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Nahaufnahme:Ein Baumarkt-Verkäufer erzürnt Venezuelas Regierung

Gustavo Diaz war einst an einem Militärputsch gegen Hugo Chávez beteiligt. Jetzt verkauft er in den USA Schrauben - und ärgert die Mächtigen in Caracas mit einer Webseite.

Von Claus Hulverscheidt, New York

Es ist nicht so, dass Gustavo Díaz es nicht auch schon auf die harte Tour versucht hätte. Als im April 2002 eine Gruppe von Militärs und Geschäftsleuten versuchte, den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez gewaltsam zu stürzen, war Oberst Díaz mit Feuereifer dabei gewesen. 48 Stunden lang diente er den neuen Herren als Vize-Sicherheitschef - dann fiel der miserabel vorbereitete Putsch in sich zusammen.

Heute sagt Díaz, seine Verschwörertage seien lange vorbei, und wer sieht, wie er in einem Baumarkt im US-Bundesstaat Alabama Kunden beim Schraubenkauf berät, hegt wohl kaum Zweifel an seinen Worten. Tatsächlich jedoch stellt der Ex-Offizier für die immer noch regierenden Sozialisten in Caracas eine weitaus größere Gefahr dar als vor anderthalb Jahrzehnten. Denn auch wenn Díaz Präsident Nicolás Maduro, den Nachfolger des 2013 verstorbenen Hugo Chávez, nicht mehr mit Panzern und Gewehren bedroht - er hat eine viel wirksamere Waffe gefunden: Transparenz.

Der Dollarkurs ist die einzig verbliebene verlässliche Geschäftsbasis

Von seiner neuen Heimatstadt Hoover aus betreibt er einen Twitter-Account mit 2,6 Millionen Followern und die Webseite DolarToday.com, auf der die 800 000 täglichen Nutzer vor allem zwei Dinge finden: Nachrichten, die Maduro in einem schlechten Licht zeigen, und - aus Sicht des Präsidenten schlimmer - den Schwarzmarktkurs des Bolívars zum Dollar.

Die mittlerweile vierstellige Zahl dient vielen Venezolanern nicht nur als einzig verbliebene verlässliche Geschäftsbasis, sondern auch als kürzest denkbarer Beleg dafür, wie schlecht es um sie steht: Laut Internationalem Währungsfonds wird die unter Verstaatlichungen, Preis- und Kapitalverkehrskontrollen ächzende Wirtschaft des Landes allein in diesem Jahr um zehn Prozent schrumpfen, die Inflationsrate dürfte 2017 auf 1700 Prozent explodieren. Schon heute sind Strom und Medikamente Mangelware, manche Menschen hungern gar.

Einen offiziellen Wechselkurs gibt es nicht, der Wert schwankt vielmehr je nach Importgut zwischen zehn und gut 600 Bolívar je Dollar. Wie es jedoch im Leben der Menschen tatsächlich aussieht, zeigt ein Blick auf Díaz' Webseite: Sie errechnet jeden Tag aus den Kursen der vielen illegalen Wechselstuben in Venezuela und den Angeboten in sozialen Netzwerken einen Schwarzmarktschnitt. Demnach kostete ein Dollar am Montag 1968 Bolívar, fast dreimal so viel wie noch vor einem Jahr.

4500 Dollar aus Werbeeinnahmen

Maduro hat Díaz und dessen Mitstreiter schon beschuldigt, einen Wirtschaftskrieg gegen Venezuela zu führen, sein Vize Aristóbulo Istúriz, ganz offensichtlich "Star-Wars"-Kenner, bezeichnete die DolarToday-Macher gar als Söldner des "Imperiums" - der USA. Díaz ist immer noch erstaunt, wie treffsicher seine neue Waffe ist: "Es ist wirklich eine Ironie, dass ich der Regierung mit DolarToday von Alabama aus mehr schade, als ich es zu meiner Zeit als Soldat in Venezuela vermochte", erzählte er dem Wall Street Journal, das seine Geschichte bekannt gemacht hat.

Dabei hat der 60-Jährige gewissermaßen sogar dazu beigetragen, die Lage in seiner früheren Heimat zu stabilisieren: Unternehmer, Handwerker und Ärzte haben dem Journal berichtet, dass DolarToday bei vielen Geschäften als Richtschnur diene und zumindest das tägliche Kurs-Gefeilsche überflüssig gemacht habe. Die Regierung indes wehrt sich, indem sie Gerüchte in die Welt setzt, etwa das, Díaz habe die Webseite längst für Millionen verkauft. Alles Lüge, sagt der Betroffene: Das einzige, was er und seine beiden Partner über DolarToday einnähmen, seien monatlich 4500 Dollar aus Werbeerlösen. Ansonsten fahre er weiterhin jeden Tag mit seinem Toyota Corolla zum Baumarkt. "Hätten wir die Webseite verkauft", so der Internetrebell, "dann wäre ich jetzt in einem Maserati weit weg."

© SZ vom 22.11.2016/mahu

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