Teuerung:Inflationsrate steigt auf 7,9 Prozent

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Konsum: Ein Kassenbon und Einkauf in einem Einkaufswagen

Vieles wird teurer: Experten erwarten für Jahresende eine Inflationsrate von zehn Prozent.

(Foto: Frank Hoermann/IMAGO/Sven Simon)

Die Preise in Deutschland sind im August wieder stärker gestiegen. Und es kommt wahrscheinlich noch schlimmer.

Von Harald Freiberger

Die Inflationsrate in Deutschland ist wieder am Steigen. Nachdem sie im Juni und Juli jeweils leicht gefallen war, hat sie sich im August von 7,5 auf 7,9 Prozent erhöht, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Ökonomen sehen darin ein schlechtes Vorzeichen für die kommenden Monate. "Ab September gibt es voraussichtlich einen weiteren Preisschub, gegen Jahresende könnte die Inflationsrate in der Nähe von zehn Prozent landen", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Das Problem der Inflation hat sich seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar massiv verschärft. Schon davor waren die Preise ungewöhnlich stark gestiegen, vor allem weil wegen der Corona-Pandemie die Lieferketten und damit das Angebot gelitten hatten. Danach schossen vor allem die Preise für Energie und Lebensmittel in die Höhe, "da Russland und die Ukraine bedeutende Exporteure für Energierohstoffe, landwirtschaftliche Erzeugnisse und Düngemittel sind", sagt Ökonom Salomon Fiedler von der Berenberg-Bank.

Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte die Inflationsrate in Deutschland im Mai mit 7,9 Prozent. Im Juni waren es dann 7,6 Prozent, im Juli 7,5 Prozent. Der leichte Rückgang hatte vor allem zwei Gründe: Um die Bürger zu entlasten, beschloss die Bundesregierung zum einen das Neun-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr und zum anderen einen Tankrabatt von 35 Cent für den Liter Super und 17 Cent für den Liter Diesel. Beides zusammen drückte die Preissteigerung um etwa einen Prozentpunkt. Deshalb ging die Inflationsrate in Deutschland zuletzt leicht zurück, während sie im Euro-Raum weiter stieg - im Juli lag sie dort schon bei 8,9 Prozent.

Das Problem ist nun aber, dass Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt auf drei Monate befristet waren; sie laufen Ende August aus, also an diesem Mittwoch. Eine Nachfolgeregelung gibt es noch nicht, auch wenn die Regierungskoalition derzeit über weitere Entlastungen für die Bürger berät. Deshalb erwarten Experten, dass die Preise in Deutschland ab September wieder steigen. Und im Oktober und November dürfte es weitergehen. Dann tritt nämlich eine weitere Belastung für die Bundesbürger in Kraft: Die Energieversorger stellen ihren Kunden im Oktober und November die Gasumlage in Rechnung. Sie beträgt 2,4 Cent pro Kilowattstunde Gas. Die gleichzeitige Ermäßigung der Mehrwertsteuer auf Gas von 19 auf sieben Prozent kann die Mehrkosten nicht vollkommen ausgleichen, das heißt: Das Leben wird für die Bürger noch teurer.

Für einen anhaltend hohen Preisdruck spricht auch die aktuelle Umfrage des Ifo-Instituts unter 9000 Firmen. "Immer noch knapp jedes zweite Unternehmen will in den kommenden drei Monaten die Preise erhöhen", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. "Preiserhöhungen bleiben damit auf der Agenda."

Was den Ökonomen Krämer besonders sorgt, ist der Blick auf die sogenannte Kerninflationsrate, das ist der Preisauftrieb ohne stark schwankende Produkte wie Energie und Lebensmittel. "Dieser Wert dürfte von 3,2 auf 3,4 Prozent gestiegen sein", sagt Krämer. Das bedeute, dass die Inflation nicht mehr nur durch den Ukraine-Krieg, sondern auf breiter Front zulegt. Die Inflationserwartungen der Bundesbürger für die nächsten fünf Jahre sind der Bundesbank zufolge zuletzt von vorher drei auf fünf Prozent pro Jahr gestiegen. In einem solchen Klima entwickelt die Inflation schnell eine Eigendynamik. Zusätzlich wächst das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale, da Gewerkschaften bei den Tarifverhandlungen einen Ausgleich für die hohe Inflation fordern.

Die Antwort der Notenbanken sind höhere Zinsen

Hohe Inflation führt dazu, dass der Wert des Geldes schnell schwindet, mindert die Ersparnisse der Menschen und belastet vor allem ärmere Haushalte. Eine Inflation, die sich verfestigt, ist eine extreme Bedrohung für das ökonomische Gleichgewicht. Deshalb sind die Zentralbanken in Alarmstimmung, wie am vergangenen Wochenende beim Treffen der Notenbanken im US-amerikanischen Jackson Hole deutlich wurde. Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Fed, stellte die Bekämpfung der Inflation durch höhere Zinsen in den Mittelpunkt seiner Rede.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) ist mittlerweile auf einen härteren Kurs eingeschwenkt, nachdem sie lange mit Zinserhöhungen gezögert hatte. Sie erhöhte die Leitzinsen im Juni um 0,50 Prozentpunkte, im September dürfte ein weiterer solcher Schritt folgen, möglicherweise sogar um 0,75 Punkte. Die Gefahr dabei aber ist, dass es in Europa zur Rezession kommt, weil höhere Zinsen die Konjunktur bremsen. Trotzdem hält die EZB die Bekämpfung der Inflation mittlerweile für wichtiger. "Die EZB ist mit den Zinserhöhungen sehr spät dran, es wird schwierig, den Geist der Inflation wieder einzufangen", sagt Krämer.

Welche schädlichen sozialen Folgen die hohen Preise haben, zeigt eine Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach trugen Familien mit niedrigem Einkommen im Juli mit einer haushaltsspezifischen Inflationsrate von 8,4 Prozent eine deutlich überdurchschnittliche Belastung, während Singles mit hohem Einkommen mit 6,4 Prozent die geringste Teuerungsrate spürten. "Wenn demnächst die Inflation zusätzlichen Schub erhält, weil Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt auslaufen und die Gasumlage eingeführt wird, dürfte die soziale Schere bei den Belastungen sogar noch weiter aufgehen", heißt es in der Studie. Denn Preissteigerungen bei der Haushaltsenergie schlügen bei Haushalten mit niedrigeren Einkommen besonders stark durch.

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