Jens Weidmann und die Geldpolitik der EZB:Fundamentaloppostion hilft auf Dauer nicht

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Der Bundesbankchef hat mit diesem Wesenszug im EZB-Rat keine leichte Rolle. Er weiß, dass er die Kollegen mit seinen meist gut durchdachten Gegenargumenten ab einem gewissen Zeitpunkt nerven kann. Die anderen Notenbankchefs ahnen zwar, dass der aus ihrer Sicht bisweilen penetrante Deutsche auch irgendwie Recht hat, doch sie wollen handeln, nicht zuwarten. Weidmann möchte den Einsatz der Notenpresse beschränken, eine nicht unerhebliche Anzahl der Mitglieder im EZB-Rat möchte ihn ausweiten. Ein Zielkonflikt, der sich immer wieder neu manifestiert.

Fundamentalopposition, das weiß Weidmann, ist dabei dauerhaft nicht zielführend. Sein Vorgänger als Bundesbank-Chef, Axel Weber, ist 2011 im Streit um den Aufkauf von Staatsanleihen zurückgetreten, auch der deutsche EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark sah sich deswegen in die Ecke getrieben und warf 2012 hin. Doch Rücktritt ist nichts für Weidmann. Er möchte sein Mandat erfüllen, und zwar kritisch-konstruktiv, ohne sich zu verstricken. Niemand soll ihm in einigen Jahren vorwerfen können, er sei mitschuldig daran, dass sich die EZB verzockt hat.

So versuchte Weidmann im Vorfeld der Juni-Sitzung mit Gleichgesinnten im EZB-Rat, das geplante Kreditvolumen für Banken einzudampfen und Immobilienkredite von der Kreditsubventionierung auszunehmen. Der stets verbindlich-freundliche Weidmann kann da sehr stur sein, auch in Detailfragen. Aber es geht um Milliardenrisiken, die am Ende auch vom deutschen Steuerzahler getragen werden. Diese Debatten im EZB-Rat mit einem häufig kritischen Jens Weidmann finden wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Die Themen sind sehr technisch.

Ihm gehe es, sagen Leute, die ihn gut kennen, darum, das Schlimmste zu verhindern - und die EZB vor allzu großen Dummheiten zu bewahren. Zugleich will er sich nicht isolieren. Deshalb stimmt er, auch wenn er Bedenken hat, nach zähem Ringen um den Kompromiss oft zu. Weidmann betreibt also eine permanente Gratwanderung. Er bemüht sich bei dieser Wanderung um klare Botschaften - aber oft sind es eben auch doppelte Botschaften. Das ist typisch für Notenbanker; sie wollen sich stets eine Hintertür offenhalten.

Und klar, Geldpolitik ist kompliziert geworden: Weidmann will den Wert des Geldes sichern, das begreifen die meisten Menschen noch. Doch wie er und seine Kollegen das bewerkstelligen, übersteigt meist das Auffassungsvermögen der Bevölkerung. Es geht da um "Liquiditätshilfen" und "Tender", um Programme namens OMT oder LTRO - Fachtermini, die schwer zu vermitteln sind. Ein Politiker hat Weidmann vor einiger Zeit zu einem Zeitungsinterview mit den Worten beglückwünscht, er habe zwar kaum etwas begriffen, von dem was Weidmann da gesagt hatte - aber es habe sehr gut und richtig geklungen.

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