Insolvente Air-Berlin-Tochter:Für Niki beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit

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Für Niki wird es eng: Die insolvente Fluglinie muss dringend einen Käufer finden, damit sie die Betriebserlaubnis nicht verliert.

(Foto: imago/Rüdiger Wölk)
  • Die österreichische Fluglinie Niki ist insolvent. Ihre Betriebsgenehmigung gilt nur noch für eine Woche.
  • Zieht sich das Verkaufsverfahren länger hin, müsste ein möglicher Käufer oder die österreichische Regierung mit Garantien einspringen
  • Als Kaufinteressenten gelten der Airline-Gründer Niki Lauda sowie der Reisekonzern Thomas Cook und die Fluglinie Ryanair.

Von Jens Flottau und Alexander Mühlauer, Frankfurt/Brüssel

Es geht um einen Notverkauf: Nach der Pleite der österreichischen Air-Berlin-Tochter Niki versucht Insolvenzverwalter Lucas Flöther unter starkem Zeitdruck einen Käufer für die Fluglinie zu finden. "Wir haben noch ein paar Tage Zeit, ehe Niki die Start- und Landerechte verlieren würde," sagte er am Donnerstag. Gespräche mit Interessenten laufen bereits, dazu gehören Niki-Gründer Niki Lauda und der Reisekonzern Thomas Cook. Auch über ein Interesse der British-Airways-Muttergesellschaft International Airlines Group (IAG) wird spekuliert. Ryanair hat mittlerweile ebenfalls Interesse an der insolventen österreichischen Fluggesellschaft Niki angemeldet. Ryanair habe Kontakt mit den Insolvenzverwalter aufgenommen bezüglich eines "möglichen Kaufs der verbliebenen Niki-Vermögenswerte", hieß es in einer Mitteilung. Ein Sprecher des Insolvenzverwalters Lucas Flöther wollte dies unter Verweis auf den laufenden Investorenprozess nicht kommentieren.

Niki hatte am Mittwoch einen Insolvenzantrag beim Bezirksgericht Berlin-Charlottenburg eingereicht und den Flugbetrieb eingestellt. In den nächsten 14 Tagen müssen 40 000 Flugreisende mit Niki ihre Heimreise antreten. Davon hatten 15 500 ihre Reise selbst gebucht, die anderen über einen Reiseveranstalter.

Dem Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) zufolge bieten die deutschen Airlines gestrandeten Passagieren ihre Restplätze zu Sonderkonditionen. Alle Passagiere, die ihr Ticket nach dem 15. August bei Niki direkt gebucht haben, bekommen laut Unternehmensangaben ihr Geld zurück. Condor will Gäste sogar kostenlos transportieren und noch zusätzliche Flüge auflegen.

Auch Tuifly plant Sonderflüge. Niki beschäftigt derzeit knapp 1000 Mitarbeiter, darunter gut 200 in Deutschland, diesen droht nun die Arbeitslosigkeit. Zuvor hatte Lufthansa beschlossen, die geplante Übernahme von Niki abzusagen. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass die Europäische Kommission die Transaktion nicht bis 21. Dezember genehmigen würde. Niki über den Zeitraum einer vertieften wettbewerbsrechtlichen Prüfung von 90 Arbeitstagen weiter in der Luft zu halten, hätte sie voraussichtlich mehr als 200 Millionen Euro gekostet.

Dem Vernehmen nach hat die österreichische Luftfahrt-Aufsichtsbehörde Austro Control Niki eine Frist von einer Woche eingeräumt, in der die Betriebsgenehmigung trotz Insolvenz aufrechterhalten wird. Zieht sich das Verkaufsverfahren länger hin, müsste ein möglicher Käufer oder die österreichische Regierung mit Garantien einspringen oder die Frist verlängert werden. Verkehrsminister Jörg Leichtfried sagte, es gebe "Überlegungen, unter Umständen mit Zwischenfinanzierungen etwas zu tun". Der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Frank Kebekus geht davon aus, "dass wir bis Ende des Jahres eine Lösung haben werden. Wenn wir die hätten, dann kann sicherlich im Januar noch einmal die ein oder andere Woche nehmen, um sie dann zu finalisieren und umzusetzen".

Spätestens wenn die Betriebsgenehmigung erlöscht, wären sämtliche Rettungsbemühungen gescheitert. Dann würden die Start- und Landezeiten an den Flughäfen an die Flughafenkoordinatoren der jeweiligen Länder zurückfallen und von diesen neu verteilt. Im Falle Niki sind die Slots das wertvollste Gut des Unternehmens. Gemäß der europäischen Slotverordnung können sie aber nicht allein verkauft werden. Die Billigfluggesellschaft Ryanair kündigte an, sie wolle sich um frei werdende Niki-Slots bewerben. Gemäß den Regeln werden diese an den Flughäfen je zur Hälfte an neue Bewerber und Bestandskunden gehen. Auf diese Weise könnte sich Ryanair etwa Zugang zu raren Zeitfenstern in Düsseldorf und Berlin verschaffen.

Aus Käufersicht ist Niki nach der Insolvenz in mancher Hinsicht ein attraktiveres Übernahmeziel als davor. So musste zuletzt Niki von Air Berlin einen finanziell äußerst unattraktiven Mietvertrag für sieben Tuifly-Maschinen übernehmen. Die Flugzeuge gehen nun direkt an die Ferienfluggesellschaft des Tui-Konzerns zurück, und nicht erst wie geplant im Sommer. Auch andere Verbindlichkeiten fallen nun weg. Zudem muss ein Investor nicht den laufenden, stark defizitären Flugbetrieb zwischenfinanzieren. Lufthansa hatte sich dies bis zur Absage zehn Millionen Euro pro Woche kosten lassen. Nach dem aktuellen Stand der Dinge hätte ein Käufer auch Zugriff auf die gesamte Flotte von etwa 20 Airbus A321, die Niki derzeit einsetzt. Zwar hat Lufthansa Vorverträge mit den Leasingunternehmen für etwa die Hälfte der Maschinen geschlossen, sie hat sich aber auch verpflichtet, die Jets zu marktüblichen Konditionen weiterzuvermieten, falls sich ein anderer Käufer findet.

"Wir bedauern die Situation, weil sie vermeidbar gewesen wäre", sagt EU-Kommissarin Vestager

Derzeit haben Thomas Cook, Ryanair und Niki-Gründer Niki Lauda starkes Interesse, die Airline aus der Insolvenz heraus zu übernehmen. "Wir prüfen unsere Optionen inklusive Erwerb der Niki Flugdienst GmbH oder Teilen der Airline", so ein Thomas Cook-Sprecher. Condor könnte mit den Flugzeugen das Angebot drastisch ausweiten und die Flotte von 43 auf mehr als 60 Jets ausweiten. Aus Sicht der deutschen Reiseveranstalter wäre das Geschäft begrüßenswert, weil sie dann auf einen zweiten starken Anbieter neben Eurowings zurückgreifen könnten. Lauda kündigte zwar an, er wolle den Kauf von Niki auf eigene Faust betreiben, es gilt aber immer noch als denkbar, dass er sich doch noch mit Thomas Cook zusammenschließt. Die Frage ist auch, ob IAG nach einer zwischenzeitlichen Absage doch noch ein Angebot abgibt. IAG wollte mithilfe der Plattform Niki die eigene Billigmarke Vueling im deutschen Markt etablieren, der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Kebekus zog aber die Lufthansa-Offerte vor.

Dieser kritisierte die Entwicklungen als "höchst ärgerlich" und "vermeidbar". In Brüssel machte EU-Kommissarin Margrethe Vestager deutlich, dass ihre Wettbewerbsbehörde noch gar keine Entscheidung über das Lufthansa-Angebot getroffen habe. "Wir bedauern die jetzige Situation, weil sie vermeidbar gewesen wäre", sagte sie, "es hat auch andere Bieter für Niki gegeben." Die EU-Kommission habe Lufthansa und dem Insolvenzverwalter von Anfang an klargemacht, dass es "bereits im September sehr ernsthafte Bedenken" gegeben habe. Und zwar bei insgesamt 80 Flugrouten; am Ende hätten die Verbraucher bei 50 Verbindungen nur noch eine Wahl gehabt: Lufthansa. Die Folge, so Vestager: "Höhere Preise, weniger Auswahl." Das Bundeskartellamt untersuche ja, ob Lufthansa seine Marktstellung missbrauche. Für viele Niki-Kunden gebe es jetzt "eine dramatische Unsicherheit, ob sie an Weihnachten nach Hause fliegen können", sagte Vestager.

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