bedeckt München

Hoher Aktienwert:Rätseln über Gamestop

A GameStop retail store is seen in Los Angeles on Sunday, January 31, 2021. Sources told Deadline, an online news site

Eine Gamestop-Filiale in Los Angeles: Noch vor einigen Monaten war das Unternehmen vor allem eine kriselnde Handelskette.

(Foto: Jim Ruymen/imago images)

Der Hype um die Gamestop-Aktie schien für viele abgehakt. Doch nun gehen die Papiere zum zweiten Mal durch die Decke - und an der Börse fragt man sich, warum.

Von Jan Schmidbauer

Keith Gill reagierte am Mittwoch mit 33 Sekunden Internet-Humor auf die erfreulichen Entwicklungen des Abends. Mit einem Videoschnipsel, der im Netz schon zig Mal zu sehen war, aber selten so treffend erschien. Gill, auch bekannt unter seinem Youtube-Pseudonym Roaring Kitty, lud also das Video dieser weißen Katze hoch, die im Takt eines Trommlers mit dem Kopf zum Beat wackelt. Eine Katze, die erkennbar gut gelaunt ist.

Es würde durchaus plausibel erscheinen, wenn Gill zuhause in Boston/Massachusetts im selben Takt zum Beat gewippt hätte. Schließlich hatten die Ereignisse des Tages dem 34-Jährigen, der Anlegern schon vor mehr als einem halben Jahr die Aktie eines Computerspiele-Händlers namens Gamestop ans Herz legte, wieder einmal Recht gegeben - und ihn mutmaßlich um einiges reicher gemacht.

Die Aktie der US-Firma, deren sagenhafter Kurssprung die Börsenwelt schon im Januar in Aufruhr versetze und vor kurzem in einer Anhörung des US-Repräsentantenhaus mündete, stieg am Mittwochabend erneut in aberwitzigem Tempo. So schnell, dass die automatischen Warnsysteme der US-Börse mehrmals ausgelöst und der Handel ausgesetzt wurde.

Es ist ein erstaunliches Comeback. Nach der ersten Gamestop-Rallye, die bis Anfang Februar andauerte, dümpelten die Papiere irgendwo zwischen 40 und 50 Dollar herum - bis am Mittwoch nun ein zweiter heftiger Anstieg folgte, wenngleich die Kurse noch immer deutlich niedriger sind als Ende Januar.

Zum Handelsschluss in New York hatte sich der Kurs der Gamestop-Papiere am Mittwoch auf mehr als 90 Dollar verdoppelt. Am Donnerstag ging es weiter nach oben, bis auf 138 Dollar - ein Anstieg um mehr als 200 Prozent innerhalb von zwei Tagen. Auch andere Aktien, die schon bei der ersten Rallye auffällig beliebt waren - wie etwa die der Kinokette AMC - stiegen deutlich.

Waren es erneut Reddit-Nutzer?

Vieles erinnert an die Ereignisse im Januar. Eines ist allerdings anders: An der Börse traut sich diesmal kaum einer eine sichere Prognose zu, woher der extreme Anstieg kommt.

Beim ersten Hype um die Gamestop-Aktie schien die Sache klarer. Weil sie dem Unternehmen keine gute Zukunft zutrauten, hatten Hedgefonds mit extrem hohen Leerverkaufs-Positionen darauf gewettet, dass der Kurs von Gamestop abschmiert. Das trat allerdings nicht ein, unter anderem weil Privatanleger, die sich in Internet-Foren wie Reddit aufhielten, massenhaft in Gamestop-Aktien investierten. Die Wette der Hedgefonds ging also nicht auf. Trotzdem mussten sie die geliehenen Aktien massenhaft zurückkaufen und trieben damit den Preis in die Höhe. Short-squeeze nennt man diesen Moment an der Börse.

Und diesmal? Wird vor allem gemutmaßt. Waren es erneut die Reddit-Nutzer, die sich gegenseitig hochschaukelten? Oder war doch eine Personalentscheidung vom Dienstag der Auslöser, als Gamestop bekanntgab, sich von seinem Finanzchef Jim Bell zu trennen? Eine neuen short-squeeze schlossen viele Beobachter jedenfalls aus, weil der Anteil der leerverkauften Aktien inzwischen deutlich zurückgegangen ist.

Im Reddit-Forum Wallstreetbets, wo viele der Netz-Anleger versammelt sind, scheint die Stimmung jedenfalls außerordentlich gut zu sein. Dort überzeugte man sich in den vergangenen Wochen gegenseitig, die Gamestop-Aktien bloß nicht zu verkaufen. Für den ein oder anderen dürfte jetzt wieder ein schöner Gewinn rausgesprungen sein. Für diejenigen, die im Januar bei Kursen von weit über 400 Dollar eingestiegen waren, ist es dagegen noch ein sehr weiter Weg.

© SZ
Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungGamestop
:Leerverkäufe sind besser als ihr Ruf

Nach der Gamestop-Kursrallye fordern viele, Wetten auf den Fall eines Aktienkurses zu verbieten. Doch damit wäre niemandem geholfen - im Gegenteil.

Kommentar von Harald Freiberger

Lesen Sie mehr zum Thema