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Nachhaltigkeit:Wir haben es in der Hand

Fridays for Future - Berlin

"Fridays for Future"-Demonstration vor dem Kanzleramt an diesem Freitag.

(Foto: dpa)

Die Öko-Revolution beginnt unten. Jeder muss mitmachen. Wenn viele auf die Straße gehen, schaffen sie Bewusstsein. Die Regierenden haben den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt.

Wer dieser Tage nach Brasilien schaut, in die Antarktis oder an die australische Küste, den kann die Verzweiflung packen. Die Regenwälder stehen in Flammen, der Eisschild zieht sich zurück, das Korallensterben lässt sich kaum noch aufhalten. Doch auch daheim in Europa sind die Folgen des Klimawandels längst spürbar: Wälder trocknen aus, Flüsse tun es ihnen gleich, Gletscher schmelzen. Das ist unser Werk.

Während wir damit beschäftigt sind, das Wirtschaftswachstum zu fördern und unseren Wohlstand zu mehren, ruinieren wir die Natur und verändern damit die Grundlage allen Lebens. Machen einfach weiter, im vollen Bewusstsein dessen, was wir da tun, und das nicht erst seit gestern. Vor 27 Jahren hat die Gemeinschaft der Nationen auf der Konferenz von Rio dem Klimawandel erstmals so richtig den Kampf angesagt. 60 Jahre blieben noch, hieß es damals, um die Erderwärmung aufzuhalten, um CO₂-Emissionen drastisch zu senken und die Erde bewohnbar zu halten. Fast die Hälfte der Zeit ist vergangen, einiges ist geschehen, aber längst nicht genug.

Im Jahr 2019 ist diese Erkenntnis in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Menschen gehen für das Klima auf die Straße, meiden Einwegplastik, kaufen Bioprodukte, wechseln zu Ökostrom. Wer das als gut gemeinte Trippelschritte abtut, die vor allem das eigene Gewissen beruhigen sollen, verkennt den Ernst der Lage und übersieht, was wir als Gesellschaft tun können. Die Deutschen verbrauchen pro Person durchschnittlich mehr als elf Tonnen CO₂ im Jahr. Soll die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad begrenzt werden, muss dieser Wert auf weniger als zwei Tonnen sinken - bei jedem Einzelnen.

Wer es mit dem Klimaschutz ernst meint, muss jeden einzelnen Lebensbereich hinterfragen: Reiseverhalten, Klamottenkonsum, die Energiebilanz des eigenen Zuhauses. Wer sich selbst ausklammert - ob aus Resignation oder der Überzeugung, es müsste vor allem die Politik richten -, der vergibt eine einmalige Chance. Denn selten hat man es so deutlich gesehen wie in diesem Sommer: Der Kampf für das Klima ist ansteckend. Gerade große Ziele haben das Potenzial, viele Menschen hinter einer Sache zu vereinen. Nämlich all jene, die bislang zu Hause saßen und sich allein - zu Recht - machtlos gefühlt haben.

Nun verweisen Ökonomen zurecht darauf, bei all dem Öko-Enthusiasmus die großen Zusammenhänge nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn ja, die Wirkung ist begrenzt, wenn nur eine Gruppe junger Erwachsener aufhört zu fliegen, nur ein paar Großstädter anfangen, ihre Autos zu teilen, und nur eine Handvoll Bauern dafür kämpft, tierischen Produkten einen fairen Preis zu geben. Echter Klimaschutz geht nur, wenn eine ganze Gesellschaft sich dazu bekennt. Und wenn Politiker sich endlich aufraffen und sich trauen, jene Veränderungen anzugehen, die den Unterschied machen.

Unter den zehn größten Klimasündern Europas sind noch immer neun Kohlekraftwerke, sieben davon stehen in Deutschland. Addiert man ihren CO₂-Ausstoß, kommt man auf die absurde Summe von 130 Millionen Tonnen. Trotzdem ist die große Frage beim Kohleausstieg nicht, wie wir ihn doch noch bis 2030 schaffen, sondern ob wir ihn wirklich bis 2038 bewerkstelligen können. Genauso offen ist wenige Tage vor dem vermeintlich großen Wurf des Klimakabinetts am 20. September, ob man nicht doch irgendwie um eine CO₂-Steuer herumkommt, ob es eigentlich noch zeitgemäß ist, Fliegen über die Steuerbefreiung von Kerosin derart massiv zu subventionieren, und ob es nicht reicht, den Fleischkonsum "mit Perspektive 2050" zu halbieren, wie die SPD glaubt.

Die Antwort lautet dreimal Nein. Die Tatsache, dass wir über Dinge, die auf der Hand liegen, überhaupt noch debattieren, obwohl es nicht mehr zehn vor, sondern fünf nach zwölf ist, ist inakzeptabel. Denn es zeigt, dass der Klimawandel von Politikern, die es eigentlich besser wissen müssten, noch immer unterschätzt wird.

Deutschland wird die Klimaschutzziele des Pariser Abkommens für 2020 krachend verfehlen. Viele Menschen macht das zu Recht wütend. Sie verstehen nicht, warum der Klimaschutz seit Jahrzehnten nur eine Nebenrolle spielt. Unbestritten gibt es mit dem immer weiter eskalierenden Handelskrieg, dem EU-Austritt Großbritanniens und einer drohenden nächsten Weltwirtschaftskrise noch andere Themen auf der Agenda. Im Vergleich zum Klimawandel verblassen sie, weil die Konsequenzen so dramatisch sind.