Arbeitsmarkt:Kleine Jobs, große Probleme

Arbeitsmarkt: Illustration: Bernd Schifferdecker

Illustration: Bernd Schifferdecker

Mini- und Midi-Jobs sind kein Sprungbrett ins Berufsleben, sondern oft eine Falle - vor allem für Frauen. Es gibt also keinen Grund, sie dauerhaft staatlich zu bezuschussen.

Von Henrike Roßbach

Würde man eine Umfrage starten, ob der Staat Nebenjobs bezuschussen soll, Teilzeit für Frauen und Arbeitsverhältnisse, die zu niedrigen Renten führen - vermutlich würden nur sehr wenige sagen: Ja, das klingt nach einer spitzen Idee. Mit Mini- und Midi-Jobs aber verhält es sich ziemlich genau so, in unterschiedlicher Ausprägung.

Mini-Jobber dürfen bis zu 450 Euro im Monat verdienen und müssen darauf keine Steuern und Beiträge zur Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung zahlen; von der Rentenversicherungspflicht können sie sich befreien lassen. Gewerbliche Arbeitgeber führen pauschal Beiträge zur Kranken-, Renten- und Unfallversicherung ab, plus Steuern und Umlagen. Im Gegenzug profitieren sie davon, dass Mini-Jobber sich äußert flexibel einsetzen lassen, weshalb die Rechnung auch für sie aufgeht.

Die Idee hinter dieser Art Jobs ist, einen attraktiven und niedrigschwelligen Zugang zum Arbeitsmarkt zu schaffen, eine erste Stufe hin zu einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Tatsächlich aber gelingt das viel zu selten. Zudem ist der Mini-Job für fast drei der insgesamt gut sieben Millionen geringfügig Beschäftigten nur ein Nebenjob. Weil ihnen im Mini-Job mehr Netto vom Brutto bleibt, lohnt sich das teilweise mehr, als Überstunden oder Vollzeit im sozialversicherungspflichtigen Hauptberuf. Auf Rente und berufliches Fortkommen aber wirkt sich eine solche Kombination negativ aus. In der Haupterwerbsphase und bei denjenigen, die ausschließlich als Mini-Jobber arbeiten, sind Frauen überrepräsentiert, mit allen negativen Konsequenzen für ihre Altersvorsorge und den Aufbau einer eigenen Karriere, unabhängig vom Einkommen und Beruf ihres Partners. Förderwürdig ist das nicht.

Und weil es Mini-Jobs gibt, muss es auch Midi-Jobs geben. Denn ohne den sogenannten Übergangsbereich zwischen geringfügiger und voll sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung würden von 450,01 Euro an die vollen Abgaben und teilweise auch Steuern fällig - und die ohnehin große Sogkraft des Mini-Jobs verstärkt. Deshalb steigen zumindest die Arbeitnehmerbeiträge für Midi-Jobber erst mit wachsendem Einkommen. Seit der jüngsten Reform von SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil endet diese Übergangszone sogar erst bei 1300 Euro. Auch das hat die Nebenwirkung, dass man es sich gut überlegen muss, ob sich ein Job jenseits dieser Grenze lohnt. Denn es kommt erschwerend hinzu, dass die verringerten Rentenbeiträge der Midi-Jobber jetzt nicht mehr zu niedrigeren Renten führen. Diese Lücke stopft der Staat - auf Kosten der Sozialversicherungen und der anderen Beitragszahler. Für Arbeitgeber ist das eine feine Sache; im Zweifel können sie das, was der Arbeitnehmer an Beiträgen spart, sogar in niedrigere Löhne übersetzen.

Die Mini-Job-Grenze sollte abgesenkt werden

Von den Midi-Jobbern arbeiten sogar 90 Prozent in Teilzeit, drei Viertel sind Frauen, die ohnehin stärker von Altersarmut bedroht sind als Männer. Ebenfalls kritikwürdig ist, dass der Staat mit diesem Modell nicht nur Geringverdiener subventioniert, die kaum über die Runden kommen, sondern zum Beispiel auch Frauen, denen ein Midi-Job deshalb reicht, weil ihr Partner für sie mitverdient. Das ist verteilungspolitisch unsinnig - und den Frauen nutzt es auch nichts, weil ihnen auch ein subventionierter Midi-Job keine wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglicht.

Trotzdem will die SPD laut Wahlprogramm die Midi-Zone noch weiter ausdehnen, auf bis zu 1600 Euro. Den Mini-Job dagegen greift sie über ihr Versprechen eines höheren Mindestlohns an: Wenn der nämlich käme, die Mini-Job-Grenze aber nicht angehoben wird, hätten Mini-Jobber nichts vom höheren Mindestlohn. Das Beschäftigungsmodell würde an Attraktivität verlieren. FDP und Union dagegen wollen die Mini-Job-Grenze hochsetzen, die FDP nennt das "leistungsgerecht", die Union "flexibel". Tatsächlich aber würde sich eine fragwürdige Beschäftigungsform so noch verfestigen. Die Linke wiederum will die Mini-Jobs abschaffen, die Grünen ebenfalls, bis auf Ausnahmen für Rentner und Studenten.

Zumindest über eine Absenkung der Mini-Job-Grenze sollte die nächste Bundesregierung in jedem Fall nachdenken, als Nebenjob gehört dieses Konstrukt ohnehin komplett abgeschafft. Auch die Midi-Jobs bräuchte man dann nicht mehr. Das Ziel muss reguläre Beschäftigung sein. Denn weder ein Berufsleben noch eine Altersvorsorge lassen sich auf einem Mini- oder Midi-Job aufbauen.

© SZ
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