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US-Bank:JP Morgan überwacht Banker mit Algorithmen

  • Manipulierte Zinsen, minderwertige Kredite: Skandale aus den eigenen Reihen kosten Großbanken Milliarden und ihr Ansehen.
  • Die Investmentbank JP will Mitarbeiter nun mithilfe von Algorithmen überwachen lassen, um Fehlverhalten zu verhindern.
  • Ergeben sich auffällige Muster, schlägt das Verfahren Alarm.

Das Wort "Algorithmus" ist Bankern und Börsianern vertraut. Ein großer Teil des Börsenhandels läuft mittlerweile über Computerprogramme, die Kurse auf Auffälligkeiten untersuchen und dann binnen Millisekunden kaufen und verkaufen. Die Sache ist nicht unumstritten, da Algorithmen Kettenreaktionen auslösen können. Mancher Crash wurde auf diese Weise verursacht oder verstärkt.

Nun taucht das Wort "Algorithmus" in einem anderen Zusammenhang in der Finanzwelt auf: Die US-Investmentbank JP Morgan Chase will einen Algorithmus nutzen, um Fehlverhalten von Mitarbeitern auf die Schliche zu kommen. Sie sammelt Daten unterschiedlichster Art und kombiniert diese so, dass zweifelhaftes Verhalten in einer Art Frühwarnsystem aufgedeckt werden soll. Im Idealfall sollen Mitarbeiter, die gegen Regeln verstoßen, identifiziert werden, noch bevor sie der Bank oder Kunden schaden können.

Rechtsstreitigkeiten kosten Milliarden

Der Vorgang, über den die Nachrichtenagentur Bloomberg als erste berichtete, sorgt in der Investmentbanking-Branche für Aufsehen. Schließlich waren amerikanische und europäische Großbanken in den vergangenen Jahren in zahlreiche Skandale verwickelt. Sie manipulierten Zinsen und Währungen zu ihren eigenen Gunsten, sie zogen Kunden mit minderwertigen US-Immobilienkrediten über den Tisch. Und etliche Male verzockten Händler auch das Geld der eigenen Bank.

So wird in Deutschland kontrolliert

In Deutschland gibt es bei Banken (noch) keine Algorithmen, um ein mögliches Fehlverhalten von Mitarbeitern auszukundschaften. Institute, Wertpapierhäuser und Börsen haben jedoch eine Reihe Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um folgenschwere Fehler und Betrug zu vermeiden. Eine davon ist das Vier-Augen-Prinzip: Wichtige Handelsgeschäfte darf niemals ein einzelner Mitarbeiter abschließen; es gibt einen Zweiten, der darüber schauen muss. Große Betrugsfälle in der Vergangenheit, etwa der Fall Nick Leeson oder der Fall Jerôme Kerviel bei der Société Générale, haben gezeigt, dass der Missbrauch oft klein anfängt und die Händler dann immer größere Summen einsetzen müssen, um den Verlust zu verdecken - bis das Lügengebäude zusammenbricht. Aus diesem Grund sind Betrüger auch permanent in der Bank und können keinen Tag frei machen. Um dies zu vermeiden, ist bei einer deutsche Großbank ein mindestens zweiwöchiger Urlaub am Stück im Jahr vorgeschrieben. In dieser Zeit hat der Händler keinen Zugang zum System. "Das Wichtigste jedoch ist die Kultur", heißt es bei einer Großbank. "Man muss den Mitarbeitern schon bei der Einstellung sagen, dass sie hier falsch sind, wenn sie zocken wollen." Auch die Deutsche Börse trifft Vorkehrungen. So gibt es einen Sicherheitsmechanismus, damit sich bei der Eingabe einer Order niemand vertippt. Mancher Kurseinbruch bei einer Aktie ist in der Vergangenheit schon dadurch ausgelöst worden, dass beim Auftrag eine Kommastelle verrutscht war - das Problem des "fetten Fingers". An der Deutschen Börse wird zudem der Handel einer Aktie ausgesetzt, wenn sich der Kurs abrupt außergewöhnlich verändert.

JP Morgan, Amerikas größte Investmentbank, war bei vielen dieser illegalen Praktiken dabei. Die Kosten für Rechtsstreitigkeiten beliefen sich in den letzten Jahren auf immense 36 Milliarden Dollar (33,5 Milliarden Euro). JP-Morgan-Chef Jamie Dimon, mit 20 Millionen Dollar Einkommen im vergangenen Jahr einer der bestbezahlten Banker der Wall Street, greift nun zu einem drastischen Mittel. Er will seine Mitarbeiter künftig per Algorithmus besser überwachen. Dazu werden Daten aus unterschiedlichen Bereichen gesammelt, zum Beispiel, ob ein Börsenhändler bestimmte Risikogrenzen überreizt, ob er gegen Handelsregeln verstößt oder ein Seminar über Verhaltensregeln schwänzt. Der Algorithmus kombiniert diese Daten und schlägt Alarm, wenn sich aus dem Verhalten eines Mitarbeiters ein bestimmtes Muster ergibt.

Ziel sind Verhaltensprognosen

"Es ist sehr schwierig für einen Vorgesetzten, aus Hunderten von Daten bestimmte Themen zu erkennen, die sich für einen Händlertisch ergeben", sagte Sally Dewar zu Bloomberg; sie leitet die Rechtsabteilung von JP Morgan in Europa. Die Idee sei es, anhand der Daten Vorhersagen über bestimmte Verhaltensmuster zu treffen.

Das Softwareprogramm wurde in den Handelsräumen von JP Morgan bereits getestet. Im nächsten Jahr soll es auch in den Investmentbanking-Bereichen und in der Vermögensverwaltung angewandt werden. Das Experiment dürfte bei anderen Investmentbanken stark beachtet werden. Denn viele, auch die Deutsche Bank, wollen ihre Mitarbeiter zu einem Kulturwandel anstiften. Wenn diese wissen, dass sie von Algorithmen überwacht werden, könnte dies zweifelhaftes Verhalten von vorneherein eindämmen.