Gender-Pay-Gap:Was Frauen wirklich brauchen

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International Women's Day Marked With Rallies And Protests Across The Country

Sehr viele Frauen müssen heutzutage arbeiten, auch jene in klassischen Paar-Beziehungen.

(Foto: Joe Raedle/AFP)

Gerade in der Corona-Krise werden prekäre Arbeitsbedingungen von Frauen zur Belastung für die gesamte Gesellschaft. Deswegen sollten auch Männer sich in die Debatte einmischen. Fordernd und laut.

Kommentar von Julia Bergmann

An der Pandemie gibt es nichts Gutes, schon klar. Müsste man trotzdem etwas finden, etwas ganz Kleines nur, wäre es das: In diesem Jahr muss der Weltfrauentag wohl ohne Politiker auskommen, die in Fußgängerzonen Blumen verteilen und dabei so tun, als wäre eine Rose das größtmögliche Zeichen für Wertschätzung. Hoffentlich haben sie so endlich die Zeit, darüber nachzudenken, was Frauen in diesem Land wirklich brauchen: sichere Anstellungsverhältnisse und faire Bezahlung. Und das nicht nur, weil 2021 der Gender-Pay-Gap, also die Einkommensungleichheit zwischen Männern und Frauen, noch immer real ist, sondern weil prekäre Arbeitsbedingungen von Frauen ganze Familiensysteme belasten. Sie werden damit zum Problem mit gesellschaftlicher Sprengkraft - und die Corona-Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger.

In der Diskussion um faire Löhne für Frauen geht es nämlich nicht um die Forderung einiger weniger Karrieristinnen, die lautstark einen Ego-Kampf ausfechten. Wer heute noch mit diesem Argument kommt, hat den Blick für die Realität verloren. Auch weil sich 2021 in vielen Städten Deutschlands nicht mehr die Frage stellt, ob Frauen arbeiten wollen. Sehr viele müssen, auch jene in klassischen Paar-Beziehungen. Weil ein Einkommen allein nicht mehr reicht. Weil Mieten explodiert, aber Gehälter nicht schnell genug mitgewachsen sind. Weil Lebenshaltungskosten gestiegen sind, aber auch die Zahl prekärer Beschäftigungsformen und schlecht bezahlter Jobs. In denen arbeiten schließlich noch immer vor allem Frauen. In der Krise wird diese Ungerechtigkeit besonders sichtbar.

Wer will schon Kinder bekommen, wenn es keine Perspektive gibt

Immerhin gelten viele jener Berufe - Kindererzieherin, Supermarktkassiererin, Pflegerin - mittlerweile als systemrelevant. Essenziell also, um die Gesellschaft am Laufen zu halten. Umso erstaunlicher, dass nach gut einem Jahr der Pandemie niemand auf die Idee gekommen ist, die Menschen, die das System aufrechterhalten, besser zu bezahlen. Also so, dass sie ihre Mieten ohne Probleme begleichen und auch sonst ohne große finanzielle Einschränkungen leben können. Stattdessen gab es Applaus, und auch der ist mittlerweile verhallt. Dass noch dazu viele Frauen nicht nur vergleichsweise schlecht bezahlt werden, sondern auch in unsicheren oder befristeten Arbeitsverhältnissen angestellt sind, ist eine Ungerechtigkeit, die in der Krise schnell zur existenziellen Bedrohung wird. Wer keinen soliden Arbeitsvertrag hat, wird mitunter nicht erst in die Kurzarbeit geschickt, sondern gleich in die Arbeitslosigkeit entlassen. Und das alles ist nicht das Exklusivproblem von Frauen.

Schon vor der Pandemie haben junge Familien gerade in Ballungszentren Zukunfts- und Familienplanung immer weiter hinausgeschoben. Wer will schon langfristig planen, wenn ein Haushalt auf zwei Einkommen angewiesen ist, aber im Halbjahrestakt die Verlängerungen des Arbeitsvertrags auf der Kippe steht? Wer will schon Kinder bekommen, Kredite aufnehmen, die großen Lebensentscheidungen treffen, wenn das Beschäftigungsverhältnis keine Perspektive bietet? Dazu kommt, dass vor allem Frauen in der Pandemie von der Mehrbelastung durch Kinderbetreuung, Homeschooling und Zusatzarbeit im Job und Haushalt betroffen sind. Wenn dann noch die Sorge um die ohnehin unsichere Anstellung oben drauf kommt, steigt der Druck ins Unermessliche.

Und so zwingen die Bedingungen der modernen Arbeitswelt viele junge Menschen in prekäre Situationen, während die Sozialpolitik lautstark den Geburtenrückgang in Deutschland beklagt und die Gesellschaft fragt, wie der Generationenvertrag weiter seine Gültigkeit behalten kann. Ob Frauen einen sicheren Job haben, ob sie angemessen bezahlt werden oder nach einer Geburt im Job marginalisiert werden, sind also Fragen, die auch Männer stellen sollten. Laut und fordernd. Gerade jetzt. Unsichere Arbeitsbedingungen von Frauen belasten auch sie.

Wer noch immer glaubt, alle Probleme seien schon gelöst, wer noch immer über die Kämpfe des Feminismus lacht, der lacht auch über die Menschenwürde. Der verkennt, dass keine Rose der Welt die Miete zahlt und kein Applaus die Renten der Frauen sichert. Selbstbestimmte und zukunftsorientierte Entscheidungen sind so unmöglich. Frauen brauchen keine Blumen, sondern verantwortungsbewusste Arbeitgeber oder entsprechende Gesetze. Das sollte längst selbstverständlich sein.

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