Kursabsturz Wie gefährlich Währungs-Turbulenzen für deutsche Aktien werden

China wertet den Yuan ab - und der Dax bricht ein. Warum reicht die chinesische Entscheidung bis nach Deutschland? Welche Konzerne sind die Verlierer?

Von Harald Freiberger

Die Turbulenzen um die chinesische Währung Yuan lassen auch Europas Börsen zittern. Am Dienstag und Mittwoch büßte der Deutsche Aktienindex (Dax) zusammengenommen mehr als fünf Prozent ein - einer der größten Abstürze in den vergangenen Monaten. Am Donnerstag kam es zu einer Gegenreaktion, das Börsenbarometer stand am Nachmittag mit 1,0 Prozent im Plus. Doch die Unsicherheit ist damit nicht verflogen. Viele fragen sich, ob den Börsen wieder einmal ein heißer Sommer bevorsteht.

Warum stürzten die Aktienkurse so ab?

Chinas Notenbank hat den Yuan, der bisher immer an den US-Dollar gekettet war, drei Tage in Folge um insgesamt mehr als vier Prozent abgewertet. Erstens kam das überraschend, zweitens gab es auch noch eine Kommunikationspanne, weil die Notenbank zunächst von einem "einmaligen Schritt" sprach. Als am Dienstag doch der zweite Schritt folgte, waren die Investoren im Westen bestürzt. Sie fürchteten, dass China die eigene Währung systematisch nach unten drücken will, um der Wirtschaft zu helfen. Das hässliche Wort von einem "Währungskrieg" zwischen China und den USA machte schon die Runde.

Erst danach klärte sich, dass die Notenbank mit dem "einmaligen Schritt" gemeint hatte, dass der Kurs des Yuan zum Dollar freigegeben wird, also täglich schwanken kann - eigentlich ein sinnvoller Schritt der Liberalisierung, den auch der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert. "Die Märkte haben gründlich missverstanden, was in China passiert ist", sagte der Anlagestratege Sean Darby von der Investmentbank Jefferies. Am Donnerstag notierte der Yuan dann erstmals in dieser Woche wieder etwas höher als der Dollar, das beruhigte die Börsianer ein wenig.

China, was soll das?

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Warum ist ein schwacher Yuan gefährlich für deutsche Aktien?

Der riesige chinesische Markt hat die deutsche Exportindustrie in den Jahren der Finanzkrise über Wasser gehalten. Besonders Automobil- und Maschinenbauer profitierten vom starken Wachstum in China. Vor allem deswegen waren ihre Aktien Lieblinge der Anleger. Zuletzt gab es aber immer mehr Sorgen, dass das Wachstum in China nachlassen könnte. Vor einigen Wochen brachen dort auch die Aktien massiv ein, die Regierung versuchte dies mit außergewöhnlichen Stützungsaktionen zu verhindern. Und dann die überraschende Ankündigung der Notenbank in Sachen Yuan. "Sie wird als mögliches neues Indiz für eine stärkere Wachstumsdelle der chinesischen Wirtschaft gesehen", sagt Martin Fechtner, Schwellenländer-Experte bei der Vermögensverwaltung Edmond de Rothschild. Denn mit einer schwächeren Währung hilft China der eigenen Export-Industrie - deren Produkte werden im Ausland günstiger. Umgekehrt gilt: Eine Abwertung des Yuan verteuert deutsche Exportgüter in China und macht diese damit weniger konkurrenzfähig. Zuletzt gab es schon Bremsspuren bei VW und BMW.

Wer waren die größten Verlierer?

Die Aktie des Energiekonzerns RWE verlor seit Anfang der Woche etwa zehn Prozent. Allerdings steckt der Konzern generell in der Krise und verkündete schwache Zahlen. Bei anderen Dax-Unternehmen spielte dagegen der Faktor China die zentrale Rolle: Henkel-Aktien fielen um gut neun Prozent, bei Daimler, Continental, Lanxess und BMW waren es zwischen sechs und sieben Prozent.

Droht eine weitere Eskalation?

Der August ist oft ein kritischer Monat an der Börse. Viele Investoren sind im Urlaub, die Umsätze gering. Wenn da ein unerwartetes Ereignis eintritt, lassen sich die Kurse mit relativ kleinen Summen schon massiv bewegen. Im August 2011 zum Beispiel kam es zu einem Serien-Crash, als die Euro-Krise eskalierte. Kann so etwas nun wieder passieren? Die Meinungen der Experten sind geteilt. Mancher sieht die Turbulenzen um den Yuan nicht so dramatisch. "Ich glaube nicht an einen Währungskrieg", sagt Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg. China könne daran kein Interesse haben. Zudem habe die Abwertung des Yuan für deutsche Konzerne auch einen positiven Effekt: Sie könne der chinesischen Wirtschaft helfen, stärker zu wachsen, und das eröffne ausländischen Unternehmen wiederum Export-Möglichkeiten.

Nicht ganz so entspannt ist Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank: "Ich schätze die Situation kritisch ein, sie ist eine Bedrohung für die weltweite wirtschaftliche Entwicklung und damit für die Aktienmärkte", sagt er. Er sieht Chinas Abwertung als Reaktion auf die Dominanz der USA. Die US-Notenbank halte an einer baldigen Zinserhöhung fest, obwohl es um die eigene Konjunktur keineswegs gut stehe. Ein stärkerer Dollar verteuere auch die Schulden der Schwellenländer, da diese überwiegend Kredite in Dollar aufgenommen hätten. Mit der Abwertung halte China nun dagegen. Hellmeyer hält es durchaus für möglich, dass die Lage eskalieren kann. Rothschild-Experte Fechtner sieht in der Abwertung des Yuan in jedem Fall keine positive Nachricht für die Aktienmärkte. "Stärkere Schwankungen der vormals im Vergleich zum Dollar stabilen Währung werden für zusätzliche Unsicherheit bei Anlegern führen", sagt er.