bedeckt München 25°

Kampf für bessere Arbeitsbedingungen:Die Fahrer tragen hohes finanzielles Risiko

In Gräbers Vertrag ist die wöchentliche Arbeitszeit auf 50 Stunden limitiert, deutlich mehr, als dies normalerweise üblich ist. Zuschläge für Nacht-, Sonn- oder Feiertagsarbeit oder gar zusätzliches Urlaubsgeld, wie in deutschen Tarifverträgen geregelt, sind nicht vorgesehen. Urlaubstage werden laut Foodora bezahlt, es gebe jedoch "keine Sonderzahlungen", teilt das Unternehmen mit. Dafür kann sich Gräber über ein paar Euro Trinkgeld je Schicht freuen, jeder zweite Kunde gebe ihm was, sagt er.

Aber weder ist der Amateursportler, der im Verein sogar Radrennen gefahren ist, auch nur in die Nähe des Bonus' gekommen. Noch ist er in der ausgeklügelten Hierarchie des Unternehmens aufgestiegen, das die Fahrer zu besseren Leistungen anspornen soll. Da gibt es etwa den "Rider Captain", eine Art Anführer einer Fahrergruppe, für den es nach Angaben von Foodora einen Euro pro Stunde mehr gibt. Oder gar den "Senior Rider Captain", der neue Fahrer schulen darf und dafür einen Euro zusätzlich verdient.

Fahrradkurier vom Internet Portal Foodora liefert warme Speisen aus in der verschneiten Innenstadt F

Auch durch den Schnee quälen sich Foodora-Fahrer.

(Foto: imago/Ralph Peters)

Gräber sagt, dem Fahrer nütze es wenig, für den Bonus schnell zu fahren, wenn es in der Lieferkette anderswo hakt. "Es liegt ja nicht an den Fahrern, ob sie im Restaurant beim Abholen aufs Essen warten müssen." Das Bonussystem hält er nicht nur deshalb für fragwürdig: "Es lädt dazu ein, riskanter zu fahren, als es sinnvoll wäre und es mit der Straßenverkehrsordnung nicht allzu genau zu nehmen", kritisiert er. Unfälle und Schäden am Fahrrad gehören zum Alltag der Fahrer. Dem Kölner Foodora-Betriebsrat wurde auf Anfrage von der Firmenleitung mitgeteilt, dass 2017 allein in der Domstadt 535 Unfälle oder Sachschäden von Foodora-Fahrern gemeldet wurden. In 21 Fällen hätten sich dabei Kuriere so verletzt, dass sie vom Arzt länger als drei Tage krankgeschrieben worden seien.

Die Fahrer müssen aber auch ein hohes finanzielles Risiko tragen, weil sie selbst dafür sorgen müssen, dass ihr Arbeitsgerät - das Fahrrad - funktioniert. Zumindest Foodora zahlt seit Februar 25 Cent pro gefahrener Stunde oder maximal 42 Euro bei einem Vollzeitjob von 168 Stunden für Reparaturen und Ersatzteile, wenn die Fahrer einen bestimmten Fahrradservice nutzen. "Damit ist die Höhe der Reparaturkosten jedoch nicht im Entferntesten abgedeckt", sagt Gräber. "Ist das Fahrrad in einer Werkstatt, kann ich nicht arbeiten."

Vielleicht streiken sie

Bei den anderen Kurierdiensten ergeht es den Beschäftigten nicht besser. Bei den Kollegen von Deliveroo und auch bei Gräber steht Lieferando recht hoch im Kurs. Der Essenslieferant, Ableger eines niederländischen Unternehmens, stellt seinen Mitarbeitern vereinzelt sogar E-Bikes zur Verfügung und zahlt Sonn- und Feiertagszuschläge. Es gibt dort aber bundesweit keinen Betriebsrat. Das Unternehmen kümmere sich in jeder Stadt um alle Belange der Fahrer. Ein Betriebsrat hingegen, teilt Lieferando mit, entspricht "grundsätzlich nicht unserer Kultur als junges, sowie modernes und offenes Unternehmen".

Gräber lässt sich davon nicht entmutigen. "Wir haben gelernt, uns zu organisieren und uns zu wehren", sagt er. Die Fahrer reden bereits über einen Streik.

© SZ vom 03.03.2018/been

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite