Kampf für bessere Arbeitsbedingungen Der erste Betriebsrat könnte bald obsolet sein

"Das sind oft Leute, die kaum Deutsch sprechen und die keine Ahnung vom deutschen Arbeitsrecht haben", sagt ein Demonstrant auf dem Hans-Böckler-Platz. "Die nehmen alles hin, weil sie es nicht anders kennen." Die Fahrer sind oft über soziale Netzwerke verbandelt, aber es gibt in der Regel kein Betriebsgelände, keinen Pausenraum, wo sie Kollegen treffen könnten. Sie sehen sich mal kurz an der Ampel, und dann war's das. Die Fluktuation ist hoch und die Bindung zum Arbeitgeber gering. Alteingesessene Gewerkschaften erreichen sie kaum. Viele wollen auch nicht erreicht werden oder sie verbünden sich wie in Berlin in der anarchistischen Freien Arbeiterinnen und Arbeiter Union (FAU).

Der gerade eben erst gegründete Betriebsrat von Deliveroo in Köln könnte jedenfalls schon bald obsolet sein. Auch die Verträge der Betriebsratsmitglieder laufen aus. Wenn es ihnen nicht in wenigen Wochen gelingt, ihre Verträge von Fristen zu befreien, sind sie draußen.

Elmar Jost von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Köln sagt: "Das Geschäftsmodell der Lieferdienste beruht auf der Prekarität der Mitarbeiter." Deliveroo-Deutschlandchef Chrobog findet hingegen: "Die Stimmung bei unseren Fahrern ist gut." Proteste von Kurieren, die in Berlin vor der deutschen Firmenzentrale alte Schläuche und Fahrradmäntel warfen, "sehen wir nicht als repräsentativ". So sagte er es vor mehr als einem halben Jahr in einem Interview. In der Süddeutschen Zeitung äußert er sich nicht. Das Unternehmen ließ einen Fragenkatalog der SZ unbeantwortet, obwohl sich eine von Deliveroo beauftragte PR-Agentur redlich um eine Reaktion der Firmenführung bemühte.

Ein Bonus von einem Euro

In der bunten neuen Lieferwelt wird lieber das gängige Start-up-Narrativ gepflegt: Wir sind alle ein Team, wir wollen doch alle Erfolg haben. Noch erwirtschaften die weltweit agierenden Unternehmen damit keine Gewinne. Aber sie hoffen wohl darauf - wie im Fall Flixbus, das den Fernbusmarkt inzwischen beherrscht - Konkurrenten in dem harten Preiswettbewerb vom Markt zu verdrängen und sich in eine monopolähnliche Stellung zu bringen. Um das zu schaffen, werden Fahrer wie Bernd Gräber zu Höchstleistungen getrieben.

Die Lieferplattformen wissen stets, was ihre Mitarbeiter gerade tun. Über das Satellitennavigationssystem GPS lässt sich in Echtzeit verfolgen, wo sie sich gerade aufhalten. Das Unternehmen kennt die Geschwindigkeit, mit der die Zusteller fahren, das Tempo, mit dem sie die Aufträge entgegennehmen und wie lange sie bei den Kunden sind. Aber wie die Leistung bewertet wird, hängt nicht von der Durchschnittsgeschwindigkeit ab.

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Gräber zeigt auf seinem Smartphone eine Mail, die Foodora an ihn verschickt hat. Sie soll ihn dazu motivieren, sich den Bonus von einem Euro zusätzlich zu den neun Euro Stundenlohn zu erfahren. In der Mail steht, wo seine Schwachstellen sind: Er fährt einfach nicht häufig genug, und seine "Lieferquote", die Zahl der Auslieferungen pro Stunde, ist nicht gut genug.

Immer donnerstags wird über eine Onlineplattform der Schichtplan für die nächste Woche erstellt. Gräber kann angeben, wann er Zeit hat, oft hält sich Foodora nicht an seine Wünsche. Voraussetzung für den einen Euro mehr ist laut seinem Vertrag aber ohnehin der volle Einsatz am Wochenende. In dieser Zeit laufen die meisten Bestellungen ein. Für die Fahrer ist das die stressigste Zeit. Wollen sie den Bonus, müssen sie vom Freitagabend bis Sonntagnacht mindestens 20 Stunden gearbeitet haben. Wer abwesend war und etwa durch Krankheit ausfiel, hat keine Chance, den Euro mehr pro Stunde zu ergattern.