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Fair Trade:Der Grüne Knopf kommt - und ist schon umstritten

January 7 2018 Dhaka Bangladesh Bangladeshi female workers work at a garments factory in Gazip

Näherinnen in Bangladesh: Der Lohn reicht selten aus, um davon eine Familie zu ernähren.

(Foto: Mehedi Hasan/imago/ZUMA Press)

Das erste staatliche Textilsiegel wird kommende Woche eingeführt - und ist schon vor dem Start umstritten.

Am Tag der offenen Tür im Bundesentwicklungsministerium im August waren die zehn grünen Nähmaschinen kaum zu übersehen, genauso wie der Slogan darüber: "Unser Zeichen für Verantwortung. Der Grüne Knopf kommt." Am kommenden Montag wird Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller das erste staatliche Textilsiegel der Öffentlichkeit vorstellen und dann wird klar sein, wie viele und welche Firmen dabei sind. Bekannt ist bereits, dass der Outdoorhersteller Vaude und Tchibo das Siegel erhalten und einige Firmen wie KiK die Prüfung erst später beenden werden. Beworben haben sich einige Dutzend Unternehmen. Auslöser für das Projekt war der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza mit mehr als 1130 Toten am 24. April 2013 in Bangladesch. In den Trümmern fanden sich die Label bekannter Marken. Primark, Benetton, Mango, C&A, KiK und andere hatten dort fertigen lassen.

Das Unglück katapultierte die Frage nach der Verantwortung von Unternehmen und Käufern aus dem globalen Norden für die Missstände in Fabriken des globalen Südens auf die internationale Tagesordnung: Mickrige Löhne, lange Arbeitstage, ein ungeschützter Umgang mit giftigen Chemikalien, fehlender Brandschutz.

Wenige Monate nach seinem Amtsantritt stieß Müller im April 2014 das sogenannte Textilbündnis an: Freiwillig sollten Unternehmen an Reformen vor Ort mitwirken. "Es ist gelungen im Lebensmittelbereich, die Gesamtkette auf verbindliche Standards festzulegen und die Kontrolle zu garantieren, wenn sie beispielsweise an das Biosiegel denken. Ich denke, einen ähnlichen Ehrgeiz sollten wir auch im Textilbereich haben." Müller forderte eine ökologisch saubere Produktion und existenzsichernde Löhne für die Beschäftigten sowie eine staatliche Kennzeichnung für fair und umweltgerecht hergestellte Bekleidung - bald "Grüner Knopf" genannt. Aber die Umsetzung ist schwierig, angesichts der vielen an der Fertigung von Textilien beteiligten Akteure, von den Baumwollbauern bis zur Konfektion sind es oft mehr als zehn Stufen.

26 Kriterien müssen erfüllt sein - vom Verzicht auf Chemikalien bis zu Mindestlöhnen

Aber was bewirken Konsumenten, wenn sie sich demnächst beim Einkauf für ein Kleidungsstück mit dem Grünen Knopf entscheiden? Sie kaufen ein T-Shirt, ein Hemd oder eine Jeans, bei deren Herstellung auf 26 Produktkriterien geachtet werden musste. Verboten sind etwa gesundheits- und umweltschädliche Chemikalien, und es gibt Grenzwerte für Abwasser. In den Zulieferbetrieben müssen ausreichend Feuerlöscher hängen. Die dort Beschäftigten müssen sich gewerkschaftlich organisieren können und die Fabriken die gesetzlichen Regeln für Arbeitszeiten, Mutterschutz und Entlohnung einhalten. Hinzu kommen 20 Anforderungen an die Unternehmen, die den Grünen Knopf verwenden, etwa Händler oder Modemarken. Sie müssen unter anderem einen Beschwerdemechanismus für die Beschäftigten ihrer Zulieferer einrichten und nachweisen, dass die angezeigten Missstände abgeschafft werden.

Durch alle diese Maßnahmen soll gewährleistet werden, dass die international geltenden Menschen- und Arbeitsrechte wie die ILO-Kernarbeitsnormen eingehalten werden, was als Voraussetzung dafür gilt, dass sich die Lage für die Beschäftigten in den Fabriken tatsächlich verbessert. Und wer kontrolliert das? Keine staatlichen Stellen, wie Verbraucherschützer und Nichtregierungsorganisationen fordern, sondern private Prüfunternehmen wie der TÜV. Solche Firmen haben auch in der Vergangenheit bereits Zulieferer in Entwicklungsländern überprüft, auch Rana Plaza vor dem schweren Unglück.

Der Grüne Knopf baut auf vorhandenen Siegeln wie dem Blauen Engel, Oeko-Tex-Standard, Fair Wear Foundation, Fairtrade oder Gots auf und bedeutet für bereits zertifizierte Unternehmen deshalb keine zusätzlichen Kosten. Der Grüne Knopf ist als eine Art Metasiegel gedacht, um den Verbrauchern die Orientierung im Siegel-Dickicht zu erleichtern. Der Verband der deutschen Textil- und Modeindustrie lehnt das Projekt ab. Das Konzept sei "unausgegoren", stehe auf wackligen Füßen und schaffe Bürokratie. Auf Kritik stößt auch die Beschränkung auf den deutschen Markt.

Wer Kleidung mit dem Grünen Knopf kauft, kann aber nicht davon ausgehen, dass der Lohn einer Arbeiterin, die die Kleidung hergestellt hat, ausreicht, um alle existenziellen Bedürfnisse von deren Familie zu decken, dass also genügend Geld für Ernährung, Wohnen, Gesundheit und Bildung der Kinder zur Verfügung steht. Denn Voraussetzung für den Grünen Knopf ist die Zahlung des gesetzlichen Mindestlohns, der häufig unterhalb eines existenzsichernden Mindestlohns liegt.

Harsche Kritik kommt deswegen von der Kampagne für Saubere Kleidung, von deren Mitgliedsorganisationen einige beim Textilbündnis mit dabei sind. Ohne existenzsichernde Entlohnung und eine Erfassung der ganzen Lieferkette könnten "Textilien, welche den Grünen Knopf tragen, nicht als 'fair', 'sozial nachhaltig' oder Ähnliches bezeichnet werden." Eine Ausweitung auf weitere Lieferstufen und die Zahlung existenzsichernder Löhne ist für die Zeit nach dem Abschluss der Pilotphase Mitte 2021 geplant, aber noch nicht beschlossen.

© SZ vom 06.09.2019
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