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Fair Trade:Der Grüne Knopf wird nicht viel ändern

Grüner Knopf

Bei der Vorstellung des Siegels trägt Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) selbst einen "Grünen Knopf". Ob sein Jackett auch nachhaltig produziert ist?

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Deutschland hat das weltweit erste staatliche Textilsiegel für ethisch korrekte Kleidung eingeführt. Doch freiwillig wird die Branche nicht fairer.

Unternehmen leisten Pionierarbeit, sie bieten Mode an, ohne Mensch und Umwelt dafür auszubeuten - und Konsumenten greifen zu. Wenn es gut läuft, entfaltet der Wettbewerb eine Sogwirkung: Mehr und mehr Firmen machen mit, die Verbraucher ebenso. Am Ende, so die Vorstellung, kaufen die Menschen nur noch ökologisch und sozial einwandfreie Bekleidung.

Was wie ein modernes Märchen klingt, ist der Kerngedanke des Grünen Knopfs, des ersten staatlichen Textilsiegels weltweit, das das Bundesentwicklungsministerium nun in Deutschland einführt. So bestechend die Idee eines ethischen Wettbewerbs zwischen Unternehmen um die Gunst der Kunden aber scheint, in der Praxis ist sie längst durchgefallen. Freiwillig lässt sich bestenfalls eine Minderheit für eine andere Wirtschaftsweise gewinnen, aber keine ganze Branche auf die ethisch einwandfreie Seite umkrempeln. Daran wird auch der Grüne Knopf nichts ändern.

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Und das liegt nicht einmal daran, dass sie beim Erarbeiten des Siegels im Ministerium grobe Fehler gemacht hätten oder dass es am Willen der beteiligten Unternehmen mangeln würde, sondern schlicht an den Marktrealitäten. Es gibt längst Anbieter von fair und ökologisch sauber hergestellter Mode, und es existieren auch private Siegel, die Verbraucher auf entsprechende Produkte hinweisen, Gots beispielsweise oder die Fair Wear Foundation. Sicher, diese Vielfalt an Gütezeichen mag manchen Verbraucher verwirren, aber wer sich wachen Auges durchs Internet klickt oder im Laden umsieht, der findet schnell Bekleidung, die er mit einem guten Gewissen tragen kann. Diese Angebote gibt es nur, weil einigen Verbrauchern genau das wichtig ist. Mancher verzichtet zum Schutz der Umwelt sogar ganz auf den Kauf neuer Kleidung und greift zu Secondhandwaren.

Die Wirtschaft, sie wäre längst auf dem Weg in eine andere, gerechtere und nachhaltigere Zukunft, wenn alle Akteure so handeln würden. Aber das ist illusorisch, offensichtlich sind für den größten Teil der Wirtschaftenden andere Motive ausschlaggebend: für die meisten Unternehmen und deren Eigentümer der Gewinn, für viele Verbraucher der Preis, das Design oder das Image. Entsprechend gibt es auf dem Markt nur einen eng begrenzten Platz für Unternehmen, die sich freiwillig entscheiden, ausschließlich ethisch einwandfreie Produkte zu vertreiben. Das ist in allen Bereichen der Wirtschaft so, egal ob Energie, Textilien, Mobilität oder Tourismus.

Wenn sich wirklich etwas ändern soll, braucht es den politischen Eingriff

Dennoch erfüllen die Pioniere unter den Unternehmen und Konsumenten natürlich eine wichtige Funktion. Sie machen vor, dass eine grünere und/oder sozialere Produktion möglich ist und wie das funktionieren kann. So lief es bei den Verfechtern der Energiewende, die anfangs selbst Windräder konstruierten. Oder bei den Anhängern der biologischen und fairen Landwirtschaft, die direkt Bauern im Umland oder Übersee unterstützten. Oder bei den Gründern ethischer Banken, die transparente Geldanlagen konzipierten und auf den Markt brachten. Die Beispiele solcher Vorreiter sind vielfältig, eines ist ihnen aber gemein: Egal ob es um grüne Energie geht, um Bioprodukte, fairen Handel oder ethische Bankgeschäfte - die Anbieter sind bis heute auf dem Markt in der Minderheit, trotz Klimawandels, Artensterbens, Migration oder Finanzkrise.

Wenn sich wirklich etwas ändern soll, das haben die Anstrengungen für eine Energiewende gezeigt, braucht es den politischen Eingriff. Freiwilligkeit und Ausprobieren genügen nicht, um dem anderen Wirtschaften zum Durchbruch zu verhelfen. Auf dem Markt gibt es noch immer eine gewaltige Wettbewerbsverzerrung zugunsten von Unternehmen, die sich ökologisch und sozial schädlich verhalten. Getan wird meist nur, was vorgeschrieben ist, auch wenn den Akteuren bewusst ist, dass ihr Handeln Umwelt und Menschen schädigt. So aber haben konventionelle Unternehmen geringere Kosten als solche, die fair wirtschaften - und damit einen großen Vorteil am Markt.

Ein Meilenstein wäre deshalb ein Gesetz, das die Unternehmen aus Deutschland für die Produktionsbedingungen innerhalb ihrer gesamten Lieferketten in die Pflicht nimmt. Solch verbindliche Regelungen liegen bereits in der Schublade des Entwicklungsministeriums. Der Grüne Knopf zeigt, dass es nun höchste Zeit ist, sie auch umzusetzen. Die Unternehmen werden sich erst dann zukunftsfähiger verhalten, wenn die Gesellschaft ihnen entsprechende Vorgaben macht. Und die Verbraucher könnten jedes Kleidungsstück mit besserem Gewissen kaufen, ohne auf ein Siegel achten zu müssen.

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