Multi-Jobber und Aufstocker Das Gefühl, nicht dazuzugehören

Wenn das Geld nicht reicht: Die Grafik zeigt, wie viele Prozent der armutsgefährdeten Erwerbstätigen sich keine Woche Urlaub pro Jahr an einem anderen Ort als zu Hause leisten, keine unvorgesehenen Ausgaben stemmen und die Miete nicht rechtzeitig bezahlen können (obere Reihe). Auch ausreichendes Heizen, jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit und ein Auto sind für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2013)

Eine Woche Urlaub im Jahr, das können sich nach Angaben des Statistischen Bundesamts mehr als eine Million Erwerbstätige nicht leisten. Nicht eingeplante Rechnungen, weil die Waschmaschine plötzlich kaputt ist oder das Auto nicht anspringt, sind für sie oft nicht bezahlbar. "Gerade in einem reichen Land wie Deutschland kann Armut noch sehr viel verletzender und demütigender sein als in Ländern, in denen der Wohlstand weniger verbreitet ist", sagt der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. Genau deshalb wird Armut lieber verborgen.

Birgit Nanze zum Beispiel steht 30 Stunden die Woche an der Rezeption eines Berliner Hotels, die Frühschicht beginnt um sieben Uhr. Dabei muss sie immer top aussehen. Niemand darf bemerken, dass die Empfangsdame nur ein Paar Schuhe hat. Schwimmen im Sommer, im Freibad ein paar Bahnen ziehen, das wäre einmal wieder schön, sagt sie. Doch selbst die Tickets für den Schwimmbadbesuch sind für sie zu teuer. Kino, Tierpark, all das, was für viele andere Menschen nur eine Kleinigkeit, eine selbstverständliche Ablenkung im Alltag bedeutet, ist für Nanze unerreichbar. Früher ist sie zum Geburtstag des Sohnes und dem der älteren Tochter mit den beiden Essen gegangen. Wenigstens zweimal im Jahr. Mittlerweile geht auch das nicht mehr. Gerade Alleinerziehende haben oft schwer zu kämpfen: Die 47-Jährige, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, verdient monatlich etwa 1000 Euro netto. Dazu kommen 180 Euro Kindergeld für den 13 Jahre alten Sohn - und 360 Euro vom Jobcenter.

Mehr als 1,3 Millionen Aufstocker

Wer in Deutschland mit seinem Einkommen unterhalb des Hartz-IV-Regelsatzes von 399 Euro plus der jeweiligen Miete liegt, hat Anspruch auf Geld vom Staat. Mehr als 1,3 Millionen dieser "Aufstocker" gibt es. Dahinter verbergen sich aber zwei höchst unterschiedliche Gruppen: Die eine Hälfte, gut 600 000, lebt überwiegend von Hartz IV und verdient sich mit einem Minijob ein paar Euro dazu. Bei der anderen Hälfte ist es eher umgekehrt. Sie haben einen regulären Job oder sind selbständig, brauchen aber die Hilfe vom Steuerzahler. "Das kann daran liegen, dass der Verdienst nicht reicht, viele Kinder in der Familie zu versorgen sind oder die Menschen in einer sehr teuren Wohngegend leben", sagt die Sprecherin der Nürnberger Bundesagentur.

Auf Geld vom Jobcenter dürfte jedoch kaum einer gerne angewiesen sein, auch Birgit Nanze nicht, deren Bewerbungen bisher stets erfolglos waren. "Ohne Hartz IV käme ich überhaupt nicht mehr zurecht", sagt sie. Das ändert aber nichts an ihrem Gefühl, ausgeschlossen zu sein, nicht dazuzugehören.

Am Wochenende ist sie fast immer zu Hause. Denn fast alles kostet etwas. Für das Jahr 2013 musste die gelernte Bürogehilfin noch einmal 600 Euro an Strom nachzahlen, die Rechnung stottert sie noch heute in Raten ab. Ihre Mutter hat sie seit mehr als vier Jahren nicht gesehen, die wohnt 600 Kilometer entfernt. Eine Fahrt - zu teuer. Doch Arbeit verweigern, weil es sich nicht mehr lohnt? "Nein, auf keinen Fall", sagt Nanze. Dann sei die Chance auf eine Vollzeitstelle erst recht vertan.

Morgen früh wird sie trotz allem wieder in Berlin an der Rezeption stehen. An den Füßen ihr einziges Paar Schuhe. All die Gäste, die an ihr vorbeigehen, werden nichts bemerken. Um die gleiche Zeit wird Mayereder in München in der Arztpraxis sitzen. All den Patienten, die sie im Büro sehen, wird nicht auffallen, dass dies schon ihr zweiter Job des Tages ist.

Die Recherche zur Zukunft der Arbeit

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

  • Stechuhr Arbeiten nach dem Lustprinzip

    Führungskraft in Teilzeit, Sparen für das Freizeit-Konto oder Rentnerin auf Abruf: Manche Firmen lassen ihre Beschäftigten arbeiten, wie sie wollen. Fünf Arbeitnehmer berichten.

  • Feelgood Arbeite und fühl' dich wohl

    Gerade jungen Menschen ist Freiheit und Spaß bei der Arbeit wichtiger als das Gehalt. Die Unternehmen reagieren - mit individueller Karriereplanung und "Feelgood-Managern".

  • Seyferth Der Arbeitsverweigerer

    "Arbeit ist scheiße": Mit diesem Slogan wollte Peter Seyferth politische Karriere machen. Heute ist er freiberuflicher Philosoph und verweigert noch immer die Arbeit. Zumindest im Kopf.

  • Zukunft der Arbeit Wie wir in Zukunft arbeiten könnten

    Schneller, flexibler, vernetzter: Die digitale Revolution wird unsere Arbeit komplett verändern. Zum Guten oder zum Schlechten? Fünf Zukunftsvisionen.

  • Geriatric nurse talking to age demented senior woman in a nursing home model released Symbolfoto pro Who cares?

    Leben bedeutet heute Berufsleben. Doch wer kümmert sich ums Baby, wer macht den Einkauf, wer schaut nach der dementen Tante, wenn alle so viel arbeiten? Der Care-Bereich blutet durch die Ökonomisierung der Gesellschaft aus.

  • Bloggerkonferenz re:publica Warum wir nie ausstempeln

    Arbeit macht Spaß - und Arbeit macht kaputt: Die heutige Berufswelt vereinnahmt den ganzen Menschen. Und wir machen das mit. Warum eigentlich?

  • Roboter "Bürojobs sind stärker als andere bedroht"

    Was passiert, wenn kluge Software und mit Sensoren ausgestattete Roboter plötzlich zur Konkurrenz für den Menschen werden? Nichts Gutes, sagt der IT-Experte Martin Ford. Ein Gespräch über eine Zukunft ohne Arbeit.

  • Sie wollen arbeiten

    Tausende Flüchtlinge kommen derzeit jede Woche nach Deutschland. Viele von ihnen sind bestens ausgebildet. Doch Deutschland nutzt diese Chance nicht. Wir stellen sechs Menschen vor, die nichts lieber tun würden, als hier zu arbeiten.

  • Callcenter Die Recherche Wir Ausgebeuteten

    Sie arbeiten bis tief in die Nacht, hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten oder werden gekündigt, wenn sie krank sind: SZ-Leser berichten von Missständen in deutschen Callcentern, Krankenhäusern und Unternehmen.

  • Arbeitsagentur "Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus"

    Ihm begegnen Alleinerziehende, die trotz eines Ingenieurdiploms keinen Job finden, oder Migranten, die die Verträge, die sie unterschreiben, nicht lesen können: Ein Arbeitsvermittler aus einem Berliner Jobcenter gewährt subjektive Einblicke in das System Hartz IV.