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Unternehmen:Wo alles wunderbar funktioniert, ist es langweilig

Der schwedische Investor war vor vier Jahren eingestiegen, als der Konzern gerade Milliardenverluste mit neuen Stahlwerken in Amerika erwirtschaftete und mit vielen Kartell- und Korruptionsvorwürfen konfrontiert war. Wo alles wunderbar funktioniert, ist es langweilig. Je größer die Probleme, desto besser fürs Geschäft. Dabei ist das Konglomerat für die Industriegeschichte Deutschlands ungefähr so prägend wie Dampfmaschine und Kohlerevier. Beispiele gibt es viele.

Angefangen beim Ruhrbaron Stinnes, der Anfang des 20. Jahrhunderts von der Kohleverstromung bis zum Schiffbau einen verzweigten Konzern mit fast 3000 Betrieben geschmiedet hat. Siemens, vor 170 Jahren gegründet, war schon sehr früh ein Mischkonzern: Telegrafenmasten, Züge und Windräder, Automatisierung, große Gasturbinen, Infrastrukturprojekte und Medizintechnik - natürlich hat das eine mit dem anderen oft wenig bis gar nichts zu tun.

Wäre Siemens dem Rat der Investoren gefolgt, hätte man den Konzern ganz zusperren können

Aber die Logik dahinter ist eh eine andere: Der eine Geschäftsbereich stützt den anderen, wenn die Zeiten einmal schlechter werden. Zum Beispiel die Medizintechnik bei Siemens, heute eine Konzernperle kurz vor dem Börsengang, geschätzter Wert: an die 40 Milliarden Euro. Vor 20 Jahren war sie mal das Sorgenkind im Konzern. Dass Siemens dem Druck der Investoren damals nicht nachgab und das Geschäft aus dem Konzern warf, zahlt sich heute aus.

Oder in den wilden 1990er-Jahren: Als Telekommunikation als die reine Lehre und alles andere als langweilig galt, forderten Siemens-Investoren: Alles raus bitte, bis auf Handys und Netzwerke. Siemens solle zum reinen Telekommunikationskonzern werden. Zum Glück hörte die Konzernführung nicht darauf, denn die Kommunikationssparte wurde vor zehn Jahren aufgelöst. Wäre Siemens in den 1990ern den Einflüsterungen seiner Investoren gefolgt, hätte man den Konzern dann wahrscheinlich ganz zusperren können.

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Siemens

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Jetzt geht es um Thyssenkrupp. Cevian hält etwa 15 Prozent der Aktien und ist damit der zweitgrößte Aktionär nach der Krupp-Stiftung, die noch auf den Firmenerben Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zurückgeht. Arbeitnehmer-Vertreter erzählen, dass sich mit Cevian - obwohl mit nur einem Sitz im 20-köpfigen Aufsichtsrat vertreten - die Diskussionen verändert hätten. Der Investor wolle vor allem kurzfristig bestimmte Zahlen erreichen. In der Belegschaft fürchtet man, dass dem Ausgaben geopfert würden, welche die Zukunft des Unternehmens sichern sollen.

Richtig in die Offensive ging Cevian dann vor zwei Wochen, als der Konzern seine Jahresbilanz vorlegte. Da zeigte sich, dass etwa im Anlagenbau Umsatz und Gewinn zurückgehen; auch das Geschäft mit Autoteilen lief nicht rund. Die einzige Thyssenkrupp-Tochter, die satte Gewinne erzielte: das Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen. Kein Wunder, dass Cevian die Tochter am liebsten an die Börse bringen würde. Die Aufzüge aus dem Konzern herauspflücken? "Die Verbundstrategie hat sich bei Industriekonzernen wie Thyssenkrupp bewährt", sagt Knut Giesler, Chef der IG Metall in Nordrhein-Westfalen. Sie mache das Unternehmen unabhängiger von Schwankungen der einzelnen Bereiche. "Eine Zerschlagung des Konzerns wäre daher unverantwortlich", warnt er.

Doch seit einigen Jahren fallen die Mischkonzerne in Deutschland auseinander, lagern einzelne Geschäftsbereiche in Gemeinschaftsunternehmen aus - oder bringen Tochtergesellschaften teilweise an die Börse. Siemens verkaufte seine Lichttochter Osram, Bayer lagerte zunächst sein Polymer-Geschäft in die Firma Lanxess aus und brachte später seine Kunststoff-Tochter Covestro an die Börse. RWE lagerte unter seinem früheren Vorstandsvorsitzenden Peter Terium sein Geschäft mit Energienetzen, Ökostrom und den Vertrieb unter dem Namen Innogy aus. Ruhe garantiert so etwas meistens nicht. Denn wenn der Zerleger einmal da war, kommt er gerne wieder. Er kennt ja die Firma und weiß, dass da immer noch was geht. Und vor allem: wo genau.

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