Halbleiterindustrie:Noch jemand Chips?

FILE PHOTO: Dialog semiconductor logo is pictured at flag in Germering

Dialog Semiconductor hat seinen offiziellen Sitz in der Nähe von London, stammt aber aus Baden-Württemberg.

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Halbleiter sind knapp, Europa will die Branche stärken. Doch nun wird der nächste Anbieter verkauft, diesmal nach Japan.

Von Caspar Busse, München

Siemens, Daimler, Volkswagen, Audi und viele andere Industrieunternehmen - sie alle haben gerade ein großes Problem. Der Nachschub von Halbleitern stockt derzeit ganz gewaltig, in einigen Werken kann schon nicht mehr weiter produziert werden. Der Grund: Die Nachfrage nach Halbleitern aller Art ist in der Corona-Pandemie sprunghaft gestiegen, in immer mehr Geräten sind leistungsfähige Halbleiter verbaut. Infineon, der größte europäische Chipkonzern, hatte zuletzt von Lieferzeiten zwischen drei und sechs Monaten gesprochen - in diesem Geschäft eine Ewigkeit. Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) fordern deshalb eine Stärkung der europäischen Chipindustrie.

Das Gegenteil ist momentan der Fall: Der Ausverkauf europäischer Anbieter in dieser Branche geht weiter. Jetzt soll der deutsch-britische Chipentwickler Dialog Semiconductor nach Japan verkauft werden. Der Vorstand nahm ein fast 4,9 Milliarden Euro hohes Übernahmeangebot des Halbleiter-Konzerns Renesas Electronics an, teilte die Firma am Montag mit. Dialog hat seinen offiziellen Sitz zwar in der Nähe Londons und ist deshalb seit dem Brexit nicht mehr im MDax gelistet. Die Wurzeln des Unternehmens sowie wichtige Verwaltungs- und Forschungsaktivitäten befinden sich aber in Kirchheim/Teck bei Stuttgart. Der Verkauf von Dialog nach Asien ist kein Einzelfall: Auch der Münchner Halbleiterzulieferer Siltronic wird derzeit vom taiwanesischen Konzern Global Wafers übernommen, der dafür fast 4,5 Milliarden Euro zahlen will.

Geleitet wird Dialog Semiconductors von Jalal Bagherli, der promovierte Elektrotechniker und Exil-Iraner ist seit 2005 im Amt. Das Unternehmen ist Ende der 80er Jahre aus dem Daimler-Konzern entstanden und hatte sich zuletzt einen Namen als wichtiger Zulieferer für den iPhone-Hersteller Apple gemacht. Allerdings übernahm der US-Techkonzern einen Teil des Geschäfts mit iPhone-Chips 2019 selbst. Bis 2022 soll der Anteil von Apple am Dialog-Umsatz deshalb auf 35 bis 40 Prozent schrumpfen, was immer noch ein deutlicher Anteil ist. Diese hohe Abhängigkeit von nur einem Kunden soll durch die Übernahme weiter reduziert werden. Der gesamte Umsatz lag 2019 bei 1,2 Milliarden Euro mit rund 2300 Mitarbeitern weltweit. Die Aktie von Dialog Semiconductor, die in Frankfurt gehandelt wird, stieg am Montag um zwischenzeitlich fast 20 Prozent auf bis zu 66 Euro. Es ist eine erstaunliche Entwicklung, lag das Papier im Frühjahr vergangenen Jahr doch bei lediglich leicht über 17 Euro. Renesas bietet 67,50 Euro je Dialog-Aktie.

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Der japanische Halbleiteranbieter ist aus den ehemaligen Chip-Sparten der Elektronik-Konzerne Hitachi, Mitsubishi und NEC entstanden und hat bei Mikrocontrollern für die Autoindustrie, die derzeit besonders knapp sind, nach eigenen Angaben einen Weltmarktanteil von 30 Prozent, versucht sich aber in anderen Bereichen mit Übernahmen zu verstärken. Bei Halbleitern für die Fahrzeughersteller insgesamt liegen die Japaner derzeit weltweit auf Platz 3 - hinter Infineon und NXP. Die bisher stark auf die Autobranche konzentrierten Japaner wollen nun ihr Angebot auf andere Industriebereiche von der elektronischen Steuerung von Wohnungen über den Mobilfunk bis zur Medizintechnik erweitern - und dabei vor allem von den Niedrigenergie-Chips und den Bluetooth-Lösungen von Dialog profitieren. "Die Transaktion, die wir heute angekündigt haben, ist unser nächster wichtiger Schritt im Wachstumsplan", wird Renesas-Chef Hidetoshi Shibata zitiert. Aktionäre und Aufsichtsbehörden müssen den Deal noch genehmigen.

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