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Lebensmittel:Nestlé hadert mit den eigenen Produkten

Chocolate bars are pictured in the employees' supermarket at the Nestle headquarters in Vevey

Süßigkeiten von Nestlé.

(Foto: Denis Balibouse/Reuters)

Kitkat, Smarties, Nesquik: Viele Lebensmittel des Schweizer Nestlé-Konzerns sind nichts für Ernährungsbewusste. Dessen ist man sich dort offenbar sehr bewusst, wie ein internes Dokument nahelegt.

Von Isabel Pfaff, Bern

Es klingt erst mal wie ein Scherz: Die Firma Nestlé, Hersteller von Süßigkeiten-Klassikern wie Kitkat und Smarties, macht sich Sorgen um die gesundheitlichen Auswirkungen ihrer Produkte, zumindest wenn das stimmt, was die Financial Times am Montag unter Berufung auf ein internes Firmendokument berichtete. Demnach entsprechen mehr als 60 Prozent der Nahrungsmittel und Getränke von Nestlé nicht dem, was die Firma als "anerkannte Definition von Gesundheit" bezeichnet. In der Präsentation, die laut FT in diesem Jahr unter den Top-Managern des Unternehmens zirkulierte, heißt es offenbar, dass "einige unserer Kategorien und Produkte niemals 'gesund' sein werden, egal wie sehr wir uns erneuern".

Kein Unternehmen verkauft weltweit mehr Nahrungsmittel und Getränke als Nestlé. 2020 lag der Umsatz der Firma mit Sitz im schweizerischen Vevey bei Lausanne bei 84 Milliarden Franken. Topseller sind die löslichen und flüssigen Getränke der Firma, also vor allem Kaffee, aber auch süße Frühstücksdrinks wie Nesquik. Einen kleineren Anteil am Umsatz haben Fertiggerichte, Milchprodukte (darunter Speiseeis) und die eigentlichen Süßwaren. Es dürfte auch Laien nicht wundern, dass bei einem solchen Portfolio viele der Produkte in Gesundheitsrankings eher schlecht wegkommen - und doch scheint das Nestlé-Management sich überraschend intensiv mit dem Thema befasst zu haben.

Die Daten, auf die sich die von der FT eingesehene Präsentation stützt, klammern große Nestlé-Produktsegmente wie Babynahrung, Tiernahrung, Kaffee und Gesundheitsprodukte aus. In den restlichen Kategorien, die rund die Hälfte des Konzernumsatzes ausmachen, schneiden die Produkte erwartungsgemäß schlecht ab: Nur 37 Prozent, so zitiert die FT aus der Präsentation, erreichen dreieinhalb von fünf Sternen und gelten damit als gesund. Das Sterne-Gesundheitsranking für Lebensmittel hat die australische Regierung entwickelt, und es wird auch von internationalen Organisationen verwendet, etwa der Access to Nutrition Foundation, die die Nahrungsmittelindustrie beobachtet und bewertet. Nach Angaben der FT erkennt Nestlé die Dreieinhalb-Sterne-Grenze selbst als eine mögliche Definition von gesund an.

Auch andere Nährwert-Rankings kommen in der Präsentation zur Sprache: So erhält ein Getränk der Marke San Pellegrino mit Orangengeschmack den schlechtesten Wert E, wenn man den in Europa verbreiteten Nutri-Score anwendet. Die Präsentation wirft daraufhin die Frage auf: "Sollte eine Marke, die Gesundheit verspricht, ein E tragen?"

Man arbeite daran, den "Ernährungs-Fußabdruck" der Produkte zu verbessern

Auf Anfrage möchte sich Nestlé nicht direkt zur Zeitungsrecherche äußern. Ein Sprecher des Konzerns teilt jedoch mit, dass Nestlé gerade dabei sei, seine "bahnbrechende Ernährungs- und Gesundheitsstrategie" zu überarbeiten. Seit Jahrzehnten arbeite Nestlé daran, den "Ernährungs-Fußabdruck" seiner Produkte zu verbessern; zum Beispiel habe man den Zucker- und Natriumgehalt allein in den vergangenen sieben Jahren um 14 bis 15 Prozent gesenkt. Die Marschrichtung sei klar und habe sich nicht geändert: Man wolle das gesamte Portfolio "schmackhafter und gesünder" gestalten.

Tatsächlich legen auch die jüngeren Umstrukturierungen unter dem 2017 angetretenen Konzernchef Mark Schneider nahe, dass Nestlé künftig weniger Geld mit Süßem und Ungesundem verdienen will und mehr auf Nahrungsergänzung, Vitamine sowie Milch- und Fleischersatz setzt. Allein in den vergangenen paar Jahren kaufte Nestlé mehrere Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, darunter die US-amerikanische Bountiful Company. Auch Firmen, die vegane und vegetarische Lebensmittel herstellen, gehören mittlerweile zum Portfolio. 2018 verkaufte Nestlé außerdem sein US-Süßwarengeschäft an Ferrero. Und selbst die Süßigkeiten-Klassiker bekommen einen neuen, gesunden Anstrich: Es gibt mittlerweile Nestlé-Schokolade, die mit Kakaofruchtfleisch gesüßt ist, und vor ein paar Monaten kündigte der Konzern ein veganes Kitkat an.

Natürlich stecken hinter diesen Neuerungen weniger moralische als viel mehr ökonomische Überlegungen. Der Markt für fleischlose und vegane Lebensmittel wächst, und gerade das Geschäft mit Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln gilt als margenstark, es zählt nach eigenen Angaben zu den Wachstumstreibern des Unternehmens.

Die Recherche der FT passt also gewissermaßen ins Bild. Dass Nestlé sich langfristig komplett vom Geschäft mit Süßwaren, Eiscreme und Fertigpizzen verabschieden könnte, hat das Unternehmen stets verneint. "Wir glauben, eine gesunde Ernährung bedeutet, eine Balance zu finden zwischen Wohlbefinden und Genuss", teilt der Nestlé-Sprecher mit. In Maßen dürfe man sich durchaus auch einmal etwas gönnen. Eine gegenteilige Äußerung wäre für Nestlé nun wirklich eine Überraschung gewesen.

© SZ
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