Fifa und EA Sports:Wer hat sich verzockt?

Lesezeit: 5 min

Szene aus dem Videospiel "Fifa"

Für Freizeit-Zocker wurde "FIFA" zum Spielplatz, wie es Bolzplätze für echte Fußballer sind.

(Foto: PR / EA Sports)

Die weltbekannte "FIFA"-Computerspielreihe heißt in Zukunft anders. Die Spieler verlieren dadurch nur wenig. Für den Fußball-Weltverband und seinen Chef sieht es da anders aus.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

"FIFA" heißt jetzt "EA Sports FC" - aber sonst ändert sich nichts. Man muss schon die ganz großen Vergleiche bemühen, in diesem Fall zum unvergessenen Raider/Twix-Werbespot aus den 90ern, um zu verstehen, was da gerade in der Fußball- und Videospielbranche passiert ist: Die Verhandlungen zwischen Fußball-Weltverband Fifa und Spielehersteller EA Sports sind endgültig gescheitert, nach drei Jahrzehnten läuft die wahnwitzig erfolgreiche Zusammenarbeit nach der Frauen-WM im kommenden Jahr aus und wird nicht verlängert.

Man könnte nun sagen: Och, ist doch nur ein Videospiel. Dazu ein paar kapitalistische Zahlen, in die sie seit jeher vernarrt sind, in beiden Branchen: EA Sports hat in den vergangenen 20 Jahren mehr als 20 Milliarden Dollar mit dieser Serie eingenommen, der Weltverband kriegt pro Jahr 150 Millionen Dollar an Lizenzgebühren. Mit 325 Millionen verkauften Einheiten ist es laut "Guinness-Buch der Rekorde" die erfolgreichste Sport-Videospiel-Serie der Geschichte, das Einzelformat "FIFA 12" gilt mit 186 Millionen Dollar als Sportspiel mit dem höchsten Umsatz innerhalb einer Woche.

Dazu kommen angesichts 150 Millionen aktiver Spieler die schwer messbaren Aspekte popkultureller Phänomene: Wenn sich Tennisspieler Daniil Medwedew nach seinem US-Open-Sieg zu Boden wirft, darüber "L2 plus Left" sagt und damit die Tasten-Kombination für den Toter-Fisch-Jubel meint - was ist so ein Moment wert? Oder wenn sich jemand gar nicht mal so sehr für Fußball interessiert, aufgrund der Zockerei mit Freunden aber weiß, dass Niklas Süle vom FC Bayern zu Borussia Dortmund wechseln wird? Wenn die mehrfachen Videospiel-Weltmeister Dennis und Daniel Schellhase, besser bekannt als "FIFA-Twins", zu Botschaftern der Fußball-WM 2006 in Deutschland werden?

Die Fifa hat sich offenbar in ihren Forderungen übernommen

Die Frage deshalb, natürlich: Wer hat sich verzockt? Die kurze Antwort, so unglaublich es klingen mag: der Weltverband, der durch den geplatzten Deal deutlich mehr verlieren dürfte als EA Sports und kaum eine Chance hat, dadurch etwas zu gewinnen. Ja, der Hersteller mag diesen Namen verlieren, der für viele eher Synonym für ein Videospiel ist als für den Verband (so wie viele gar nicht mehr wissen, dass John Madden, Namensgeber der EA-Sports-Football-Simulation, ein genialischer Trainer gewesen ist), aber sonst behält der Konzern so ziemlich alles, was die Serie legendär werden lässt - und gewinnt gar noch dazu.

"Es geht um die Frage: Was können wir mehr für die Spieler tun?", sagte Andrew Wilson der New York Times. Er war einst Fifa-Ingenieur, mittlerweile ist er Chef von EA Sports und hat zuletzt persönlich mit Fifa-Boss Gianni Infantino verhandelt, um doch noch eine Verlängerung zu erzielen: "Es geht aber auch um die Fragen: Wie können wir mehr Spiel-Modi einführen? Wie können wir mehr Spieler erreichen? Wie können wir über die Grenzen des eigentlichen Spiels hinauswachsen?"

Nun wird es interessant: Die Fifa soll nicht nur eine Verdopplung der Lizenzgebühren auf 300 Millionen Dollar pro Jahr gefordert haben, sondern zum einen, dass im Umfeld des Videospiels ausschließlich die Partner des Weltverbandes zu sehen sind - ein Vorgehen, das zum Beispiel auch bei den sogenannten "Bannmeilen" um WM-Stadien zu beobachten ist. Zum anderen wollte die Fifa ihre Marke anderweitig positionieren, also etwa auch anderen Herstellern von Fußball-Simulationen zu Verfügung stellen. In einer Mitteilung des Weltverbandes heißt es nun, dass die Fifa seine Spiele-Rechte diversifizieren wolle und damit "Fußball- und Spiele-Fans mehr Auswahl" böte.

Das klingt ein bisschen wie ein Verlassener mit gebrochenem Herzen, der behauptet, dass er nun mit vielen anderen Menschen ausgehen könne - es ist nämlich so: Ja, EA Sports verliert diesen Namen, der untrennbar mit dem Spiel verknüpft ist, und es verliert das Recht, eine Fußball-WM im Spiel anzubieten, behält allerdings über knapp 300 andere Lizenzierungsrechte zahlreiche andere Elemente, und zwar exklusiv: die an der englischen Premier League etwa, der deutschen Bundesliga, der italienischen Serie A und der Champions League - und somit auch die Rechte an mehr als 19 000 Spielern, 700 Vereinen und 100 Stadien.

Mehr noch: Ohne die Restriktionen der Fifa kann EA Sports nun Kooperationen mit Firmen eingehen, die bislang nicht erlaubt waren. Also zum Beispiel Sportartikelhersteller, und was das bedeutet, zeigte der Twitter-Eintrag von Nike am Dienstagnachmittag. Übersetzt ist da zu lesen: "Fußball, darf ich dir die Zukunft vorstellen? Wir sind stolz darauf, eine Partnerschaft mit EA Sports FC einzugehen und die Zukunft des schönen Spiels zu gestalten. Mehr dann im Juni 2023. Seid ihr bereit?" EA Sports könnte nun auch in andere Bereiche expandieren, Ticket- und Trikotverkäufer oder Wettanbieter zum Beispiel, darüber ist aber noch nichts offiziell bekannt.

EA Sports hat drei Elemente auf genialische Weise verknüpft

Um zu verstehen, warum die Fifa die Serie wohl dringender braucht als umgekehrt, sollte man wissen, wie die Spiele zum popkulturellen Phänomen wurden. Es hat einige wunderbare Fußball-Simulationen gegeben: "Sensible Soccer" (1992) etwa mit einfachstem Gameplay und grandiosen Blutgrätschen; oder "Kick Off 2" (1990), das mehrere Schuss-Varianten trotz nur eines Knopfes erlaubte. Oder "Virtua Striker" (1995), die erste Simulation mit 3-D-Figuren. Oder "Actua Soccer" (1995), die Bewegungen von Sheffield-Wednesday-Spielern über Motion-Capture-Technologie einfing. Und freilich die "Pro Evolution Soccer"-Serie, lange Zeit wegen des besseren Gameplays der große EA-Sports-Konkurrent.

EA Sports hat drei Elemente auf genialische Weise verknüpft. Erstens: Diese Rechte, die es seit 1993 besitzt und offensiv vermarktete; in der Werbung von 2006 etwa, in der es hieß: "Hast du nicht schon vom perfekten Schuss geträumt? Wenn die ganze Nation den Atem anhält? Du bist Wayne Rooney. Du bist Ronaldinho. Du bist ein Star!" Es war das Versprechen, auch so zocken zu können wie die Megastars, später kombiniert mit der Möglichkeit, sein eigenes Abbild ins Spiel zu integrieren und als Star des Lieblingsvereins die meisten Tore zu schießen.

Das war das Lockmittel für die Casual Gamer, für die "FIFA" zum Spielplatz wurde, wie es Bolzplätze für echte Fußballer sind. Etwa um diese Zeit herum verbesserte der Konzern das Gameplay derart, dass "FIFA" zur Variante für Profizocker wurde und damit auf Videospiel-Veranstaltungen verwendet wurde. Der dritte Aspekt: popkulturelle Referenzen - wenn also auf sozialen Medien ein Video auftauchte, in dem Hobby-Fußballer einen wahnwitzigen Jubel wie "Toter Fisch" aufführten, dann war das bald im Videospiel (und später bei den US Open wegen Medwedew) zu sehen.

EA Sports hat quasi eine Monopolstellung bei Fußballsimulationen, und der Konzern weiß dies auch zu vermarkten; über sammelbildchenähnliche "Player Packs" zum Beispiel, über die Spieler ihre Mannschaften verbessern können. Oder übers Kreieren von Welten über Fußball hinaus, wie es zum Beispiel andere Videospiele wie "Fortnite" oder "Roblox" tun. Am Spiel selbst dürfte sich also wenig ändern, wie die vergangenen Jahre gezeigt haben: kleine Verbesserungen, oft kosmetisch oder im Gameplay - und die Leute kaufen trotzdem.

Die Fifa versucht seit Jahren, den digitalen Wandel zu monetarisieren, mit eher durchwachsenem Erfolg. Gareth Sutcliffe, Videospiel-Experte bei Enders Analysis, fasst prägnant zusammen, was da gerade passiert ist: "EA wird weiterhin Gas geben. Sie haben die technischen Mittel, sie haben das geistige Eigentum an einem fantastischen Spiel, sie haben Möglichkeiten zur Vermarktung. Die Fifa hat: den Namen - und sonst?" Das ist freilich auch eine Aussage zu einem grundsätzlichen Problem für den Weltverband.

Das sind keine guten Nachrichten für Fifa-Chef Infantino, der all die Skandale um seine Person und den Verband abbügelt mit der Aussicht auf höhere Einnahmen - so will er seine dritte Amtszeit als Präsident sichern. Nun jedoch verliert er einen jährlichen dreistelligen Millionenbetrag und einen zuverlässigen Partner, ein adäquater Ersatz ist derzeit nicht in Sicht. Im Herbst wird noch mal eine "FIFA"-Variante erscheinen, danach könnte der Werbeslogan lauten: "FIFA" heißt jetzt "EA Sports FC", aber sonst ändert sich nichts - zumindest für EA Sports.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusLive-Wetten
:Wer glaubt da noch an Zufall

Das Geschäft mit Livewetten boomt, und alle wollen dabei sein: TV-Sender, Tech-Firmen, mächtige Sportverbände. Über eine Branche, die es rausgeschafft hat aus der Schmuddelecke - und auf dem Weg ist, eine Art neue Börse zu werden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB