bedeckt München 21°
vgwortpixel

Panne im Wirtschaftsministerium:Schlecht gerechnet

Braucht Minister Brüderle Mathe-Nachhilfe? Sein Haus muss eine Schätzung zur Wirtschaftslage korrigieren - damit steht die deutsche Konjunktur besser da als gedacht.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat sich bei der Wirtschaftslage in Deutschland im November massiv verschätzt. Statt eines schmalen Auftragszuwachses ging es in der Industrie kräftig nach oben. In einer Erklärung räumte sein Ministerium am Freitag eine "außergewöhnlich große Korrektur" ein. Mit Folgen: Die deutsche Wirtschaft ist im Schlussquartal 2009 wohl doch gewachsen. Jüngste Meldungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden über eine drohende Stagnation und Rückschläge bei der Erholung entpuppen sich damit als Fehleinschätzung.

Baustelle, Düsseldorf, Foto: AP

Baustelle in Düsseldorf: Die deutsche Wirtschaft dürfte im Schlussquartal 2009 doch gewachsen sein.

(Foto: Foto: AP)

Fachleute stritten wegen der schwachen Auftragslage zuletzt, ob die deutsche Wirtschaft die Schockstarre der globalen Krise tatsächlich schon überwunden hat. Die Angst vor einem Einknicken hatte sich auch auf die Aktienmärkte durchgeschlagen und Investoren verunsichert. Doch nun wird klar: die Auftragslage der deutschen Industrieunternehmen war Ende des vergangenen Jahres deutlich besser als bisher angenommen.

Das Wirtschaftsministerium erhöhte am Freitag in Berlin das Auftragsplus für November von anfangs erwarteten 0,2 auf 2,8 Prozent. Damit machte die Wirtschaft den im Oktober erlittenen Rückgang von fast zwei Prozent mehr als wett. Vor allem die angeschlagene Autobranche und Maschinenbauer stehen offenbar weit besser da, als gedacht. So bestellten Kunden außerhalb Europas mehr Fahrzeuge als zunächst gemeldet. "Der Aufholprozess hat weniger als bisher angenommen an Dynamik eingebüßt", heißt es in der Ministeriumsmitteilung weiter.

"Der Aufwärtstrend ist intakt"

Damit wächst in Deutschlands Konzernzentralen die Hoffnung. Noch gibt es keine abschließende Berechnung für die Lage im vierten Quartal 2009. Experten gehen aber davon aus, dass die Wirtschaft entgegen anfänglicher Zweifel gewachsen ist. "Der Aufwärtstrend ist intakt", ist sich Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, sicher. "Das Bruttoinlandsprodukt dürfte zum Jahresende wieder gewachsen sein", sagt Krämer der Süddeutschen Zeitung.

Die Korrektur allerdings ändert nichts daran, dass 2009 das Schreckensjahr der deutschen Industrie bleibt. Die Wirtschaft schrumpfte trotz korrigierter Auftragszahlen so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Nach einem massiven Einbruch im ersten Quartal um 3,5 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt in den Folgequartalen 2009 jeweils nur leicht gewachsen.

Mit Schwung ins neue Jahr

Dennoch geht die Wirtschaft nach der Korrektur mit mehr Schwung ins neue Jahr. Auch im ersten Quartal gehe seine Bank von einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts aus, sagt Commerzbank-Ökonom Krämer weiter. "Das ist ein sehr positives Signal. Die Dynamik der Weltwirtschaft erweist sich als sehr robust und schlägt sich in der höheren Nachfrage nach Investitionsgütern nieder", sagt auch Deka-Bank-Ökonom Sebastian Wanke. Als Exportnation profitiere Deutschland von der Belebung des Welthandels besonders stark. "Made in Germany" sei international gefragt.

Führende Wirtschaftsforscher glauben, dass Deutschland inzwischen aus dem Gröbsten raus ist. Auch für das Gesamtjahr gehen sie wieder von Wachstum aus. Die Schätzungen reichen von vorsichtigen 1,2 Prozent (Kieler Institut für Weltwirtschaft) über 1,6 Prozent (Bundesbank) bis 2,5 Prozent (Allianz).

Das Risiko eines Rückschlags für die deutsche Wirtschaft aber bleibt - da sind sich führende Ökonomen einig. "Im Laufe des Jahres werden die Unternehmen einen Gang zurückschalten", glaubt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. Viele Konzerne hätten Investitionen, die sie nach Beginn der Krise zunächst aufgeschoben haben, inzwischen nachgeholt, so Krämer weiter. "Die Erholung fällt wohl nach dem ersten Quartal verhaltener aus."

© SZ vom 23.01.2010/tob

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite