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"Fridays for Future"-Aktionstag:Nur wenige deutsche Großunternehmen unterstützen den Klimaprotest

Demonstrationen gegen IAA

Protest des Klima-Bündnisses "Sand im Getriebe", hier gegen die IAA in Frankfurt. Am kommenden Freitag findet ein weltweiter Aktionstag der "Fridays for Future"-Bewegung statt.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)
  • Viele deutsche Unternehmen unterstützen den Friday-for-Future-Aktionstag am kommenden Freitag nicht. Einige wollen sogar "disziplinarische Maßnahmen" prüfen, wenn Arbeitnehmer ihrem Job unentschuldigt fernbleiben.
  • Politische Streiks sind in Deutschland seit 1952 verboten.
  • Experten weisen jedoch darauf hin, dass es für Unternehmen sehr einfach wäre, ihren Mitarbeitern die Teilnahme an der Demo zu ermöglichen.

Am kommenden Freitag sollen Arbeitnehmer weltweit fürs Klima streiken, gemeinsam mit den Schülern, die das schon seit Monaten jede Woche tun. Deutschlandweit sind für den 20. September bereits 300 Demonstrationen angemeldet - und das ist auch der Tag, an dem in Berlin das Klimakabinett seine Beschlüsse vorlegen will. Für den Aktionstag hatte "Fridays for Future" schon Ende Mai getrommelt, auch die SZ hatte den Aufruf der Aktivisten abgedruckt. Von einem "Wendepunkt in der Geschichte" war da die Rede.

Nun aber sieht es so aus, als ob dieser Streik weitgehend ohne die deutschen Arbeitnehmer stattfinden wird. Auf Anfrage bei den 30 Dax-Konzernen, ob sie ihre Mitarbeiter auf den Aktionstag hinweisen oder den Protest gar direkt unterstützen, gab es überwiegend die Antwort: Nein.

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Daimler beispielsweise kündigt an, im Fall eines unentschuldigten Fernbleibens von der Arbeit, "disziplinarische Maßnahmen" zu prüfen. Der 20. September sei "ein ganz normaler Arbeitstag", heißt es auch von der Deutschen Bank. Die Unternehmen verweisen auch auf eigene Bemühungen für den Klimaschutz, Adidas etwa auf seinen jährlichen "Run for the Ocean". Und die Allianz will mit ihren Mitarbeitern statt zu den Demos Müll sammeln gehen.

Politische Streiks, die kein tariflich regelbares Ziel enthalten, sind seit einem Urteil im Jahr 1952 verboten. "Da gibt es eine eng geführte Rechtstradition in Deutschland", sagt der Berliner Arbeitsrechtler Klaus Stähle. Wer am "Klimastreik" teilnehmen will, solle das also mit seinem Arbeitgeber klären oder sich für den Tag freinehmen. Zwar würden die Unternehmen wohl kaum massenhaft Kündigungen aussprechen, wenn tatsächlich erhebliche Teile der Belegschaft für das Klima auf die Straße gingen. Aber sie hätten damit eine juristische Handhabe, Leute vor die Tür zu setzen, die sie ohnehin loswerden wollen, sagt der Jurist. "Eine Teilnahme am Klimastreik ist definitiv ein Kündigungsgrund."

Dass deutsche Großunternehmen den Klimaprotest aktiv unterstützen, ist bislang noch die Ausnahme. Das Verlagshaus Axel Springer hat seinen Mitarbeitern aber beispielsweise für die Teilnahme an den Demos freigegeben. Die "relevanten Arbeitsabläufe" sollen allerdings auch dort sichergestellt bleiben.

Wie stark sich Arbeitnehmer in anderen Ländern an den Protesten beteiligen werden, ist unklar. Immer wieder aber sorgen Ankündigungen von Beschäftigten einzelner Firmen für Aufsehen. So wollen weltweit mehr als 1000 Beschäftigte den Online-Versandhändler Amazon bestreiken. Sie wollen dagegen protestieren, dass der Konzern den Strom für seine Rechenzentren weiterhin zu großen Teilen aus fossilen Energieträgern bezieht und Berichten zufolge Klimawandelleugner gesponsert haben soll. Dass die Proteste das Geschäft stark beeinträchtigen, ist allerdings unwahrscheinlich: Weltweit beschäftigt Amazon 650 000 Mitarbeiter, außerdem wollen sich viele Streikwillige für ihren Protest offenbar Urlaub nehmen.

Verdi-Chef Bsirske fordert Mitglieder auf, sie sollten "ausstempeln und mitmachen"

Zentral organisierte Gespräche mit Firmen habe "Fridays for Future" nicht geführt, sagt einer der Sprecher und verweist auf die "Entrepreneurs for Future", eine Schwester-Initiative von Unternehmern. Deren Netzwerktreffen in München organisiert eine Agentur, die Unternehmen bei Maßnahmen für mehr Klimaschutz berät. Die Zahl der Teilnehmer ist allerdings überschaubar: Beim letzten Treffen seien rund 20 Leute gekommen, sagt eine Teilnehmerin, man sei aber auch schon mal nur zu siebt gewesen. Unterstützt wird die Initiative von jungen Start-ups und dem Lobbyverband Unternehmensgrün, aber auch konventionelle Mittelständler haben sich angeschlossen. Die Initiative steht für mehr als 180 000 Arbeitsplätze in Deutschland und 30 Milliarden Euro Umsatz. 1450 Unternehmen haben sich zudem in einer Streikliste eingetragen, sie wollen am kommenden Freitag also schließen oder nur einen Notbetrieb aufrecht erhalten.

Breitere Unterstützung kommt inzwischen von den Gewerkschaften. Sie suchen den Kontakt zu den Aktivisten von "Fridays for Future", auch weil kein Streik ohne sie über die Bühne gehen soll. Allerdings sprechen die großen Gewerkschaften von "Aktionen" oder "Protesten", zu deren Besuch sie ihre Mitglieder unterschiedlich beherzt ermutigen. Verdi-Chef Frank Bsirske beispielsweise - der noch bis vor Kurzem gegen die Energiewende und den damit verbundenen Strukturwandel gewettert hatte - fordert seine Gewerkschaftsmitglieder auf, sie sollten "ausstempeln und mitmachen".

Ausgereizt hätten die Gewerkschaften ihren Spielraum damit aber längst noch nicht, sagt Streikforscher Jörg Nowak. Es habe in der bundesdeutschen Geschichte immer wieder kleinere politische Streiks gegeben - die anschließend nicht kriminalisiert wurden. 1983 etwa habe der DGB eine fünfminütige Arbeitsruhe organisiert, um gegen die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen im Rahmen des Nato-Doppelbeschlusses zu demonstrieren. Zwischen 11.55 Uhr und 12 Uhr gab es in vielen Betrieben einen kurzen Stillstand. Das Motto damals: "Es ist fünf vor zwölf."

Die Unternehmen könnten ihren Mitarbeitern die Teilnahme an den Klimademonstrationen am kommenden Freitag recht einfach ermöglichen, sagt Arbeitsrechtler Stähle, der selbst eine Kanzlei führt. Die Firmen könnten etwa dazu aufrufen, für den Protest Überstunden abzubummeln oder eine verlängerte Mittagspause gewähren. Viele der Demos sind am Freitag extra deshalb für die Mittagszeit angesetzt. Er selbst, sagt Stähle, werde mit seinen Mitarbeitern am Freitag einen Betriebsausflug machen - zur Demo. "Und abends gehen wir dann noch schön essen."

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