Kooperation Fiat Chrysler und Google - ein kalkulierter Tabubruch

Nicht schön genug für die Zukunft. Google setzt auf Zusammenarbeit mit Fiat und nicht mehr auf die wenig gelungenen Fahrzeuge aus der eigenen Entwicklung.

(Foto: Elijah Nouvelage/Reuters)
  • Die Autobauer VW, Daimler und BMW wollen bislang noch nicht mit Digitalkonzernen wie Apple und Google zusammenarbeiten.
  • Anders Fiat Chrysler: Das mit sechs Milliarden Euro hochverschuldete Unternehmen will gemeinsam mit Google an selbstfahrenden Autos arbeiten.
  • Für beide hat diese Kooperation große Vorteile: Google kann so zum ersten Mal seine Software-Systeme in echte Autos packen und Fiat Chrysler galt bislang als technisch rückständig.
Von Thomas Fromm

Matthias Müller kann sich eine Menge Partnerschaften vorstellen. Nur nicht mit den üblichen Verdächtigen. "Wir unterhalten uns nicht mit Apple und Google", sagt der VW-Chef. Die Digitalkonzerne Apple und Google sind die Tabu-Zonen der Autoindustrie: Seit Monaten rätseln die alten Autobauer, VW, Daimler, BMW, ob man nicht mit den Neuen zusammenarbeiten müsste. Wir haben die Autos, ihr die Computer und die Sensoren; alles, was man für die selbstfahrenden Autos der Zukunft braucht. "Vieles ist denkbar", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche. "Es kann zu unterschiedlichen Formen der Zusammenarbeit kommen." BMW-Chef Harald Krüger findet, dass beide Partner "von einer Kooperation profitieren" müssten, sonst funktioniere die Sache nicht. Die Frage ist: Wer profitiert, wer verliert, wenn die unterschiedlichen Welten aufeinandertreffen?

Eigentlich würden alle gerne mitspielen, wäre da nicht die Angst, bei der Umarmung mit den IT-Kolossen von der Westküste erdrückt und zu reinen Blechbiegern degradiert zu werden. Ein Auftragsfertiger von Apple werden wie der chinesische iPhone-Zusammenschrauber Foxconn? In der Bedeutungslosigkeit versinken, weil die IT-Konzerne gleich auch den Kontakt zum Kunden übernehmen? Sich mit den großen Datenkraken einlassen?

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Für Fiat Chrysler und Google ist es eine Premiere

Es geht um mehr als 100 Jahre Autogeschichte, und die gibt man nicht einfach auf. Außer, man heißt Fiat Chrysler, kurz "FCA". Der italo-amerikanische Autokonzern hat nun mit Google jenen Pakt geschlossen, den andere bislang abgelehnt hatten. Es ist ein kalkulierter Tabubruch: Google und FCA wollen gemeinsam an selbstfahrenden Autos arbeiten. Das ist eine Kooperation zweier sehr unterschiedlicher Industrie-Kulturen und ein spannendes Experiment, das man sich in Wolfsburg und München genau anschauen wird.

Für beide ist es eine Premiere. Für Google, weil der Konzern zum ersten Mal seine Software-Systeme und Sensoren in echte Autos packen kann. Und für Fiat Chrysler: Der fusionierte Autobauer war bislang nicht als technologische Avantgarde bekannt, im Gegenteil. Das mit sechs Milliarden Euro hochverschuldete Unternehmen gilt als technisch rückständig. Es fehlen die großen Investitionen, es fehlen seit Jahren wichtige neue Modelle.

Und anders als die Wettbewerber aus Deutschland, Frankreich und Asien ist FCA auf dem Gebiet des autonomen Fahrens noch ziemlich blank. Da passt es, wenn man zusammen mit Google in einer eigenen Fabrik im US-Bundesstaat Michigan zusammenarbeiten kann. Vorerst geht es nur um Tests; die Autos werden nicht verkauft. Aber was nicht ist, kann noch kommen. Man arbeite "erstmals mit einem Autohersteller zusammen", teilte die Google-Mutter Alphabet mit. Das klingt nach Durchbruch und Triumph: Google und FCA, es könnte der Beginn einer neuen, sehr intensiven Beziehung sein.