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Zu billige Bohne:Kaffee könnte deutlich teurer werden

Kaffee-Produktion in Guatemala: In den vergangenen Jahren gab es viel Überschuss auf dem Weltmarkt.

(Foto: Marvin Recinos/AFP)
  • Der Kaffeepreis bewegt sich derzeit auf historisch niedrigem Niveau. Im Herbst waren die Bohnen so günstig wie seit 12 Jahren nicht mehr.
  • Die Anbauländer Brasilien und Vietnam haben eine außergewöhnlich gute Ernte hinter sich; auf dem Markt herrscht ein Überangebot.
  • Doch die Pflanzen brauchen ein Jahr, um sich zu erholen und auch die Währungsentwicklung spricht für steigende Kaffeepreise.

Natürlich ist Kaffee nicht gleich Kaffee. Es gibt zum Beispiel den Karriere-Kaffee, den man mit Leuten trinkt, die man kennen sollte, die man aber nicht ein ganzes Mittagessen lang erträgt. Er schmeckt vollkommen anders als etwa der Anbahnungs-Kaffee, den man mit potenziellen künftigen Ehegatten trinkt, um zu sehen, ob sie nur solide sind oder doch schon spießig. Beide sind zudem nicht zu vergleichen mit dem Wie-überstehe-ich-nur-den-Nachmittag-Kaffee, den man eilig runterstürzt, wenn der Feierabend partout nicht daherkommen will. Alle haben dennoch etwas gemeinsam: Sie könnten im Lauf des Jahres deutlich teurer werden.

Die Preise für die wichtigste Sorte Arabica könnten im Lauf des Jahres um bis zu 20 Prozent steigen. Diese Erwartung äußerten wichtige Marktteilnehmer nun in einer Reuters-Umfrage. Ein Preisanstieg um ein Fünftel binnen weniger Monate - das sitzt.

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Tatsächlich bewegt sich der Kaffeepreis schon seit einiger Zeit auf historisch niedrigem Niveau. Im vergangenen Herbst erreichte er den tiefsten Stand der vergangenen 12 Jahre: 92 US-Cent pro Pfund. Seither schwankte der Preis, erreichte zwischenzeitlich 125 US-Cent, aber die Erholung war nicht nachhaltig, am Donnerstagnachmittag notierten Arabica-Bohnen wieder bei weniger als 98 Cent. "Es ist weltweit sehr viel Kaffee verfügbar", sagt Michaela Kuhl, Analystin für Rohstoffe bei der Commerzbank. Das gelte sowohl für Arabica-Kaffee, der hauptsächlich in Brasilien angebaut wird, wie auch für die zweite wichtige Sorte Robusta, die zu einem großen Teil in Vietnam wächst. Die Ernten in diesen wichtigen Anbaugebieten waren außergewöhnlich gut, entsprechend gibt es ein Überangebot. Die internationale Kaffeeorganisation ICO erwartet im laufenden Erntejahr, also bis Ende September, einen Überschuss von 2,3 Millionen Sack Kaffee. Ein Sack entspricht je nach Herkunftsland 60 oder 69 Kilo.

Warum also könnten die Preise dennoch steigen? Da ist zum einen der Zwei-Jahres-Rhythmus beim größten Kaffeeexporteur Brasilien: Besonders ertragreiche und weniger ertragreiche Jahre wechseln sich ab, was am Zyklus der Pflanzen liegt. Brasilien hat nun ein schwächeres Jahr vor sich. Kolumbien, zwar nicht der wichtigste, aber auch ein großer Kaffeeexporteur, hat zudem im laufenden Erntejahr Rückgänge hinnehmen müssen, wegen später Blüte und schlechten Wetters sank die Produktionsmenge allein von Oktober bis Dezember um sieben Prozent.

Stärkeren Einfluss auf den Kaffeepreis als die Erntemenge könnte aber die Währungsentwicklung haben: Kaffee wird in US-Dollar gehandelt, folglich ist der Wechselkurs zwischen dem brasilianischem Real und dem Dollar von großer Bedeutung. "Die politische Entwicklung in Brasilien ist im Augenblick schwer zu prognostizieren", sagt Analystin Kuhl. "Es gibt aber viele Anzeichen, die für eine Aufwertung des Real gegenüber dem Dollar sprechen." Das würde den Preis der Arabica-Bohnen aus Brasilien nach oben treiben.

Aber kommt so ein Preisanstieg auch immer bei den Kunden an? Die großen Kaffeeröster wie etwa Tchibo oder Darboven äußern sich prinzipiell nicht zur Preisentwicklung auf dem Markt. Gerade Tchibo nimmt so große Mengen ab, dass jede Äußerung zum Kaffeepreis als Marktbeeinflussung gewertet werden und Ärger mit dem Bundeskartellamt einbringen könnte. Klar ist aber auch so: Die Preispolitik bei Kaffee ist verdammt kompliziert.

Im deutschen Lebensmittelhandel gibt es zum Beispiel eine beliebte Verkaufsmasche, die überall nach dem gleichen Muster abläuft. Egal ob bei Edeka, Netto, Metro oder Lidl - in immer gleichen Ecken der Läden werden Produkte platziert, die den Kunden das Gefühl vermitteln sollen, hier könnte man besonders günstig einkaufen. Oft sind es Süßwaren oder Softgetränke, mal sind es Waschmittel. Aber besonders gern ist es Kaffee - am liebsten bekannte Marken wie Melitta, Dallmayr oder Lavazza. Wichtig dabei: Das Kilo wird für weniger als zehn Euro angeboten. Ein Schnäppchen! Oder nicht?

Schnäppchenjäger könnten weiterhin günstige Preise ergattern

Von "Aktionspreisen" sprechen Branchenbeobachter wie Tim Brzoska, Handelsexperte beim Beratungsunternehmen Simon-Kucher & Partners. "Ziel ist es, Kunden in die Filialen zu locken, damit sie auch die restlichen Einkäufe dort tätigen." So richtig funktioniert die Masche mit dem Kaffee als Lockstoff aber erst, wenn man ihn regelmäßig einsetzt. Dann kommen die Kunden regelmäßig, gewöhnen sich aber auch an die Sonderangebote. "In den genannten Warengruppen ist der Aktionseffekt häufig sehr hoch, da die Kunden über die Zeit gelernt haben, dass sie die Produkte regelmäßig zu einem sehr attraktiven Preis in einer Aktion kaufen können", sagt Brzoska. Weil die Aktionsintensität in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen sei, werde es schwieriger, den gewünschten Effekt aufrechtzuerhalten. Zudem sei das Spiel aus Sicht der Händler riskant: Sie müssten aufpassen, dass Kunden nicht nur Aktionsprodukte kaufen. "Darunter leiden dann letztlich Umsatz und Gewinn", sagt Brzoska.

Für die Schnäppchenjäger, die Gutscheinsammler und die Rabattaktionenbeobachter unter den Kaffeeliebhabern gibt es also Chancen, weiterhin günstige Angebote zu erwischen.

Und die anderen? Kaffee ist nicht gleich Kaffee, das gilt auch für das Ambiente. Wer bislang also bei Starbucks den kleinen Latte mit Mandelmilch ordert, für 4,09 Euro in der kleinsten Größe, könnte es ja mal ein paar Meter weiter probieren. In Hamburg landet man dann vielleicht im Kolonialwaren-Café, wo die Wände gelb gestrichen sind und voller Memorabilien, wo es Eierlikörkuchen gibt und Kalten Hund, und einen Eigentümer, der alles mit einem kleinen Silbertablett serviert. Günstig ist es auch - und die Nostalgie, die ist sogar ganz umsonst.

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