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Butterkeks von Leibniz:Mit dem Butterkeks im Osten ist wieder alles in Butter

Bahlsen-Keks Produktion

Das Satiremagazin Postillon titelte einst: "Heimlich eingespart: Leibniz Butterkeks nur noch mit 51 Zähnen". Das ist natürlich Quatsch. Er hat wie eh und je 52.

(Foto: dpa/dpaweb)
  • Die Keks-Ungerechtigkeit ist vorbei: Bahlsen backt seine Kekse in ganz Europa nur noch mit Butter. Bislang kam in Osteuropa Palmöl in den Teig.
  • Die Umstellung der Produktion dürfte eine Reaktion auf die Proteste sein, die es wegen dieser und ähnlicher Praktiken Mitte Februar in Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn gegen Lebensmittelkonzerne gegeben hat.
  • Andere Unternehmen halten dagegen weiterhin an der Strategie fest, für jeden Markt spezifische Produktvarianten anzubieten.

Von Markus Mayr

Bröselig ist er, goldbraun, rechteckig und hat 52 Zähne: der Leibniz-Butterkeks von Bahlsen. Fast jeder Deutsche dürfte ihn schon mal geknuspert haben. Immerhin sind die Kekse seit gut 120 Jahren auf dem Markt, quer durchs Land bekannt und geschmacklich nicht zu verachten. Ohne die enthaltene und vom Namen versprochene Butter aber wären sie zum Schlucken wohl zu trocken. Deshalb gilt es sich dieser Tage für die Menschen östlich der Oder-Neiße-Linie und des Bayerischen Waldes zu freuen. Seit dem 1. Juli dürfen auch sie Leibniz-Kekse mit echter Butter essen.

Das Familienunternehmen Bahlsen - genauer: die polnische Tochtergesellschaft Bahlsen Polska, die ihre in Polen produzierten Waren auf dem osteuropäischen Markt feilbietet - hatte sie bislang mit Palmöl gebacken. Das ist günstiger als Butter und gilt als minderwertigeres Fett. Zwar essen und schlucken sich auch Palmfett-Kekse einwandfrei. Aber weil sie nun mal Butterkekse heißen, erwartet der Keksesser halt auch Butter in seinem Trockengebäck - selbst wenn in der klein auf die Verpackung gedruckten Liste alle Inhaltsstoffe ordnungsgemäß verzeichnet sind.

Betrug im juristischen Sinn war es also nicht, den sich Bahlsen da geleistet hat. Aber betrogen haben sie sich gefühlt, die Verbraucher in den Visegrád-Ländern Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn. Da half es auch nichts, dass Bahlsen erklärte, dass es eine "durchaus übliche Strategie" sei, Produkte "jeweils an die Bedürfnisse eines bestimmten Marktes anzupassen".

"Ich denke, das ist einer der größten Skandale der jüngeren Vergangenheit"

Um solchen Protestscherereien im Osten Europas künftig vorzubeugen, hat der Keksfabrikant mit dem buttrigen Einheitskeks für Gesamteuropa diese Strategie nun beendet. Damit hat sich zumindest ein Unternehmen vom "Lebensmittel-Rassismus" verabschiedet. So nannte die polnische Zeitung Gazeta Prawna die Praxis (das Gute für den Westen, das Schlechte für den Osten), als bekannt wurde, dass sich ihrer viele Unternehmen bedienen.

Mitte Februar hatte Ungarns Lebensmittelsicherheitsbehörde 24 Produkte untersucht, die in Österreich wie auch in Ungarn verkauft werden. Ihr Ergebnis, in Auszügen: Die Waffeln der Wiener Süßwarenfabrik Manner in Ungarn sind nicht so knusprig wie in Österreich und Ferreros Nutella ist nicht so cremig. "Ich denke, das ist einer der größten Skandale der jüngeren Vergangenheit", empörte sich damals der Stabschef des ungarischen Premierministers, János Lázár.

Die Wut der Osteuropäer traf also weniger Bahlsen als vielmehr die volle Bandbreite internationaler Konzerne, die - so der Verdacht - sparen wo es nur geht, auch zulasten der Qualität von Waren für Kunden, die ihnen offenbar weniger Wert sind. "Es darf keine EU-Bürger erster und zweiter Klasse geben", forderte der slowakische Regierungschef Robert Fico. Der tschechische Agrarminister sprach vom "Mülleimer Europas".

Doch alle Empörung fruchtete bisher nur wenig. Mit Ausnahme von Bahlsen und Manner, die bestreiten, unterschiedliche Rezepte zu haben, halten die meisten Firmen an ihren marktspezifischen Produktvarianten fest. Iglos Fischstäbchen enthalten auch künftig in Deutschland und Österreich 65 Prozent Fisch, aber nur 58 Prozent im Rest der EU.

© SZ vom 22.07.2017/mahu

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