Volkswagen:Der Diesel-Prozess beginnt - doch der wichtigste Mann fehlt

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Martin Winterkorn

Martin Winterkorn (hier im Jahr 2013) wird nicht dabei sein in Braunschweig. Wegen Krankheit ist sein Prozess abgetrennt und verschoben worden.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

In Braunschweig beginnt an diesem Donnerstag eine der wichtigsten Gerichtsverhandlungen der deutschen Industriegeschichte. Ex-VW-Chef Martin Winterkorn ist nicht im Saal - und wird wohl doch der heimliche Hauptdarsteller sein.

Von Thomas Fromm und Max Hägler

Im September 2015 spricht ein sehr zerknirschter Martin Winterkorn einen Text in eine Kamera. Blass die Wand, vor der er steht, blass und etwas fahrig auch der sonst so selbstbewusste Mann, der kurz nach den Aufnahmen als VW-Chef zurücktreten wird. Einige Tage zuvor hatten amerikanische Umweltbehörden bei Volkswagen den großen Skandal um manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos aufgedeckt, und nun steht der langjährige Chef da und entschuldigt sich. Wer genau hinhörte, konnte da schon einen sehr frühen Eindruck davon bekommen, wie der Automanager sich und seine Rolle in dem ganzen Drama sah.

Nicht weil Winterkorn sagte, dass es ihm "unendlich leid" tue, dass man "Vertrauen enttäuscht" habe. So etwas gehört vermutlich zum Standardrepertoire in solchen Situationen. Interessant war jene Festlegung, mit der Winterkorn schon ganz am Anfang seine Verteidigungslinie festzurrte: Es wäre "falsch, wenn wegen der schlimmen Fehler einiger weniger die harte und ehrliche Arbeit von 600 000 Menschen unter Generalverdacht gerät", sagte er.

Es war eine klare Botschaft: Ein paar Bösewichte aus den eigenen Reihen haben Fehler gemacht, haben am Dieselmotor geschraubt, Millionen Autos manipuliert, illegale Abschalteinrichtungen eingebaut und dafür gesorgt, dass über Jahre hinweg mehr gesundheitsgefährdende Abgase in die Umwelt geblasen wurden als gesetzlich erlaubt. Einige wenige haben Millionen Kunden und Hunderttausende Mitarbeiter betrogen. Und sogar den Chef. So die Darstellung von diesem.

Sechs Jahre ist das alles nun her, eine lange Zeit, und vor dem Landgericht Braunschweig wird von diesem Donnerstag an nun die Frage verhandelt, wer wirklich verantwortlich ist für den Riesenschwindel. Der Vorwurf der Anklage gegen die ersten vier von etwa 100 Tatverdächtigen ist hart: "Gewerbs- und bandenmäßiger Betrug und andere Straftaten". Insgesamt neun Millionen Autos mit dem Motor EA-189 - etwa die Modelle Golf, Jetta oder Passat von VW, Fabia, Octavia oder Superb von Škoda und auch etliche Audis - seien über die Jahre in Deutschland, Europa und den USA verkauft worden, obwohl sie nicht zulassungsfähig gewesen seien. Die Angeklagten hätten davon Kenntnis gehabt, diese Vorgehensweise gewollt und sogar irreführende Reklame für die Autos abgesegnet. Eine Motivation, laut Anklage: So ließen sich die Konzerngewinne steigen, wovon auch die eigenen Boni abhingen.

OP-Saal statt Gericht

Einer muss sich allerdings noch nicht rechtfertigen in dem Mammutprozess, der wegen der Corona-Pandemie und des zu erwartenden Andrangs in die Stadthalle Braunschweig verlegt worden ist. Das Verfahren gegen Martin Winterkorn, der von 2007 bis 2015 Chef des größten deutschen Industrieunternehmens war, wurde aus Gesundheitsgründen abgetrennt. Der 74-Jährige, der seit Langem Schwierigkeiten mit der Hüfte hat, musste sich gerade einer Operation unterziehen. Und so geht es von dieser Woche an erst mal nur gegen die vier mitangeklagten VW-Manager, darunter ein früherer enger Vertrauter Winterkorns: Ex-Markenvorstand Heinz-Jakob Neußer. Dann - 2022, 2023, wann auch immer - soll auch der Ex-Chef an der Reihe sein, wobei die Staatsanwaltschaft gerade versucht, die Verfahren doch noch irgendwie zusammenzuhalten. Sie will nicht noch mehr Arbeit und möglichst das ganze Bild nachzeichnen: Von der Entstehung bis zum Ende, vom Motorenentwickler bis zum obersten Chef.

Aber auch wenn Winterkorn nicht dabei ist: Er wird, davon ist auszugehen, immer irgendwie mit im Raum sein. Dafür dürften die anderen Angeklagten, ihre Verteidiger und wohl auch die Staatsanwaltschaft sorgen. Ein Prozess zwar ohne Winterkorn, aber mit Winterkorn als heimlichem Hauptdarsteller sozusagen. Winterkorn, der alle Vorwürfe zurückweist, könnte diese Lösung durchaus gefallen, könnte man meinen. Allerdings: Mit der Trennung der Prozesse geht für den Ex-Manager eine lange Phase des Schwebezustands nun weiter - Ende offen.

Weiter produziert, weiter verkauft, trotz Schummelei

Das erinnert ein wenig an den in München bereits laufenden Prozess gegen den früheren Audi-Chef Rupert Stadler. Tatsächlich wird auch diesem nicht vorgeworfen, den Betrug initiiert zu haben. Die Anklage dort wirft Stadler vor, dass er es von September 2015 an zumindest für möglich gehalten haben soll, dass auch in Europa Dieselautos mit geschönten Abgaswerten verkauft wurden. Mit anderen Worten: weiter produziert, weiter verkauft, trotz Schummelei - denn das Geschäft geht vor. Auch beim Prozess gegen den früheren Audi-Chef und drei andere frühere Manager des Unternehmens kommen sehr unterschiedliche Hierarchieebenen zusammen - das Ziel der Staatsanwaltschaft, so sieht es zumindest aus: die gesamte Story des Dieselbetrugs abzubilden. Stadlers Anwälte hatten versucht, das Verfahren gegen ihren Mandanten abzutrennen, weil die Vorwürfe hier andere sind.

14.04.2020, xtgx, Symbolfotos Volkswagen Abgasskandal, dunkle Wolken ueber der Konzernzentrale von VW in Wolfsburg, Sym

Wolfsburg, VW-Zentrale: Hier hatten sich führende Ingenieure am sogenannten "Schadenstisch" versammelt.

(Foto: Jan Huebner/imago)

Tatsächlich wirft die Anklage auch Winterkorn nicht vor, an der Entwicklung der Abschalteinrichtung beteiligt gewesen zu sein, wenn man das als Kern betrachten will. Winterkorn habe "erst verhältnismäßig spät von den eventuellen Manipulationen erfahren", so das Gericht bislang. Allerdings: Nachdem er im Mai 2014 ernst zu nehmende Nachrichten zu gesetzeswidrigen Manipulationen bekommen habe, da habe er die technischen Einrichtungen zur Abgasmanipulation nicht abgeschafft, sondern weiterlaufen lassen. Eine interne Notiz, die ihm in seinem sogenannten "Wochenendkoffer" mitgegeben und somit zur Lektüre empfohlen wurde, soll auf zu hohe Stickoxidwerte bei Abgasmessungen und illegale Abschalteinrichtungen hingewiesen haben. Haben die Kollegen aus der Qualitätssicherung und Produktsicherheit nicht laut und eindrücklich genug gewarnt? Hatte Winterkorn die Notiz nicht gelesen? Oder deren Brisanz unterschätzt? Oder war es am Ende eine Wochenend-Familienfeier, die ihn davon abhielt, sich den Wochenendkoffer mit den Büronotizen genauer anzuschauen?

Was genau geschah am Schadenstisch?

Und dann ist da noch die Sache mit dem sogenannten Schadenstisch, jener turnusmäßigen Veranstaltung, die von leitenden Ingenieuren gefürchtet war wie die heilige Inquisition. Bei jenen Veranstaltungen wurden technische Probleme und Fragestellungen diskutiert, es schlug dann die Stunde des detailverliebten Winterkorn. Als diese Runde Ende Juli 2015 in der Konzernzentrale in Wolfsburg zusammenkam, sollen Winterkorn und seine Entourage über die Probleme mit einer Abschalteinrichtung und die enormen rechtlichen Risiken solcher Manipulationen informiert worden sein. Gegenüber seinem ehemaligen Arbeitgeber VW hat Winterkorn bereits 11,2 Millionen Euro Schadenersatz gezahlt. Aber er blieb dabei: Von dem ganzen Schlamassel will er erst im September 2015 erfahren haben.

Wie glaubwürdig ist es, wenn jemand wie Winterkorn, der berüchtigt dafür war, sich um jede Schraube des Konzerns zu kümmern, so lange nichts von all dem wusste? Das Gegenteil, diese eine Smoking Gun, ist jedenfalls bislang nicht gefunden: Dieser Befehl von ganz oben, von Winterkorn, dass zum Wohle des Geldverdienens geschummelt werden solle.

Gilt also, was Hiltrud Werner zum Start der ganzen Prozesse erklärte? "Es gibt nicht eine einzelne Ursache", glaubt die Frau, die nach dem Auffliegen in den VW-Vorstand geholt worden war, um aufzuklären und dafür zu sorgen, dass zumindest künftig Recht und Gesetz eingehalten werden. Viele Umstände hätten dazu beigetragen, dass sich der Skandal hineingefressen habe in den Konzern: Menschen, die immer nur in einer Abteilung verharrten. Und eine "hierarchiegeprägte Kultur, eine Starrheit, die wenig Eigenverantwortung" zugelassen habe.

Der Dieselskandal als Ergebnis einer vielfach fehlgeleiteten Kultur? Die Angeklagten Ex-Manager Neußer und seine Kollegen Jens H., Hanno J. und Thorsten D. werden in den kommenden Monaten wohl auch dazu Einblicke geben - und womöglich immer wieder auf den Mann verweisen, der jetzt noch nicht vor Gericht steht: Martin Winterkorn.

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