Handwerksmesse:Desolate Stimmung im Handwerk

Handwerksmesse: Das Handwerk sucht Auszubildende. Jugendliche lassen sich am Messestand der Bäckerinnung München, Landsberg und Erding zeigen, wie man Teig flicht.

Das Handwerk sucht Auszubildende. Jugendliche lassen sich am Messestand der Bäckerinnung München, Landsberg und Erding zeigen, wie man Teig flicht.

(Foto: Catherina Hess/Catherina Hess)

Die schlechte Wirtschaftslage trifft die Unternehmen mit "voller Wucht", heißt es bei Creditreform. Aber nicht allen geht es gleich mies.

Von Elisabeth Dostert

Es gibt Politiker, die lieben das Bad in der Menge. Und es gibt solche, die dabei wirken, als hätten ihnen die Eltern unter Androhung eines zweitägigen Smartphone-Verbots untersagt, im Spielzeugladen was anzufassen. Zuerst hat Wirtschaftsminister Robert Habeck diese Woche die Handwerksmesse in München besucht, eher ein In-der-Menge-baden-Genießer, wenn ihm die Menge wohlgesonnen ist. Am Freitag kam dann Bundeskanzler Olaf Scholz zum Spitzengespräch.

Habeck ließ sich von Heinz Dotzauer zeigen, wie man Kleinsteinpflaster verlegt. "Er war freundlich und wirklich interessiert. Er hat auch mit den Lehrlingen geredet", erzählt Dotzauer hinterher der SZ. Er ist Ausbilder für Straßenbau bei der Bau-Innung München Ebersberg. Der Vizekanzler hat sich wohl gar nicht so schlecht angestellt. "Er hat auf alle Fälle schon mal einen Hammer in der Hand gehabt", erzählt Dotzauer. Es gibt jede Menge Fotos, die Dotzauer zeigen und Habeck, wie dieser auf einem Abdeckvlies im Splittbett kniet und Pflaster verlegt. Seine Anzugjacke hat der Vizekanzler da längst abgelegt.

Handwerksmesse: Robert Habeck (rechts) lässt sich von Ausbilder Heinz Dotzauer (Mitte) zeigen, wie man Pflastersteine verlegt. Handwerkspräsident Jörg Dittrich (links) schaut zu.

Robert Habeck (rechts) lässt sich von Ausbilder Heinz Dotzauer (Mitte) zeigen, wie man Pflastersteine verlegt. Handwerkspräsident Jörg Dittrich (links) schaut zu.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Olaf Scholz legt die Jacke nicht so schnell ab. Er hat sich am Freitag den Agrar-Roboter Feldfreund des Start-ups Zauberzeug angesehen und sich beim Gründer Rodja Trappe erkundigt, ob der Roboter schon besser ist als der Mensch, nach dem Preis, der Leistung und ob der Roboter, wenn er auf dem Feld Unkraut jätet, auch Hasen erkennt. Scholz befragte auch Berkay Bayer, den Chef der Solteq-Gruppe, die Dachziegel mit integrierten Solarzellen entwickelt hat. Preis, Leistung, solche Fragen. Einen Dachziegel durfte der Kanzler befestigen. Zweimal rutschte der Akkuschrauber ab, dann saß die Schraube im Holz. Kurz einmal sprang ihm Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), zur Seite. Er ist vom Fach, der Lobbyist ist Dachdeckermeister.

Geredet haben sie auch: der Kanzler, Dittrich und die anderen Lobbyisten. In der Pressekonferenz danach lobte Scholz ausgiebig die Arbeit der Ampel: das Wachstumschancengesetz, das geplante Bürokratieentlastunsgesetz IV, das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, vieles. Den Lobbyisten reicht vieles nicht. Die Prognosen über das Wachstum in Deutschland seien immer skeptisch, sagt Scholz, schon wegen der fehlenden Arbeitskräfte. Und schiebt nach: "Natürlich hilft es nicht, wenn ganz viele Lobbyisten und Politikunternehmer die Stimmung im Land verschlechtern, weil dann behalten die Leute ihr Geld auf dem Sparbuch und investieren nicht."

Handwerksmesse: Bundeskanzler Olaf Scholz schreibt beim Rundgang auf der Handwerksmesse ein Autogramm.

Bundeskanzler Olaf Scholz schreibt beim Rundgang auf der Handwerksmesse ein Autogramm.

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Viele sagen jetzt, wie wichtig das Handwerk ist, um all die nötigen Wohnungen zu bauen und die Energiewende zu schaffen. Wer soll die Solarpaneele aufs Dach schrauben und die Wärmepumpen aufstellen? Es stimmt schon, was auf den pinkfarbenen Bannern vor den Messehallen steht. "Das Handwerk. Die Wirtschaftsmacht von nebenan." Nur fällt diese Macht nicht so auf, weil sie sich übers Land verteilt: fast 570 000 Unternehmen, weit mehr als fünf Millionen Beschäftigte, es könnten mehr sein. Nach Schätzungen des ZDH fehlen insgesamt rund eine Viertelmillion Fachkräfte. Tausende Menschen bilden die Firmen aus, aber viele Lehrstellen bleiben unbesetzt. Ende November waren laut ZDH gut 20 000 Stellen offen.

Das Handwerk leidet. Die schlechte Wirtschaftslage treffe es mit "voller Wucht", sagt Patrik-Ludwig Hantzsch in München: "Die Stimmung ist desolat." Hantzsch leitet die Wirtschaftsforschung des Dienstleisters Creditreform. Er nennt auch die Gründe: das Ende des Baubooms, die gestiegenen Kosten, politische Unwägbarkeiten, die höheren Zinsen. Und dann wären da noch einige Probleme, über die das Handwerk seit Langem klagt: die Bürokratie, und es fehlen Arbeitskräfte. Die Insolvenzen nehmen zu. 2023 waren es laut Creditreform 4050 Betriebe, fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. "Es geht nicht allen gleich schlecht", sagt Hantzsch. Besonders schlecht laufe es im baunahen Handwerk, im Kfz-Handwerk habe sich die aktuelle Geschäftslage verbessert.

Was Hantzsch in aggregierten Daten präsentiert, erleben Heinrich Traublinger und Olaf Zimmermann im Geschäft. "Die Lage ist angespannt", sagt Traublinger, Bäcker- und Konditormeister sowie Obermeister, also Vorsitzender der Bäcker-Innung München, Landsberg und Erding. Hohe Energiepreise machen ihm zufolge den Bäckern zu schaffen. "Viele mussten nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine neue Verträge mit ihrem Energieversorger abschließen zu den damals hohen Preisen", erläutert Traublinger. Dass die Preise nun wieder gesunken sind, nütze diesen Unternehmen gerade nichts. Auch die Preise für Getreide und andere Rohstoffe seien gestiegen. "Wir können unsere Preise gar nicht in dem Maße anheben, wie wir das eigentlich tun müssten", sagt Traublinger, der in München 20 Filialen betreibt. Auch in Bayern gaben Bäcker ihre Läden auf.

Bei Olaf Zimmermann dagegen läuft es gut. Er ist Obermeister der Innung Spengler, Sanitär- und Heizungstechnik München, die auch für Dachau und Fürstenfeldbruck zuständig ist. Er mag nicht schimpfen über die Ampelkoalition, jedenfalls nicht so laut wie andere. "Die Ziele des Heizungsgesetzes auch in der ursprünglichen Form, also die Abkehr von fossilen Energieträgern, um den Klimaschutz voranzubringen, sind und waren richtig," sagt er: "Man muss nur rausgehen. Wir haben Februar, und draußen ist es warm." Nur die Kommunikation der Regierung, die sei halt schlecht gewesen.

"Jeder wollte noch schnell eine neue Öl- und Gasheizung."

Seit Anfang 2024 gilt die nachgebesserte und im Vergleich zum ersten Entwurf aufgeweichte Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG). Immobilieneigentümer, so lässt es sich zusammenfassen, bekommen mehr Zeit für die Umstellung von fossilen auf klimafreundliche Energieträger. Aber erst einmal sei der Schuss nach hinten losgegangen, sagt Zimmermann. Für seine Firma war 2023 "ein Riesenjahr". "Jeder wollte noch schnell eine neue Öl- und Gasheizung", sagt Zimmermann, weil ein Verbot drohte. Andere wollten noch schnell eine Wärmepumpe. "Die Leute waren total verunsichert und sind es auch immer noch", so Zimmermann.

Zimmermann beschäftigt 26 Mitarbeiter, davon sechs Azubis, seine Frau und sein Sohn Kilian arbeiten auch in der Firma. Er macht lieber Projekte, die er überschauen kann: private Bauvorhaben, Kindergärten und Krankenhäuser, kleinere gewerbliche Projekte wie Bäckereien, deshalb läuft es bei ihm. "Das Geld liegt im Keller. Die deutsche Energieversorgung ist total überaltert", sagt er. "In den vergangenen 30 Jahren wurde im Bestand zu wenig gemacht." Es gehe nicht nur um alte Heizkessel und Gasthermen, sondern auch um alte Wasserleitungen, Thermostate, "wir haben einen Sanierungsstau".

Firmen, die sich auf gewerbliche Großprojekte spezialisiert haben, tun sich gerade schwer. "Denen machen die hohen Zinsen und der Leerstand zu schaffen." Im klassischen Neubau gebe es viele Kapazitäten, sagt Zimmermann. Oft bekommt er in Gesprächen und auf den Baustellen den Frust und den Kummer seiner Kunden und Innungsmitglieder zu hören - über die gestiegenen Energiepreise, die Inflation, die höhere Baukosten, die verzweifelte Suche nach Auszubildenden und Mitarbeitern, über "die da in Berlin", die Ampelkoalition, ohnehin. Aber die Versäumnisse lägen viel weiter zurück, weil sich Deutschland zu lange auf das billige Erdgas aus Russland verlassen habe. So sieht das jedenfalls Zimmermann.

"Viele Jahre waren wir nur die Heizkörperschlepper und Kloschüsselschrauber."

Viele Probleme, die seine Kunden plagen, hat Zimmermann auch. Darüber würde er gerne mal mit Olaf Scholz und Robert Habeck reden, über den Fachkräftemangel, die Lasten der Bürokratie, die Akademisierung in Deutschland. "Viele Jahre waren wir nur die Heizkörperschlepper und Kloschüsselschrauber", sagt der Handwerker. Sein Betrieb habe seit zehn Jahren immer offene Stellen. Mitarbeitern, die in Rente gehen, biete er an, noch ein wenig länger zu arbeiten. Er beschäftige Menschen aus sieben Nationen. Die Monteure, die heute die Baustellen leiten, kommen aus Kosovo, Syrien, Afghanistan und Eritrea, sagt Zimmermann. Ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland werde sich der Personalmangel wegen des demografischen Wandels noch verschärfen.

Immerhin sei das Ansehen von Handwerkern gestiegen. Dass Robert Habeck für das Handwerk wirbt, freut Zimmermann. "Jetzt haben die Leute begriffen, dass ohne uns die Energiewende nicht zu machen ist." Dass ständig gesagt werde, das Handwerk sei der Flaschenhals, gefällt ihm weniger. Die Bürokratie verlängere den Flaschenhals, schimpft Zimmermann. "Wir werden zugeschissen mit Auflagen und Vorschriften."

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