bedeckt München

Logistik:Lkw-Fahrer kämpfen sich aus der Krise

Firmen suchen Fahrer

Der Lkw-Parkplatz an der Autobahn-Raststätte Michendorf bei Potsdam ist voll besetzt.

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Wie sich die Arbeit der Fernfahrer in der Corona-Krise geändert hat - und warum die Branche in der Pandemie ein wichtiger Indikator für die Wirtschaftsleistung ist.

Von Franziska Nieß

Wertschätzung ist ein Begriff, der viele Lkw-Fahrer umtreibt. Denn wirklich gern gesehen sind sie nicht bei anderen Autofahrern - immerhin verstopfen sie mit ihren Lastwagen Straßen und Rastplätze. Diese Sichtweise scheint sich durch die Corona-Krise gebessert zu haben. Neben der Arbeit von Ärzten, Pflegern und Kassierern wurde auch die von Lkw-Fahrern und Lager-Mitarbeitern öffentlich wertgeschätzt, sagt Bernhard Simon, Vorstandsvorsitzender des Logistikdienstleisters Dachser. Vor allem Lebensmittel mussten ja in die Läden kommen, Shutdown hin oder her. Ohne die Logistikbranche würden aber nicht nur Tomaten, Reis und Toilettenpapier im Supermarkt fehlen. Auch Medikamente und Schutzkleidung müssen in der Pandemie durch Europa transportiert werden.

Für Dachser sind europaweit täglich rund 11 800 Lkws im Einsatz. Die Fahrzeuge gehören in der Regel kleineren Firmen, nicht Dachser selbst. 2019 machte das Familienunternehmen einen Umsatz von rund 5,7 Milliarden Euro. Bisher komme Dachser "gut und stabil durch die Krise", sagt Simon. Die europaweiten Beschränkungen im April und Mai führten zwar zu "deutlich niedrigeren Mengen" im Lieferverkehr in Europa. Für das zweite Halbjahr erwartet Simon aber, dass das Geschäft wieder normaler läuft. Vorausgesetzt, die Pandemie bleibt unter Kontrolle.

Die Wirtschaftskrise verändert die Arbeit der Logistiker - was die Branche unfreiwillig zu einem wichtigen Konjunkturindikator macht. Das Statistische Bundesamt veröffentlicht in der Pandemie täglich einen Index, der zeigt, wie viele Lkws auf Mautstraßen unterwegs sind. Deutlich in den Daten zu sehen ist der Absturz Ende März und im April. Nach den Osterferien ging es langsam wieder aufwärts. Der Einzelhandel öffnete schrittweise, Automobilhersteller produzierten wieder. Für Juli meldete das Statistikamt soeben einen Wert, der nur noch zwei Prozent unter der Fahrleistung im Juli 2019 liegt. Die Maut-Daten sind solide, sagt Dirk Engelhardt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands für Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung. Denn der Index stützt sich auf alle digital gemeldeten Mautfahrten.

Der Verband befragte außerdem seine rund 8000 Mitgliedsunternehmen regelmäßig zu den Auswirkungen der Krise. 85 Prozent verzeichneten massive Auftragsrückgänge, mehr als 25 Prozent berichteten von freien Lagerkapazitäten. "Alles, was nicht produziert und nicht gehandelt wird, wird auch nicht transportiert", sagt Engelhardt.

Weil Autohöfe dichtmachten, fehlte den Lkw-Fahrern warmes Essen

Verschlechtert hat sich in der Krise auch der Arbeitsalltag der Transporteure. Viele Autohöfe machten während des Lockdowns komplett dicht. Den Lkw-Fahrern fehlten plötzlich warmes Essen und die Möglichkeit, sich zu waschen. Sie mussten auf Tankstellen und die Toilettenhäuser entlang der Autobahn ausweichen. Von den Be- und Entladestellen bekam der Verband Fotos von verdreckten Dixi-Klos und Wassereimern zugeschickt.

Eine Initiative von Bundesverkehrsministerium, Logistikverband und anderen stellte daraufhin Toiletten- und Duschcontainer auf, wenn auch in überschaubarer Zahl: Der Verband installierte lediglich fünf Container. Grund für die geringe Anzahl seien bürokratische Hürden. Das Ministerium berichtet seinerseits von 19 bundesweit aufgestellten mobilen Duschen und Toiletten. Sie sollen bleiben, auch wenn die Autohöfe wieder geöffnet haben. In einigen Bundesländern sind die Sonn- und Feiertagsfahrverbote immer noch ausgesetzt. Auch die Regeln, wie lange Lkw-Fahrer am Stück arbeiten dürfen und welche Pausen vorgeschrieben sind, wurden gelockert.

Insolvenzen im großen Stil blieben bisher aus - wohl auch, weil derzeit die Pflicht zur Insolvenzanmeldung ausgesetzt ist. Trotzdem gilt: "Die Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger", sagt Christian Kille vom Institut für Angewandte Logistik der Universität Würzburg. Den kleineren und mittleren Betrieben fehle häufig ausreichend Kapital, um ausbleibende Aufträge zu kompensieren. Ein Experten-Gremium um Kille rechnet damit, dass die Wirtschaftsleistung der gesamten Logistikbranche um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr fallen wird. Vermutlich werde erst 2023 wieder das Niveau von 2019 erreicht, schätzen die Unternehmer und Wissenschaftler.

© SZ vom 12.08.2020

EU-Pläne zu Lkw
:Gute Nacht, Brummi

Lkw-Fahrer sollen ihre Kabinen künftig regelmäßig gegen Hotelbetten tauschen. Die Rede ist von einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Nur: Wollen die Fahrer das? Besuch auf einem Rastplatz an der Autobahn 9.

Von Max Sprick

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite