US-Notenbank:Fed signalisiert Zinswende

US-Notenbank: Eigentlich sollten bei der Sitzung der Fed-Notenbanker wirtschaftliche Faktoren wie der Konsum im Vordergrund stehen.

Eigentlich sollten bei der Sitzung der Fed-Notenbanker wirtschaftliche Faktoren wie der Konsum im Vordergrund stehen.

(Foto: Angela Weiss/AFP)

Vor der Sitzung der Federal Reserve verursachen aber Berichte über große private Geldanlagen mancher US-Zentralbanker Ärger. Sie sollen wohl auch von ihrer eigenen Politik profitiert haben.

Von Victor Gojdka, Frankfurt

Wenn Anleger etwas für ihre eigene Geldstrategie lernen möchten, was läge dann näher als ein Blick in die Depots der Geldhüter. Wer Märkte mit Geld flutet, Zinsen dirigiert und mit Bankern parliert, der muss doch wissen, welche Anlagen sich lohnen. Die Einsichten der mächtigen Zentralbanker-Elite sind für viele Privatanleger daher von größtem Interesse. In einem Dokumenten-Konvolut der regionalen US-Notenbanken findet sich nun der ganz persönliche Geld-Guide der dortigen Zentralbanker. In vielen Zeilen, Kästchen und mit Kreuzchen mussten die Notenbanker offenlegen, auf welche Papiere sie setzen. Anleger erhalten dort tiefe Einblicke in die Vermögensverhältnisse der Geldhüter. Manche würden sagen: Einblicke in Untiefen.

Statt über A wie Anleihekäufe bis Z wie Zinsen zu diskutieren, dürfte die aktuelle Notenbanksitzung nämlich durch einen Skandal überschattet sein: Manche regionale Fed-Notenbanker haben ausgerechnet im Corona-Crash Aktien in Millionenhöhe gehalten - und mitunter sogar aktiv damit gehandelt. Selbst Fed-Chef Jerome Powell hatte Zugriff auf Papiere, die von den Stützungsmaßnahmen der Notenbank profitiert haben könnten. Es geht bei dieser Angelegenheit um nicht mehr und nicht weniger als das wichtigste Wort im Notenbank-Universum: die Unabhängigkeit.

Der Präsident der regionalen Fed-Einheit in Richmond, Thomas Barkin, hielt zum Beispiel Unternehmensanleihen in Millionenwert. Mehr als eine Million Dollar hatte er jeweils auf den Getränkemacher Pepsi, die Baumarktkette Home Depot oder den Pharmakonzern Eli Lilly gesetzt. Pikant dabei: Die US-Notenbank selbst begann im vergangenen Jahr, Unternehmensanleihen zu kaufen - für die gigantische Summe von 46,5 Milliarden Dollar, darunter auch Pepsi und Home Depot. Zuerst hatte der Börsensender CNBC über diese Vorgänge berichtet.

Doch die Vorwürfe reichen bis an die Spitze der US-Notenbank: Auch auf einem Bankkonto, zu dem Fed-Chef Jerome Powell Zugang hatte, lagen US-Kommunalanleihen in Millionenhöhe. Das Prinzip ist einfach: Anleger leihen Kommunen über Anleihen Geld und kassieren dafür einen Zins. So fanden sich auf dem besagten Konto Anleihen von Baltimore County, Denver, Maryland State oder auch New York. Experten wissen allerdings, dass die US-Notenbank just jenen Markt für Kommunalanleihen im vergangenen Jahr mit mehr als fünf Milliarden Dollar versorgt hat.

Anlegerschützer reagierten in ersten Stellungnahmen schockiert

Ganz so eindeutig wie bei anderen betroffenen Zentralbankern ist die Sache bei Fed-Chef Powell allerdings nicht: Kommunalanleihen gelten nicht unbedingt als Ertragsbringer, sondern eher als langweilige Zinspapiere. Powell bei diesen Positionen also ein überbordendes Spekulationsinteresse zu unterstellen, erscheint fragwürdig. Außerdem lagen die Papiere bereits vor dem Corona-Crash auf dem entsprechenden Konto - und wurden im vergangenen Jahr nicht bewegt. Umgekehrt hätte es sogar merkwürdig wirken können, wenn Powell einen Verkauf der Papiere veranlasst hätte. Experten hätten ihm dann erst recht unterstellen können, sein Insiderwissen über die ökonomische Lage zu versilbern oder, schlimmer noch, gar an einen Kollaps der Kommunen zu glauben.

Dass Powell wie auch immer geartete Taschenspielertricks wirklich nötig hat, ist kaum zu glauben. Die Washington Post taxierte sein Vermögen zu Amtsantritt auf circa 20 bis 50 Millionen Dollar. Gut verdient haben dürfte der Notenbanker vor allem in seiner Zeit bei der Investmentfirma Carlyle, die für ihre ausgebufften Firmenjäger bekannt ist. Bei einer Washingtoner Denkfabrik arbeitete Powell später allerdings für das Gehalt von genau einem Dollar - pro Jahr.

Anlegerschützer reagierten in ersten Stellungnahmen schockiert. Zumindest bei manchen der Fed-Verantwortlichen hätten sich "skandalöse Aktivitäten" gezeigt. "Das hat die Fed ihrer moralischen Autorität beraubt, die größten Banken der Wall Street kontrollieren zu wollen", gab Dennis Kelleher von der Nonprofit-Organisation Better Markets zu Protokoll.

Christine Lagarde investiert in einen Aktienfonds, Jens Weidmann in den ETF MSCI World - und den Dax

Inzwischen haben mehrere Notenbanker auf die öffentliche Kritik reagiert: So versprachen die regionalen Fed-Präsidenten Robert Kaplan und Eric Rosengren, ihre Einzelaktien bis spätestens Ende des Monats abzuverkaufen und das entsprechende Geld danach in passive Investmentprodukte zu stecken, die üblicherweise eins zu eins einem breiten Index folgen - und damit etwas "langweiliger" sind.

Nur auf den ersten Blick langweilig verlief die US-Zinssitzung am Mittwoch. Die Fed teilte mit, den Leitzins zunächst weiter in der niedrigen Spanne von 0,0 bis 0,25 Prozent zu belassen. Allerdings signalisierten die US-Währungshüter, dass es bereits nächstes Jahr eine Erhöhung geben könnte. Bislang hatten sie eine Zinswende erst ein Jahr später angepeilt. Zugleich bereitete die Fed die Finanzmärkte darauf vor, dass die massiven Wertpapierkäufe schon bald, gegebenenfalls laut Powell im November, heruntergefahren werden könnten. Außerdem korrigierte die Fed die Wachstumsprognose für das laufende Jahr in den USA nach unten korrigierte, von sieben auf 5,9 Prozent.

ÜbriDie europäischen Zentralbanker haben ihre privaten Anlagen übrigens auf die Nullzinsphase eingestellt: So investiert die oberste Geldhüterin im Frankfurter Osten, Christine Lagarde, unter anderem in einen europäischen Aktienfonds mit Fokus auf starke Dividenden. Bundesbank-Chef Jens Weidmann wiederum vertraut bei seiner Vermögensstrategie den reinen Indexfonds, die eins zu eins einem Börsenbarometer hinterherlaufen. So folgt ein Teil seines Geldes dem MSCI World, der über 1600 Aktien aus 23 Ländern umfasst. Und, natürlich, dem deutschen Leitindex Dax.

© SZ
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