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Landwirtschaft:Bauern müssen sich an strenge Auflagen halten

Viele Landwirte fühlen sich von den Ansprüchen des Handels überfordert und gegängelt. Auch der bayerische Landwirt Michael Häsch hat schlechte Erfahrungen gemacht. Häsch ist ein streitbarer Mann mit blondem Haarschopf und breitem Kreuz. In Dietramszell, südlich von München, betreibt er einen Hof mit 16 000 Legehennen, 6000 davon in Bodenhaltung, 10 000 im Freiland. Knapp 30 Seiten mit Geschäftsbedingungen umfasste der Liefervertrag, den ihm ein großer Einzelhändler vor einigen Jahren vorlegte. "Da hätte ich viel investieren müssen und trotzdem keine Abnahmegarantie bekommen." Häsch hat nicht unterschrieben.

Bernhard Schlindwein vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband

"Der Lebensmittelhandel tritt zum Teil wie ein Gesetzgeber auf."

Investiert hat er trotzdem. Auch bei den Legehennen geht es um besseren Tierschutz. Damit sich die Tiere durch Federpicken nicht gegenseitig verletzten, wird ihnen schon kurz nach dem Schlüpfen der Schnabel gekürzt. Das ist üblich in der Branche, doch ab 2017 ist diese Praxis verboten. Für die Halter ist das eine Herausforderung. "Das Schnabelkürzen von heute auf morgen abschaffen, das geht nicht", erklärt Häsch. Seit fünf Jahren testet er, wie die Umstellung gelingen kann und ist auch an einem Bundesprogramm beteiligt. "Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln, die sich auf andere Betriebe übertragen lassen, dafür brauchen wir auch die Hilfe von Wissenschaftlern." Häsch hat viel Neues ausprobiert, die Ställe umgebaut und die Futterpalette erweitert. Mit den Erfolgen ist er zufrieden, am Ziel sieht er sich aber noch nicht.

Von den großen Ketten hält er sich lieber fern. "Der Handel will sich mit kleinen familiären Betrieben schmücken, macht ihnen aber Auflagen, die oft nicht zu erfüllen sind", kritisiert er. Seine Eier vermarktet Häsch selbst, im eigenen Hofladen oder über die regionale Vermarktungsgesellschaft Unser Land. Wer sehen will, woher seine Eier kommen, ist jederzeit auf seinem Hof willkommen. Diese Einladung hat er sogar mit einem Foto von sich auf die Eierkartons drucken lassen.

Diese Möglichkeit zur Eigenvermarktung haben viele Milchbauern nicht. Sie sind auf die Kooperation mit ihren Molkereien angewiesen. Groß war deshalb die Empörung bei den Erzeugern, als im August bekannt wurde, dass Edeka bei den Molkereien neue Standards in der Milchviehhaltung durchsetzen will, ohne mit den Bauern selbst zu sprechen. Der Anforderungskatalog enthält kostspielige Vorgaben, etwa mehr Platz für die Tiere im Stall und umfangreiche Protokollpflichten.

Edeka bemüht sich um Schadenbegrenzung. In einem Schreiben an die SZ heißt es, bei dem Katalog handele es sich nicht um eine Forderung, sondern "um eine Aufforderung, miteinander ins Gespräch zu kommen". Diesen Dialog will man bei Edeka zunächst aber nur mit den Molkereien führen. Erste Gespräche hätten bereits stattgefunden und würden in den kommenden Wochen fortgesetzt, heißt es. Der Bayerische Bauernverband hält dieses Vorgehen für eine Provokation, auch angesichts der niedrigen Milchpreise. Schon jetzt müssten sich die Erzeuger an umfangreiche gesetzliche Vorschriften halten, weitere Sonderleistungen müssten honoriert werden, verlangt der Verband.

Auch in der Politik werden die Aktivitäten der großen Einzelhändler argwöhnisch beobachtet. Einerseits sinkt damit der Druck auf die Regierung, mehr Tierschutz mithilfe von Gesetzen durchzusetzen. Andererseits vergibt sie damit die Chance, selbst die Richtung vorzugeben. Verbraucher und Tierschützer lassen nicht locker , sie kritisieren immer wieder gravierende Mängel bei der Haltung von Schweinen, Geflügel und Kühen. Diese Defizite bekam Agrarminister Christian Schmidt (CSU) nun auch von einer Expertengruppe attestiert, die er selbst einberufen hat. Der sogenannte Kompetenzkreis hat diese Woche seinen Bericht vorgelegt. Schmidt selbst kündigte an, sein Ministerium arbeite derzeit an einem staatlichen Tierwohl-Label, das er Anfang 2017 vorstellen will.

Schweinemäster König verfolgt den Aktionismus in Sachen Tierschutz mit gemischten Gefühlen. Er befürchtet, dass bald noch mehr Kontrolleure auf seinem Hof stehen könnten. Sechs seien allein schon in diesem Jahr vorbeigekommen. Neben den staatlichen Veterinären, waren das unter anderem Futtermittelkontrolleure, Experten der Tierwohl-Initiative und vom Qualitätssicherungssystem QS. Auch sie schreiben, bis auf wenige Ausnahmen, eine Rechnung. "Es wird immer mehr kontrolliert und der Landwirt zahlt." Fair sei das nicht, meint er.