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Halbleiter-Branche:Broadcom sorgt für Beben in der Chipindustrie

President Trump Makes Jobs Announcement In The Oval Office

Ein Besuch, der sich im Nachhinein erklärt: Broadcom-Chef Hock Tan (Mi.), traf sich kürzlich im Weißen Haus mit US-Präsident Trump.

(Foto: Martin H. Simon/Bloomberg)
  • Broadcom will den US-Konkurrenten Qualcomm für mehr als 100 Milliarden Dollar kaufen.
  • Rechnet man die Schulden ein, die Broadcom mitübernehmen würde, ist der Deal gigantische 130 Milliarden Dollar wert.
  • Zusammen bildeten beide Unternehmen den drittgrößten Chiphersteller der Welt - hinter Intel und Samsung.

Wer ist dieser Typ da neben Donald Trump? Und was macht er im Weißen Haus? Als sich Hock Tan Ende vergangener Woche vom US-Präsidenten auf die Schulter klopfen ließ, warf das Fragen auf. "Meine Mutter hätte sich nie vorstellen können, dass ihr Sohn einmal hier im Oval Office des Weißen Hauses neben dem Präsidenten der USA stehen würde", sagte Tan.

Bislang hatte er sich vor Interviews, Konferenzauftritten und öffentlichem Schulterklopfen versteckt, kaum einer kannte ihn. Dabei ist er der Chef von Broadcom, einem der größten Chiphersteller und mächtigsten Unternehmen der Welt. In seiner Kindheit in Malaysia, sagte Tan, sei er nur ein "dünner Junge" gewesen - mit einem amerikanischen Traum.

Nun schlägt der "dünne Junge" zu - und sein Besuch bei Trump ergibt plötzlich deutlich mehr Sinn. Tans Unternehmen will den US-Konkurrenten Qualcomm kaufen, für mehr als 100 Milliarden Dollar. Rechnet man die Schulden ein, die Broadcom mitübernehmen würde, ist der Deal gigantische 130 Milliarden Dollar wert.

Drittgrößter Chiphersteller

Zusammen wären sie der drittgrößte Chiphersteller der Welt hinter Intel und Samsung. Ohne den kombinierten Konzern wäre es kaum möglich, eines der mehr als eine Milliarde Smartphones zu bauen, die jedes Jahr verkauft werden. Wenn die Übernahme gelingt, wäre sie die größte in der Technologiebranche aller Zeiten.

Broadcom und Qualcomm sind Unternehmen, mit deren Namen die meisten Menschen nichts anfangen können. Ihre Technik steckt aber in Geräten, mit denen wir täglich hantieren oder bald hantieren werden: iPhones, Modems, Bluetooth-Geräte, selbstfahrende Autos, intelligente Aufzüge und alles, was unter den Begriff "Internet der Dinge" fällt - vom Kühlschrank mit Internetanschluss bis zum Thermostat, das sich per Handy-App kontrollieren lässt.

Es sind Konzerne, die über Preise und Qualität dieser Produkte mitentscheiden. Qualcomm produziert vor allem Chips für Smartphones, damit die Geräte sich mit drahtlosen Netzwerken verbinden können. Broadcom ist Spezialist für W-Lan-Chips. Weil Smartphones, andere Geräte und Industrieanlagen zunehmend miteinander kommunizieren, ist die Nachfrage nach Chips rasant gestiegen.

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Gleichzeitig schließen sich immer mehr Chiphersteller zusammen. In dieser für alle Zukunftstechnologien so wichtigen Branche ballt sich die Macht also in immer weniger Händen. Broadcom schluckt gerade den kleineren US-Hersteller Brocade für 5,5 Milliarden Dollar. Und Qualcomm ist dabei, den niederländischen Konkurrenten NXP für 47 Milliarden Dollar zu kaufen.

"Dank Ihnen, Herr Präsident"

Im Prinzip schließen sich also nicht nur der viert- und sechstgrößte Hersteller zusammen, es käme auch der Marktführer für Chips in Autos, NXP, dazu. Die europäischen Aufsichtsbehörden sind skeptisch, ob die Fusion von Qualcomm und NXP zulässig ist. Die deutlich größere Übernahme von Qualcomm selbst dürfte auf noch größere Bedenken stoßen. Die kombinierte Firma werde ein "beeindruckendes Portfolio an Technik und Produkten" haben, sagte Tan - was zweifellos stimmt.

"Wir würden das Angebot nicht machen, wenn wir nicht sicher wären, dass unsere gemeinsamen Kunden weltweit die angestrebte Kombination begrüßen würden." Ob das stimmt, muss sich noch zeigen. Schließlich ist es für Kunden, etwa Handy- und Autobauer, meist besser, wenn sie zwischen mehreren Anbietern auswählen können.

Qualcomm hat den Unternehmenssitz in San Diego in Kalifornien, Broadcom teilt das Hauptquartier bislang auf zwei Städte auf: San Jose in Kalifornien und Singapur. Das steckt auch hinter Tans Besuch im Weißen Haus. Der Broadcom-Chef versprach dort, den Sitz komplett in die USA zu verlegen.

Das hätte die Folge, dass sich Broadcom bei der Übernahme von Qualcomm nicht mit der sehr kritischen Behörde CFIUS auseinandersetzen müsste, die dafür zuständig ist, Übernahmen von US-Firmen durch ausländische Investoren zu genehmigen. CFIUS hat Broadcoms Übernahme von Brocade noch nicht genehmigt,sie verzögert sich seit Monaten. Tan versuchte darum, schon vor dem offiziellen Angebot für Qualcomm bei Trump gute Stimmung zu machen. "Dank Ihnen, Herr Präsident, haben sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen stetig verbessert", sagte er.

Der Zeitpunkt für eine Übernahme von Qualcomm ist günstig. Denn obwohl die Branche wächst, geht es dem Unternehmen nicht so gut wie den Konkurrenten. Es streitet sich mit Kartellbehörden und mit einem der wichtigsten Kunden: Apple. Der Rechtsstreit um Lizenzen könnte dazu führen, dass Apple keine Chips mehr für das iPhone von Qualcomm kauft. Apple ist auch einer der größten Kunden von Broadcom.

Bevor Ende vergangener Woche die ersten Gerüchte über die Übernahme die Anleger in Aufregung versetzten, stand der Aktienkurs noch mehr als fünf Prozent unter dem Wert vom Jahresanfang. Broadcoms Angebot liegt 28 Prozent über dem Aktienkurs von Freitag. Trotzdem gehen Branchenkenner davon aus, dass die Aktionäre nicht begeistert sind und sich mehr Geld wünschen. Qualcomm hat bislang offiziell nur gesagt, dass man die Übernahmepläne prüfe. Zu den Beratern von Broadcom zählt auch die Deutsche Bank.

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