Energiekrise:Das Nord-Süd-Gefälle der Gasversorgung

Gasversorgung: Anlage des Gasspeichers Wolfersberg

Anlage des Gasspeichers Wolfersberg östlich von München. Ein großer Teil des Gases für Bayern kommt aber aus dem Salzburger Raum.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Angeblich will Russland seine Gas-Lieferungen durch die Pipeline Nord Stream 1 am Donnerstag wiederaufnehmen - sagen Insider. Der Chemie-Verband VCI warnt unterdessen schon mal vor Gasmangel im Süden der Republik.

Von Thomas Fromm

Die antike Philosophie hat auf vieles eine Antwort, und da, wo es schwierig wird mit Eindeutigkeiten, gibt es zumindest Sätze wie den des griechischen Philosophen Sokrates: "Ich weiß, dass ich nichts weiß."

Man weiß zum Beispiel gerade nicht, ob der russische Gazprom-Konzern nach dem Ende der Wartungsarbeiten an diesem Donnerstag wirklich wieder Gas durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 schicken wird, man weiß auch nicht, wie viel es dann am Ende sein wird. 40 Prozent? Mehr? Weniger?

Am Dienstagnachmittag zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Insider, wonach am Donnerstag wieder russisches Gas nach Westeuropa fließen soll - aber noch nicht in vollem Umfang. "Sie (Gazprom) werden zu dem vor dem 11. Juli gesehenen Niveau zurückkehren", sagte einer der Insider. Kremlchef Wladimir Putin warnte hingegen in der Nacht zum Mittwoch: Sollte Russland die in Kanada reparierte Turbine nicht zurückerhalten, drohe die tägliche Durchlasskapazität der Pipeline Ende Juli deutlich zu fallen; von derzeit 67 auf nur noch 33 Millionen Kubikmeter. Was und wie viel dann am Ende fließen wird - am Donnerstag und an den Tagen danach wird man es genau wissen.

Denn die Angst steckt tief: Wird Russland die Pipeline als ultimative Waffe im Sanktionskrieg gegen den Westen einsetzen, den Pipeline-Betrieb weiter eingestellt lassen und dann mal aus der Ferne zuschauen, wie so ein Land wie Deutschland durch den Winter kommt?

Die Chemie- und Pharmaindustrie ist der größte Gasverbraucher

Auch beim Verband der Chemischen Industrie (VCI) weiß man natürlich nicht so genau, wie es wirklich weitergehen wird. Aber wenn die Verbandsleute ihre Sicht zur Lage der Gasversorgung in Deutschland erklären, lohnt es sich, genauer hinzuhören, denn einige Gewissheiten gibt es hier schon. Zum Beispiel: Die Chemie- und Pharmaindustrie braucht an die 135 Terawattstunden Gas im Jahr. Oder, anders gesagt: Sie ist mit einem Anteil von 15 Prozent größter Gasverbraucher in Deutschland.

PET-Flaschen und Autoreifen, klar. Aber eben auch Dinge wie Schmerztabletten, Kerzen, Lebens- und Waschmittel oder Kleidung hängen an der Branche. Eigentlich ja fast alles. "Wir sind eng verknüpft mit dem Rest der Industrie", sagt Jörg Rothermel, Energieexperte beim VCI. Daher müsse man sich "mit der Gefahr echter, physischer Versorgungsprobleme auseinandersetzen. Da könnten wir noch erhebliche Verwerfungen im industriellen Bereich sehen."

Bayerns wichtigster Gasspeicher steht in Österreich

Zu den Dingen, die man auch nicht so genau weiß, bei denen man aber vermuten kann, wie es weitergeht, gehört das Verhältnis zwischen dem Norden und dem Süden des Landes. Also jenen Regionen, in denen das Gas vielleicht besonders knapp werden könnte. Vor allem Bayern, das zu einem großen Teil über den österreichischen Gasspeicher in Haidach bei Salzburg versorgt wird, dürfte ein Problem bekommen. Denn eines der größten Gasdepots Mitteleuropas ist schon jetzt ziemlich leer, gehört zu Gazprom und steht noch dazu jenseits der Grenze in Österreich. Man werde einen Gasmangel daher "nicht gleichzeitig in Deutschland sehen und auch nicht flächendeckend", sagt VCI-Experte Rothermel. Den Osten und Süden würde es im schlimmsten Fall zuerst treffen. Das weiß auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der in diesen Tagen schon mal vorsichtshalber Solidarität in Deutschland angemahnt hatte. "Wenn die bayerische Wirtschaft ein Problem bekommt, dann hat Deutschland ein Problem", sagte er. Eine Benachteiligung gegenüber dem Norden werde man "auf keinen Fall zulassen".

Flüssigerdgas per Schiff nach Bayern? Schwierig.

Alles nur eine Frage des nationalen Miteinanders? Nein, sagt VCI-Mann Rothermel. Es gehe hier weniger um Solidarität als um Logistik. "NRW und Niedersachsen können noch so solidarisch mit Bayern sein, wie sie wollen. Am Ende entscheiden die technischen Gegebenheiten." Und die sind die, die sie sind. Wenn das Gas nicht schnell in den Süden transportiert werden könne, dann helfe auch Solidarität nichts. "Man wird Flüssiggas nicht per Schiff über die Flüsse nach Bayern bringen können", sagt er. Auch das, immerhin, eine der wenigen Gewissheiten dieser Tage.

Was der Verband nicht möchte: Dass private Haushalte und die Industrie gegeneinander ausgespielt werden, das seit Wochen debattierte "Wer-bekommt-im-Ernstfall-zuerst-wie-viel-Gas"-Spiel. "Gesamtgesellschaftlich", sagt Rothermel, müssten alle dazu beitragen. Und Unternehmen müssten entscheiden und sich von einzelnen Produktionen trennen. Die Frage sei dann: "Wie wirtschaftlich sind für mich noch bestimmte Produktionen bei welchem Preis?" Um es vielleicht etwas konkreter zu machen: In Deutschland, dem Land der vielen verschiedenen Automodelle, Nudelsorten, Shampoos und Gesichtscremes, muss man sich eventuell auch darauf einstellen, demnächst weniger Auswahl zu haben. Mindestens das.

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