen? Wie geht es weiter?

Ich arbeite jetzt, allerdings nicht in der Altenpflege, sondern in der Produktion eines Fahrradherstellers. Das ist zwar anstrengend, aber ich habe einen sehr netten Chef. Ich habe geregelte Arbeitszeiten, kann die Pausen machen, die mir zustehen, ohne dass mich jemand schief anschaut. Wir sind tariflich gebunden, Überstunden werden bezahlt, es gibt einen Betriebsrat - alles Dinge, die ich aus der Pflege nicht kannte.

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