Chemiebranche:Gewerkschaft fordert Lohnplus über Inflationsrate

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BASF: Neue Acetylen-Anlage am Verbundstandort Ludwigshafen

Acetylen-Anlage von BASF in Ludwigshafen: Auch die Beschäftigten der Chemiebranche spüren die steigenden Preise.

(Foto: Andreas Pohlmann/oh)

Die IG BCE will für 2022 deutlich mehr Geld durchsetzen, auch weil es gerade gut läuft in der Chemiebranche. Könnte sie damit die Inflation noch weiter antreiben?

Von Alexander Hagelüken

Die hohe Inflation trifft auch Chemiearbeiter. Knapp 60 Prozent der Beschäftigten in der Chemie- und Energiebranche schränken sich deshalb ein oder haben am Monatsende kein Geld übrig. Das zeigt eine Umfrage der Gewerkschaft IG BCE. Sie fordert deshalb für die etwa 600 000 Beschäftigten eine Lohnerhöhung oberhalb der Inflationsrate im nächsten Jahr. "Wichtig ist, dass für unsere Leute ordentlich was rumkommt", sagt Verhandlungsführer Ralf Sikorski.

Die Gewerkschaft der drittgrößten deutschen Industriebranche nach Auto und Maschinenbau macht damit eine klare Ansage an die Arbeitgeber. Während sich die letzten Lohnverhandlungen 2019 stark um freie Tage und einen Pflegezuschuss im Alter drehte, geht es diesmal klassisch um mehr Geld. Denn die Beschäftigten spüren, dass alles teurer wird. Die Verbraucherpreise standen im Oktober 4,5 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Im November könnte der Wert laut Bundesbank sogar bei sechs Prozent liegen.

Als Inflationstreiber kann man die IG BCE aber kaum einstufen. Die Gewerkschaft fordert keinen Lohn-Nachschlag für dieses Jahr, in dem noch der alte Tarifvertrag gilt. Sie will sich bei den Tarif-Verhandlungen im kommenden März und April an der dann auftretenden Inflation orientieren - und den dann aktuellen Prognosen für das ganze Jahr 2022. Nächstes Jahr werden die Preise nach den bisherigen Prognosen weniger steigen als jetzt, weil statistische Gründe und Nachholeffekte nach der Corona-Krise dann nicht mehr wirken. Sowohl die führenden Konjunkturinstitute wie der Sachverständigenrat rechnen damit, dass die Inflation nächstes Jahr unter drei Prozent liegt.

In den 70er-Jahren entwickelte sich eine Preisspirale nach Lohnsteigerungen

Die IG BCE verzichtet vorerst auch darauf, ihre Lohnforderung genau zu beziffern. Wegen der Unsicherheit über die Inflation sei es sinnvoller, die Entwicklung im kommenden Jahr abzuwarten. "Die Kaufkraft muss gesichert werden", sagt Gewerkschaftsvize Sikorski. Steigen die Preise nächstes Jahr entgegen den Prognosen doch so stark wie derzeit, werde man sich daran orientieren.

Die Gewerkschaft will ihre formelle Forderung Ende Februar beschließen. Eine konkrete Lohnerhöhungszahl nennt sie womöglich erst danach. Der Verzicht auf eine bezifferte Lohnforderung dämpft erst mal die allgemeinen Inflationserwartungen, statt sie weiter anzuheizen. In den 1970er-Jahren hatte es einige Lohn-Preis-Spiralen gegeben. Gewerkschaften hatten unter Hinweis auf die Inflation starke Lohnsteigerungen gefordert, was wiederum die Preise anfachte und so weiter. Orientieren sich die anderen Gewerkschaften am Kurs der IG BCE, ist dies erst mal nicht zu befürchten.

Nach Angaben Sikorskis ist es nicht das erste Mal, dass die Chemie-Gewerkschaft ohne bezifferte Forderung in die Tarifrunde geht. Neben einer Lohnerhöhung geht es der Gewerkschaft diesmal vor allem darum, die Zuschläge für Nachtschichten zu erhöhen.

Sikorski begründete seine Forderung damit, dass die Geschäfte in den Firmen der Branche gut laufen: "Die Chemie brummt." Die Unternehmen schätzten die aktuelle Geschäftslage besser ein als vor der Corona-Krise. Der Umsatz nehme nach Einschätzung der Arbeitgeber dieses Jahr um 16 Prozent zu. 80 Prozent der Mitarbeiter haben laut einer Umfrage unter 2200 Beschäftigten den Eindruck, die wirtschaftliche Lage ihrer Unternehmen sei gut oder glänzend. Die Auftragsbestände erreichten langjährige Hochs. Den Firmen sei es auch gelungen, die Preissteigerungen für Rohstoffe durch höhere Produktpreise an die Kunden weiterzugeben.

Die Gewerkschaft stellt sich vor, dass der jetzt auszuhandelnde Tarifvertrag nur ein Jahr läuft und damit deutlich kürzer als der letzte. Neben einer Lohnerhöhung will sie in der Tarifrunde darauf hinwirken, dass es wieder mehr Ausbildungsverträge gibt. Außerdem sollen Sicherheit und Schutz der Beschäftigten im ökologischen Umbau der Industrie erreicht werden.

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