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Arbeitsmarkt:Jeder zweite Flüchtling ist als Helfer beschäftigt

Die RWI-Forscher ermittelten auch: Die Beschäftigungschancen hängen davon ab, ob Sprachkurse um Fachvokabular erweitert werden. Und, wenig überraschend, wie motiviert der Teilnehmer ist. Daran mangelt es Mohammed Valipour augenscheinlich nicht. Die Wand seines Zimmers sind mit Notizzetteln tapeziert. Darauf, jeweils in Deutsch und Farsi, Wörter wie "Zahnwurzelresektion" oder "Spiegel", aber auch "Bomben". Dazu Sätze wie: "Ich schlafe noch." Bei Fahima Hamidzada mangelte es lange an Gelegenheit zum Lernen. Wie bei anderen Migranten hagelte es Absagen bei der Suche nach einem Sprachkurs. Bis sie bei einer Schule nachhakte und anbot, dem Unterricht notfalls vom Boden zu verfolgen. Andere Frauen aus dem Flüchtlingsheim, sagt sie, die nicht richtig Deutsch lernten, seien immer noch arbeitslos oder gingen höchstens putzen.

Ihr selbst gehen heute mühelos Ausdrücke wie "Zickenkrieg" über die Lippen. Auch der Satz: "Deutschland ist ein Zertifikateland." Das beschreibt ein weiteres Problem der aktuellen Flüchtlinge: Während vier von fünf Deutschen Lehre oder Uni-Diplom haben, ist es bei ihnen nur jeder Fünfte. Hamidzada unterrichtete in der Heimat jahrelang Englisch. Doch ohne formales Uni-Zertifikat nimmt sie nun keiner. Forscher Herbert Brücker würde sich für jeden Flüchtling einen Fallmanager wünschen, der berät und Hindernisse zum Beruf abräumt. Besonders nötig wäre das für die Frauen. Sie kamen oft später, arbeiteten in der Heimat seltener - und ziehen dreieinhalb Mal so häufig Kinder wie männliche Migranten. Als Alleinerziehende mit drei Kindern hätte es Fahima Hamidzada wohl auch als Deutsche schwer.

Doch Fallmanager bleiben eine Ausnahme. Deshalb hat sie Glück, auf das gemeinnützige Start-up Social Bee gestoßen zu sein. Die Münchner Gründerin Zarah Bruhn stellt Migranten ein und vermittelt sie wie Zeitarbeiter. Für die nachfragenden Firmen sind Sprache und Bürokratieaufwand das größte Hindernis, einen Flüchtling einzustellen, sagt Wirtschaftsfunktionär Brossardt. Zumindest die Bürokratie übernimmt Social Bee weitgehend - und betreut die Migranten persönlich. So hat Hamidzada, die zuvor nur verschiedene Teilzeitjobs hatte, im Frühjahr ihre erste Vollzeitstelle angetreten. Am Empfang des Logistikers Dachser nimmt sie Telefonate entgegen, hilft Kunden - und bekommt nach und nach zusätzliche Aufgaben, etwa Berufskleidung zu bestellen. "Das ist genau mein Ding hier", sagt sie strahlend. Sie hofft, nach einem Jahr übernommen zu werden - und endlich vom Staat finanziell unabhängig zu sein.

Relativiert es die Erfolgszahlen, dass jeder zweite Flüchtling als Helfer beschäftigt ist? Nein, findet Forscher Brücker. Erstens würden die Helfer zur Zeit gebraucht. Und angesichts der Startnachteile sei es ein hoher Wert, dass die andere Hälfte als Fachkraft oder Spezialist arbeitet.

Grundsätzlich wünscht er sich aber, dass noch mehr von ihnen in höher qualifizierte Tätigkeiten gelangen. Das entspricht den Erwartungen von Menschen wie Fahima Hamidzada, die sich später bei Dachser weiterentwickeln will. Und es garantiert auf Dauer sicherere Arbeitsplätze.

"Derzeit schöpfen die Flüchtlinge ihr Bildungspotenzial noch nicht aus", sagt Brücker. Zwar haben 60 Prozent in der Heimat Schulen besucht, die Haupt- und Realschulen oder Gymnasien vergleichbar sind. Doch nach den aktuellsten Daten von 2017 machte in Deutschland nur jeder zehnte eine Ausbildung oder studierte.

Da türmen sich Hürden auf. So wie bei Mohammed Valipour, der mit einem iranischen Bachelor in Metallurgie wie geschaffen scheint für den deutschen Fachkräftemangel. Valipour möchte auch nicht bei seinen bisherigen Jobs im Drogeriemarkt oder als Hilfsarbeiter hängen bleiben - sondern in Deutschland studieren. Doch bisher gelang das nicht. Bis diese Woche. Da wurde er für ein Einführungssemester an der Technischen Hochschule Ingolstadt zugelassen. "Ich habe, wie sagt man hier' Schwein gehabt", erklärt er lächelnd. Endlich geht es los mit der weiteren Ausbildung - vier Jahre nach seiner Ankunft.

Vbw-Geschäftsführer Brossardt sagt: "Geduld und Zuversicht sind das Wichtigste". Man solle in der Gesellschaft mehr für die Integration werben. Forscher Brücker sagt: Sobald die Beschäftigungsquote der Flüchtlinge deutlich über 50 Prozent gehievt werden kann, ist der jährliche Finanzierungssaldo für den Sozialstaat ausgeglichen. "Es geht aber um eine humanitäre Frage, keine ökonomische, und das haben wir relativ günstig hinbekommen."

Hamidzada sagt, das Beste an Deutschland sei die Sicherheit. "Ich habe keine Angst mehr, entführt oder getötet zu werden. Wenn Sie in Afghanistan aus dem Haus gehen, wissen Sie nicht, ob Sie zurückkehren werden." Natürlich bekommt sie den politischen Streit um die Flüchtlinge mit. "Scheiß Ausländer" hat sie auch schon gehört. "Ich hätte einen Wunsch", sagt sie und blickt einen dabei fest an: "Ich bitte die Deutschen um Verständnis. Folgt nicht einfach den Vorurteilen. Wir möchten ja arbeiten."

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