Flexible Arbeitszeiten Warum die Tarifgespräche der Metaller fürs ganze Land wichtig sind

Warnstreiks der Metall- und Elektroindustrie wie hier in Brandenburg soll es am Montag geben.

(Foto: dpa)

Viele Deutsche wollen flexibler arbeiten. Gibt es im größten Industriezweig keinen Kompromiss, scheitern solche Anliegen auch in anderen Branchen.

Essay von Alexander Hagelüken

Da haben deutsche Unternehmen so viele Aufträge wie nie, da könnte die Wirtschaft in diesem Jahr noch stärker wachsen als erwartet, da ist die Zahl der Beschäftigten so hoch wie nie - und dann fällt der größten deutschen Gewerkschaft nichts Dämlicheres ein, als den Boom durch Streiks für ein esoterisches Ziel zu beschädigen? So hört sich die Kritik an, die der IG Metall zur Zeit entgegenschlägt. Jedenfalls, wenn man den Arbeitgebern zuhört, die so unversöhnlich klingen wie selten.

Die Gewerkschafter in der Frankfurter Zentrale wissen selbst, welch mächtiges Risiko sie mit dem wohl härtesten Tarifstreit seit vielen Jahren eingehen, der am Montag mit Warnstreiks beginnen soll. Es ist ungewöhnlich, nicht einfach nur mehr Lohn zu fordern wie sonst, sondern ein Recht für Beschäftigte, ihre Arbeitszeit vorübergehend auf bis zu 28 Stunden zu senken. Werden die Beschäftigten wirklich ausdauernd für flexibleres Arbeiten streiken, falls der Konflikt mit den Unternehmen so groß wird, wie es sich abzeichnet?

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Eines steht außer Frage: Die IG Metall hat sich keineswegs ein esoterisches Ziel herausgepickt. Denn inzwischen wünschen sich viele Bundesbürger, eine gewisse Zeit lang weniger zu arbeiten, um sich beispielsweise um die Kinder oder ältere Angehörige zu kümmern, ohne dafür auf jedwede Karriere zu verzichten. Die Forderung der Gewerkschaft ist deshalb nicht abseitig, sondern avantgardistisch. Es könnte ein Signal für alle Arbeitnehmer sein. Denn was im größten Industriesektor mit vier Millionen Beschäftigten herauskommt, bei Autokonzernen, Medizintechnikfirmen und Maschinenbauern, das strahlt weit aus. Setzt sich die IG Metall durch, verändert sie die Bedingungen im ganzen Land.

Damit lässt sich auch das Risiko quantifizieren. Scheitert die größte deutsche Gewerkschaft mit ihrer Forderung, wird keine der anderen, kleineren Gewerkschaften das Thema anfassen. Auch die politische Debatte über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf würde einen Rückschlag erleiden. Die IG Metall hat also eine besondere Verantwortung.

Schuften ohne Rücksicht auf Verluste, das erscheint den Jüngeren eher traurig

Zunächst einmal weist es ja eine gewisse Ironie auf, dass der IG Metall vorgeworfen wird, die Lohnrunde mit einem gesellschaftlichen Thema zu verknüpfen. Üblicherweise werden Gewerkschaften für das Gegenteil kritisiert: Sie versteiften sich auf traditionelle Tarifrituale, statt sich darum zu kümmern, was gerade jüngere Menschen bewegt - deshalb hätten die Gewerkschaften in den vergangenen Dekaden an Mitgliedern eingebüßt. Mit der Vereinbarkeit von Leben und Arbeit greift die Gewerkschaft nun eine Frage auf, die viele Menschen bewegt, gerade jüngere.

Personalchefs stellen dies schon länger fest, wenn sie es mit Millennials zu tun haben, der so genannten Generation Y: Die nach 1980 Geborenen formulieren andere Prioritäten als Arbeitnehmer früher. Schuften ohne Rücksicht auf Verluste, das erscheint ihnen weniger toll. Mancher wagt im Bewerbungsgespräch gar, nach Sabbaticals zu fragen, auf die Gefahr hin, dass ein alteingesessener Personaler dies als totalen Wahnsinn empfindet. Millennials wollen der Karriere häufig nicht alles opfern - zum Beispiel wollen sie einen Umgang mit ihren Kindern, der über ein paar Alibistunden am Wochenende hinausgeht. Klar, sie nehmen ihren beruflichen Aufstieg wichtig. Aber eben: nicht nur.