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Ex-Wirecard-Manager:Sein Name ist Marsalek, Jan Marsalek

Der von Wirecard entlassene Vorstand Jan Marsalek wird inzwischen per internationalem Haftbefehl gesucht.

(Foto: oh)

Wie ein großes Puzzle fügt sich allmählich das Bild des Ex-Wirecard-Managers zusammen. "James Bond war sein Ding", sagt ein Bekannter, "Geheimdienste seine Faszination".

Von Frederik Obermaier, Christoph Giesen, Peking, und Oliver Das Gupta

Der Tag, an dem der frühere Wirecard-Vorstand Jan Marsalek zuletzt gesehen wurde, war ein Donnerstag. Am 18. Juni, dem Tag seiner Beurlaubung, kam er noch einmal nach Aschheim. Dann verließ Marsalek den Wirecard-Hauptsitz - und verschwand. Mittlerweile wird der 40-jährige Österreicher per Haftbefehl international gesucht, und es vergeht kaum ein Tag mehr, an dem kein neues Detail über ihn bekannt wird. Wie ein großes Puzzle fügt sich das Bild jenes Mannes zusammen, der mit 30 Jahren in den Vorstand von Wirecard aufstieg und nun, zehn Jahre später, im Zentrum eines der größten Betrugsfälle in der Geschichte der Bundesrepublik steht.

Wenn es stimmt, was in diesen Tagen über ihn zu erfahren ist, verkehrte er in einer Halbwelt von Geheimdienstlern, Söldnern und anderen Gestalten, während er nach außen hin das Bild des schneidigen und weltgewandten Chief Operating Officer eines Dax-Konzerns pflegte.

"James Bond war sein Ding", sagt ein Bekannter des flüchtigen Managers, "Geheimdienste seine Faszination." Marsalek habe Verbindungen zu russischen Agenten gehabt, heißt es. Er selbst soll bei einer Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft München geprahlt haben, er betreibe "Feindaufklärung" und lasse sich von jemandem in einer ausländischen Regierung mit Informationen über einen unliebsamen Mitarbeiter versorgen.

Marsalek, so berichtete die Wiener Tageszeitung Presse , habe über einen Mittelsmann Informationen des österreichischen Inlandsgeheimdienstes beschafft und sie an die rechtspopulistische FPÖ weitergegeben. Marsalek, schrieb die britische Financial Times (FT), sei im Besitz der - geheimen - Formel des Nervengiftes Novitschok gewesen. Bei einem Treffen 2018 in München soll er laut FT darüber nachgedacht haben, eine eigene Miliz in Libyen zu rekrutieren: 15 000 Mann bis an die Zähne bewaffnet. Dokumentiert ist zudem, dass Marsalek offenbar auch schon mit einem Kampfflugzeug vom Typ Mig-29 durch die Stratosphäre geflogen ist. Im Internet findet man Fotos, die ihn nach dem Flug mit einer Teilnehmerurkunde zeigen. Diesem Mann scheint fast alles zuzutrauen zu sein.

Marsalek könnte theoretisch überall stecken

Und so wird in Österreich spekuliert, wie es um Marsaleks Kontakte zur rechtspopulistischen FPÖ stand. Der damalige FPÖ-Spitzenpolitiker Johann Gudenus scheint für Marsalek ein Türöffner zu Parteifreunden gewesen zu sein. Im Sommer 2018 begleitete er den Wirecard-Manager zu einem Treffen in das von FPÖ-Mann Herbert Kickl geführte Innenministerium, wie ein Parteisprecher der SZ bestätigte. Marsalek habe "in Anwesenheit von Beamten des Hauses einen Vorschlag im Bereich des Asylwesens mit dem Ziel einer besseren Bekämpfung illegaler Einwanderung" präsentiert, sagte Kickl auf SZ-Anfrage. "Ich war bei diesem Termin selbst nicht anwesend." Aus dem Termin habe es keine "Veranlassungen" gegeben.

Darüber hinaus liegen dem Untersuchungsausschuss zur sogenannten Ibiza-Affäre Chatprotokolle vor, in denen ein FPÖ-Politiker und ein Mittelsmann über einen "Jan" sprechen,der beste Kontakte zu Österreichs Geheimdienst und zum Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT) habe. Laut Presse tauschte sich Gudenus regelmäßig mit ihm aus. Den Chatprotokollen zufolge war Gudenus mit "Jan" sehr vertraut, für die SZ war er bis zum Redaktionsschluss nicht zu erreichen. Auch Marsaleks Anwalt wollte sich nicht äußern. Und der ehemalige Wirecard-Vorstand selbst?

Er bleibt verschwunden. Auch drei Wochen nach seinem Untertauchen ist unklar, wo der sich versteckt hält. Erst vor einigen Tagen hatte sich einer seiner Kollegen, der Geschäftsführer einer Tochterfirma aus Dubai, den Behörden gestellt. Eine Spur zu Marsalek, die auf die Philippinen führte, stellte sich als Sackgasse heraus. Offenbar waren örtliche Beamte bestochen. Und so könnte er theoretisch überall stecken: in Asien, wo er einst das Wirecard-Geschäft aufgebaut hatte, in Russland, wo er offenbar beste Kontakte hat, in seiner Heimat Österreich oder ganz woanders.

© SZ vom 11.07.2020

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