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Neuer Eigner:Wenks Weltbild

Der Ahauser Kaufmann Rüdiger Wenk will nach eigenen Angaben einen Großteil der übernommenen 67 Weltbild-Filialen selbst führen.

(Foto: Erik Hinz)
  • Der neue Eigner der verkauften 67 Weltbild-Filialen, Rüdiger Wenk, skizziert seine Pläne für die Läden: Demnach schwebt ihm eine Art Franchisemodell light vor.
  • Zudem will der 48-Jährige gemeinsam mit einem Berater vor allem die Mietkosten senken und die Umsätze steigern.
  • Mitarbeiter und Beobachter sind allerdings skeptisch. Sie befürchten eine Zerschlagung durch die Hintertür.

Da sitzen sie in der Lobby eines hannoverschen Hotels - die möglichen Retter der 67 Buchläden, die der Augsburger Medienhändler Weltbild ein Jahr nach der Insolvenz losgeschlagen hat: Rüdiger Wenk, dunkler Anzug, dunkles Hemd, dunkelgraue Krawatte, grüner Schal, schwarzer Mayser-Hut. Neben ihm sein Unternehmensberater. Schwarze Lederjacke, ausgewaschene Jeans, Pulli, schwarzer Stetson-Hut. Sie wollen der Süddeutschen Zeitung ihr Konzept vorstellen. Bedingung: Ausgerechnet der Berater, der den Deal eingefädelt hat, soll anonym bleiben.

Über Nacht zur Nummer vier im Buchhandel

Vor gut zwei Wochen hatte Weltbild bekannt gegeben, etwa die Hälfte seiner Filialen an eine "mittelständische Buchhandelskette aus Ahaus" verkaufen zu wollen, weil sie Verluste machen. Nun geht der neue Eigentümer erstmals an die Öffentlichkeit. Es ist der Seiteneinsteiger Rüdiger Wenk. Mit den 67 Filialen wird seine Lesensart GmbH nach außen hin über Nacht zur viertgrößten deutschen Buchhandelskette hinter Thalia, Hugendubel und Weltbild. "Unser erstes Ziel ist es, dass möglichst viele Filialen erhalten bleiben", sagt er. Doch das Konzept bedeutet womöglich die Zerschlagung des Filialnetzes.

Der 48-jährige Unternehmer aus Ahaus will sich zwar selbst "um einen Großteil der Filialen" kümmern, er will aber auch Läden weiterreichen. Denn Wenk und sein Berater wollen auch Betreiber finden, die einzelne Filialen auf eigenes Risiko übernehmen. Zum Beispiel etablierte Händler, die ihr Filialnetz erweitern möchten. Adressaten seien aber auch bisherige Weltbild-Filialleiter, die schon immer von der Selbständigkeit geträumt haben. Von ihnen gebe es sehr viele.

Wenk plant ein Franchisesystem light

Voraussetzung ist, dass die Käufer Kapital mitbringen - und viel Engagement. Der Berater mit dem großen Hut - nennen wir ihn Stetson - bringt es auf den Punkt. Buchhandlungen hätten nur dann eine Chance, wenn jemand dazu bereit sei, sich selbst auszubeuten - und im Idealfall jemand aus der Familie mit im Laden aushilft. Wer sich dies zutraut, habe die Chance, für einen relativ niedrigen Eigenkapitaleinsatz und ein KfW-Existenzgründer-Darlehen eine Buchhandlung mit 600 000 Euro Jahresumsatz sein Eigen nennen zu können. Ohne Lizenzzahlungen, mit individuellem Sortiment, aber unter dem Dach der "Buchhandlung Lesensart".

Eine Art Franchisesystem light also - ist das seriös?

"Franchisemodelle sind grundsätzlich nichts Ungewöhnliches im Buchhandel. Im Bahnhofsbuchhandel funktioniert das zum Beispiel ganz gut", sagt eine Branchenkennerin. Aber haben Einzelkämpfer in einem eher übersättigten Buchmarkt noch eine Chance? Während der Börsenverein schon seit Jahren zur Spezialisierung rät, haben die Berater von KPMG in ihrem Gutachten für Weltbild kurz vor der Insolvenz empfohlen, lieber das Internetgeschäft zu stärken. Die Expertin sagt es drastisch: "Eigentlich brauchen wir keinen zusätzlichen stationären Standort im Buchhandel." Und: "Wenn es nur eine Kopie von Läden ist, die sowieso schon am Markt sind, glaube ich nicht, dass Verlustfilialen plötzlich profitabel werden." Wenn überhaupt, dann seien regionale Elemente wichtig. Werden die Filialen also sehenden Auges in die Pleite geführt? Stetson widerspricht: "Wenn Sie Angestellte zu Unternehmern machen, dann können sie dort auch Geld verdienen." Und: "So billig und einfach kommt man nicht an ein eigenes Geschäft", schwärmt Stetson. "Es gibt eine andere Lösung, als einen Laden nach dem anderen zuzumachen." Er macht aber auch klar, dass nicht alle 67 Filialen überleben werden. "Einige kann man sicherlich nicht retten", sagt er. Etwa 20 Prozent seien gefährdet.

"Die Mieten müssen runter"

Zeit für eine kleine Volkshochschulstunde in Sachen Betriebswirtschaft. Wenk und Stetson werfen mit einem Beamer lange Zahlenreihen an die Wand. Es sind die miserablen Bilanzen der Filialen, die Weltbild abgegeben hat - weil sie hohe Verluste geschrieben haben. Grund: niedrige Roherträge, hohe Personalkosten und vor allem die Mieten. "Die Raumkosten sind das große Problem, die Mieten müssen runter", tönt Stetson. "Ich schaffe das, ich mache das seit 30 Jahren." Bei den Personalkosten gebe es keinen großen Spielraum, aber durch ein besseres Sortiment könne der Ertrag steigen. Sollten jedoch Mitbewerber wie Thalia in der Nähe sein, könnte an Branchenfremde verkauft werden - warum nicht an eine Eisdiele?

Und Wenk, der kein gelernter Buchhändler ist, sondern IT-Experte, hat noch mehr Potenzial ausgemacht: "Die EDV in den Geschäften war veraltet", kritisiert er, hier könne man sparen. Kern seines Konzepts ist aber die Selbständigkeit jeder Filiale: "Was in die Läden reinkommt, entscheidet der Filialleiter", sagt Wenk. "Er kennt den lokalen Markt am besten." Das gilt auch für das Angebot jenseits der Bücher. Wenk peilt etwa 20 Prozent Non-Books an, bei Weltbild waren es bis zu einem Drittel. "Wir wollen hochwertige Buchgeschäfte und keinen Gemischtwarenladen mehr." Auf das Internetgeschäft will er verzichten: "Dazu sind die Erträge jenseits von Amazon und den anderen zu klein."

Am Freitag hat Wenk mit der Kärrnerarbeit begonnen, Filialen angerufen und Begrüßungsschreiben verschickt. "Und am Samstag habe ich in Magdeburg gleich die Kasse reparieren lassen." Es gehe, will er sagen, etwas voran. Wichtig sei nun ein aktuelles Sortiment, damit die Umsätze bald steigen. Dazu laufen Rabatt-Verhandlungen mit Verlagen und Zwischenbuchhändlern. Was die etwa 400 Mitarbeiter angeht, so verspricht er, dass die Löhne gleich bleiben. Auch einen Betriebsrat soll es geben.

Modell mit vielen "Unwägbarkeiten"

Trotzdem: Der frühere Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz ist nach SZ-Informationen alles andere als begeistert über den Verkauf. Und Kritiker fürchten eine schnelle Insolvenz. Solche Ängste lächeln Wenk und sein Berater weg. Sie hätten eine sichere Finanzierung. "Unser Atem reicht mindestens zwei Jahre", sagt Stetson. Der großgewachsene Mann, Mitte sechzig, berichtet mit sonorer Stimme, welche Firmen er schon saniert hat. Überhaupt scheint er der starke Mann zu sein, Wenk nur sein verlängerter Arm.

Das Konzept für die Ex-Weltbild-Shops klingt abenteuerlich und erinnert an eine Anwerbeveranstaltung für schnelle Gründer mit Mut zum Risiko. Aber: Der Weltbild-Gesamtbetriebsrat habe bei einem Treffen in Kassel sogar applaudiert, berichtet Wenk. Der Gesamtbetriebsrat hat dem Verkauf zugestimmt, für eine Stellungnahme war er aber nicht erreichbar. Der Augsburger Betriebsratschef Peter Fitz sieht in dem Modell jedoch zu viele "Unwägbarkeiten". Letztlich bedauert er, dass durch den Verkauf "noch mehr Geschäft von Weltbild abgezogen wird".

Unklare Gemengelage zwischen Wenk, Droege und dem Berater

Aber ist der Deal wirklich ein Verkauf? Oder hat der Veräußerer sogar noch Geld draufgelegt? Wenk und Stetson sagen dazu nichts. Branchenkreise gehen aber davon aus, dass der neue Weltbild-Eigentümer Walter Droege viel Geld bewegt hat, um die verlustbringenden Filialen loszuwerden. Schließlich muss die Wenk-Truppe ja auch bezahlt werden. "Mein Auftrag ist die Sanierung und Restrukturierung", sagt Stetson nur. Seinen Auftraggeber verrät er nicht. Er bestätigt aber, dass er in Düsseldorfer Unternehmerkreisen vernetzt ist. Und dort sitzt zufällig - Droege.

Der ist womöglich auch für einen kurzfristigen Strategiewechsel verantwortlich, der das Konzept nicht vertrauenswürdiger macht. So wollte Wenk noch am Sonntag "höchstens zehn bis 15" Filialen selbst führen und den Rest verteilen. Einen Tag später will er "den Großteil" behalten. Dieser Schwenk ist nicht gerade trivial. Hat Droege Wenk zurückgepfiffen, um dem Vorwurf der Zerschlagung zu entgehen? Droege kommentiert das nicht - und verweist auf eine "Vertraulichkeitsvereinbarung".

© SZ vom 04.03.2015/sry
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