Peking:Der Großeinkauf läuft längst

Doch Minister Gao, sonst ein Freund der ruhigen Töne, hält im Gespräch mit Gabriel dagegen. In Deutschland beobachte er einen wachsenden "Protektionismus". Sein Argument: Kurz vor der Abreise hatte Gabriels Ministerium eine zuvor erteilte Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Übernahme des Chip-Anlagenbauers Aixtron kassiert und eine verschärfte Prüfung für den Verkauf der ehemaligen Osram-Glühbirnen-Sparte eingeleitet. Investoren aus der Volksrepublik, so Minister Guo, seien dort offenbar nicht willkommen. Auch bei Chinas Premier Li Keqiang bekommt Gabriel das zu hören.

Dabei läuft der Großeinkauf längst: Allein im ersten Halbjahr gaben Firmen aus China in der EU 72 Milliarden Euro aus. Doch während sonst Staaten um derlei Investitionen wetteifern, grassiert nun die Angst: Chinesische Firmen könnten sich so eine technologische Spitzenposition erkaufen - die andere dadurch verlieren.

Chinas Firmen-Shopping hat Methode. Der Plan dahinter nennt sich "Made in China 2025, im vorigen Jahr stellte die Führung in Peking die Strategie vor. Die Wirtschaft der Volksrepublik soll innovativer und grüner werden. Detailliert gibt der Plan vor, in welchen Branchen chinesische Hersteller welche Marktanteile erzielen sollen. Ob in der Medizintechnik, im Halbleiterbau oder bei Elektroautos - überall sollen Chinas Firmen in nur wenigen Jahren an der Weltspitze liegen. Die einzige Chance: Zukäufe. Im Fokus: Technologienationen wie die USA, Japan oder Deutschland.

In Japan hat es bisher noch keine nennenswerten Deals gegeben. Der Markt ist stark abgeschottet. Offener sind da schon die USA, allerdings greifen auch dort die Behörden regelmäßig ein. In Deutschland aber haben die Zukäufe massiv zugenommen: 2000 Prozent Steigerung im Vergleich zum Vorjahr.

Made in China 2025 macht den Europäern auch deshalb Angst, weil sie wenig entgegenzusetzen haben. "Das ist zumindest mal eine klare industriepolitische Idee", sagt Gabriel. "Die Frage ist nur: Haben wir auch eine?" So aber bleibt den Europäern nur Plan B: Notfalls müssen sie sich vor der Konkurrenz aus China schützen, etwa durch harte Anti-Dumping-Regeln.

"Es ist besser, den Konflikt jetzt auszutragen als in ein paar Jahren"

Hier geht es ums Prinzip. Anfang Dezember soll China den lang ersehnten Status einer "Marktwirtschaft" erhalten, pünktlich und wie vereinbart 15 Jahre nach dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation WTO. Damit würde es deutlich schwieriger, etwa gegen staatliches Dumping vorzugehen - gegen eine Nicht-Marktwirtschaft erlauben die Regeln der WTO zum Beispiel Anti-Dumping-Zölle eher als gegen eine Marktwirtschaft.

Fieberhaft arbeitet deshalb auch die Bundesregierung darauf hin, die Anti-Dumping-Regeln der Europäischen Union rechtzeitig vorher zu verschärfen. Wäre das Bild nicht so schief, müsste man sagen: Für Peking ist das ein rotes Tuch. Hinter all dem Zwist um Firmenübernahmen, hinter angeblichen Einbestellungen von Diplomaten und öffentlichem Unmut dürfte vor allem der Streit über diesen Status stecken: Wie viel Marktwirtschaft steckt tatsächlich in China?

"Ich nehme an, dass die Verstimmung erst einmal bleiben wird", glaubt Kammerpräsident Wuttke. "Das muss man aushalten. Es ist allerdings besser, den Konflikt jetzt auszutragen als in ein paar Jahren, wenn bereits Milliarden geflossen sind." So ähnlich sieht das auch Gabriel. Harmonisch sei es zwar nicht zugegangen. "Gute Partnerschaft erweist sich gerade dann, wenn man auch in schwierigen Themen miteinander klarkommt."

Im Laufe des Tages dann verkündet Pekings amtliche Nachrichtenagentur Xinhua, es habe "keine Einbestellung" des Gesandten gegeben. In der deutschen Delegation wertet man das als Zeichen guten Willens.

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