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Muhammad Yunus:"Das ist der Kampf, den ich bis heute führe"

Muhammad Yunus, Nobel Peace Prize laureate. Muhammad Yunus, laurà at du prix Nobel de la paix. Muhammad Yunus, Nobel Pea

"Geld ist der Sauerstoff des Unternehmertums", sagt Muhammad Yunus in seiner Botschaft an die Teilnehmer des SZ-Summit "Wirtschaft nachhaltig denken".

(Foto: Denis Meyer/Imago)

Die Kluft zwischen Reich und Arm wird gefährlich groß, warnt Muhammad Yunus. Die Ärmsten brauchen laut dem Friedensnobelpreisträger vor allem eins.

Von Elisabeth Dostert

Es sei sein Lieblingsthema, "Kapital und Gerechtigkeit", sagt Muhammad Yunus, an die Teilnehmer des SZ-Gipfels "Wirtschaft nachhaltig denken" gerichtet. Es ist ihm anzusehen, wie sehr ihn das Thema immer noch umtreibt nach all den Jahren. Es ist sein Lebensthema. Ende Juni ist der Friedensnobelpreisträger 81 Jahre alt geworden, aber die Probleme sind noch lange nicht erledigt. Im Gegenteil: Die Kluft zwischen den Menschen, die das Vermögen besitzen, und jenen, die in Armut leben, sei noch größer geworden, so sieht das Yunus.

Die Konzentration im internationalen Finanzsystem nehme extrem zu, beklagt der Ökonom in seiner Video-Botschaft. Das Vermögen liege in immer weniger Händen. Die Mehrzahl der Menschen sei vom Wohlstand ausgeschlossen. "99 Prozent der Weltbevölkerung besitzen nur ein Prozent des weltweiten Vermögens. Die Kluft zwischen Reich und Arm wird größer und größer jede Sekunde." Der Wohlstand in so wenigen Händen sei eine "tickende Zeitbombe". Verantwortlich für diese "explosive Lage" macht Yunus das Finanzsystem. Es verweigere mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Zugang zu Finanzierungen mit der Begründung, diese Menschen seien nicht kreditwürdig. "Das ist der Kampf, den ich seit 1976 und bis heute führe", sagt Yunus. 1983 gründete er die auf Kleinstkredite, also Mikrofinanzierungen spezialisierte Bank Grameen.

Die eigentliche Frage sei doch, ob das Finanzsystem den Menschen diene? Aber diese Frage werde nicht gestellt, um sich nicht mit dem Finanzsystem anzulegen. Das stimmt natürlich nicht ganz: Yunus selbst stellt ja solche Fragen. Er kritisiert die Akteure offen und hat sich damit Feinde gemacht. Die Kritik an der Geldgier des Establishments und der Korruption in seinem Heimatland Bangladesh führte dazu, dass ihn die Zentralbank 2011 als Grameen-Chef absetzte - aus formellen Gründen, weil er die vorgeschriebene Altersgrenze längst überschritten habe. Nachahmer mit dubiosen Geschäftspraktiken brachten zudem Mikrokredite in Verruf.

"Das Finanzsystem muss dem Menschen dienen. Alle Menschen müssen Zugang zum Finanzsystem haben", sagt Yunus. Als Gegenentwurf zum Bankensystem, das den Reichen diene, habe er vor mehr als vier Jahrzehnten Mikrofinanzierungen für die Armen entwickelt. "Wir haben das System umgekehrt", sagt Yunus: "Die konventionellen Banken sitzen in den Städten, wir sind aufs Land gegangen, in arme und entlegenen Regionen, wo es nichts gibt." Die klassischen Angebote richteten sich an Männer, Grameen leihe vor allem Frauen Geld. "Unser System basiert auf Vertrauen, nicht auf Verträgen und Garantien." Aber im internationalen Finanzsystem seien Mikrofinanzierungen nur eine "Fußnote. Das ist falsch."

Er hätte Banker werden können, Teil des von ihm kritisierten Systems

Yunus war und bleibt überzeugt davon: Wenn man die Ärmsten in die Lage versetzen wolle, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und aus ihnen Unternehmer zu machen, müsse das Finanzsystem umgekrempelt werden. "Geld ist der Sauerstoff des Unternehmertums", sagt der Nobelpreisträger. "Wenn der Hälfte der Menschheit dieser Sauerstoff nicht zur Verfügung steht, hängen sie von der Gnade anderer ab. Geld kann sie zum Leben erwecken."

Ihm ist es nie darum gegangen, seinen Gewinn zu maximieren. Er hätte Banker werden können, Teil des von ihm kritisierten Systems. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Dhaka ging er - dank eines Fulbright-Stipendiums - zur Promotion in die USA. Anfang der 70er-Jahre kehrte er zurück und wurde Professor an der Universität Chittagong. Für ein Forschungsprojekt besuchte er mit Studenten ein Dorf. Dort lebte eine Frau, die Bambusstühle flocht, für den Rohstoff aber Kredite zu vollkommen überhöhten Zinsen aufnehmen musste, sodass ihr kaum etwas blieb. Damals begann Yunus, Geld an Menschen in prekären Verhältnissen zu verleihen.

Bei der Grameen-Bank ist es nicht geblieben. Er gründete in Dhaka das erste Yunus Centre, es fördert Social Business, also Unternehmen, die ein soziales oder ökologisches Problem lösen wollen. Dem Netzwerk gehören mittlerweile weltweit mehr als 80 Zentren an, darunter auch das Yunus Centre an der Leuphana-Universität Lüneburg. Noch eine andere Sorge treibt Yunus um: Die Corona-Pandemie. Gemeinsam mit anderen Menschen und Nichtregierungsorganisationen setzt er sich für eine Freigabe der Impfstoff-Patente ein. Die Versuche, diese Krise durch Spenden zu lösen, seien gescheitert, zitierte die Allianz "The People's Vaccine" Yunus in einer Mitteilung. Es entspreche schlichtweg nicht der Wahrheit, dass es in den aktuellen Handelsregeln genügend Spielraum gäbe. "Wenn das stimmen würde, wären wir nicht in dieser Krise." Die Welt sei, sagt Yunus, in einer Gesundheitskrise, wie sie nur einmal in einem Jahrhundert vorkomme.

© SZ
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